Neue digitale Artikel-Spezies
Magazingeschichten werden durch das Internet und Tabletgeräte auf spannende Weise aufgepeppt und auf diese Weise zu eigenständigen Produkten.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Magazingeschichten werden durch das Internet und Tabletgeräte auf spannende Weise aufgepeppt und auf diese Weise zu eigenständigen Produkten.
Ich habe kürzlich ein Abo für das digitale Monatsmagazin „Symbolia“ abgeschlossen. Pro Ausgabe bekomme ich fünf englische Artikel zu allen möglichen Themen, von Wissenschaft bis hin zu Politik. Das Besondere daran? Symbolia ist durchgehend comichaft illustriert, enthält also keine Fotos. Dazu kommen Grafiken und interaktive Elemente, etwa kurze Audio-Einspieler und Textkästen mit Erklärungen. Ich war erstaunt, wie gut es funktioniert. Nach ein paar Geschichten stellte ich fest: Symbolia hat das Kunststück schafft, mir das Gefühl zu vermitteln, ich hätte gerade einen kurzen Dokumentarfilm gesehen.
Als ich zum ersten Mal im Blog „Download the Universe“ über Symbolia gelesen habe, konnte ich mir nicht vorstellen, dass das Konzept funktioniert. Und tatsächlich war es anfangs ungewohnt bis nervig, nur relativ kurze Textpassagen zu haben, Protagonisten als Comicfiguren zu sehen und Erklärkästen extra aufklappen zu müssen. Doch ich gewöhnte mich schnell daran, besonders an die Soundbites – kurze Originaltöne, die rüberbringen, ob jemand engagiert oder genervt ist. Im Falle einer Geschichte über einen verschmutzten, langsam sterbenden See gaben mir die Stimmen von Anwohnern, Umweltschützern und Politikern das Gefühl, vor Ort zu sein. Und nach kurzer Zeit ergaben all die Elemente zusammen eine spannende Gesamtwirkung, die mich an Dokumentarfilme erinnerte.
Ein weiteres Plus ist, das nicht alle Geschichten nach demselben Muster gestaltet sind. Die Abnehmversuche eines chinesischen Mikrobiologen, der seine Ernährung mit Blick auf die Vorlieben gesundmachender Darmbakterien umstellte, werden stärker mit Erklärkästen unterfüttert. Eine Recherchereise in den Irak wiederum ist als reiner Schwarz-weiß-Comic aufgemacht. Das mag alles nicht jedermanns Geschmack sein. Bei manchen Geschichten wie die mit den Darmbakterien hätte ich auch gerne noch mehr gelesen. Aber das ist das Schicksal jeder Geschichte. Es wird immer Leser geben, die noch mehr Informationen wollen.
Insgesamt es ist eine spannende Abwechslung von der üblichen Art, wie wir Geschichten konsumieren. Die Macher von Symbolia wollen mit der Comic-Aufmachung gezielt jüngere Leser ansprechen. Sie demonstrieren aber auch, wie digitale Geräte wie Tablets neue Erzählformen beziehungsweise neue Kombinationen existierender Medien hervorbringen. Und sie sind nicht alleine. Der oben genannte Blog stellt regelmäßig spannende digitale Lese-Projekte vor. So reichert etwa die „New York Times“ klassische Zeitungsartikel an; Ein Beispiel ist eine Geschichte über erfahrene Skifahrer, die in eine fatale Lawine geraten können. Sie war ergänzt durch kurze Videos mit O-Tönen und 3D-Flügen über das Skigebiet.
Die Kombination verschiedener Medien wird häufig für besonders lange Magazingeschichten genutzt, von Polit-Reportagen über Porträts bis hin zu Wissenschaftsgeschichten. Solche langen Texte, auf Englisch „longform“ genannt, sind auf dem Weg, sich zu einem eigenständigen Produkt auszuwachsen. Mittlerweile lassen sie sich prima einzeln verkaufen, zum Beispiel über Amazons Portal „Kindle Singles“ oder Plattformen wie Atavist und Byliner. Große Tageszeitungen wie die „New York Times“ und „The Wall Street Journal“ kooperieren bereits mit ihnen. Wer also längere Geschichten sucht, als sie üblicherweise in der Tagespresse zu finden sind, wird hier gut bedient. Es muss auch nicht immer die animierte Web-Version sein. Parallel dazu bieten die Zeitungen oft auch eine einfache eBook-Version an. Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich die Leseangebote und -gewohnheiten in Zeiten digitaler Medien entwickeln. (vsz)