"Do not rush when running"

Japan ist ganz groß darin, die Menschen vor den Tücken der Technik zu schützen. Überall weisen Warnschilder auf Gefahren hin – manchmal auch auf Englisch.

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Von
  • Martin Kölling

Japan ist ganz groß darin, die Menschen vor den Tücken der Technik zu schützen. Überall weisen Warnschilder auf Gefahren hin – manchmal auch auf Englisch.

Technik ist nur gut, wenn sie halbwegs ungefährlich ist. Und in keinem Land wird so viel dafür getan, die Menschen vor dem Fortschritt zu schützen wie in Japan. Überall weisen Warnschilder auf die meist mehr denn weniger offensichtlichen Gefahren hin. Mein liebstes ist eines, das in meiner alten Bleibe in Toyosu am Geländer des Flures in der neunten Etage angebracht war: Auf ihm wurde ein Strichmännchen durchgekreuzt, das über die Balustrade kletterte. Verbunden wurde das mit der schriftlichen Bitte, nicht über das Geländer zu steigen. Nach dem Motto: Ein Fall aus dieser Höhe gefährdet ihre Gesundheit.

Ein anderes auf einem Bahnhof der Monorail in Osaka hat mich auf die Idee gebracht, heute über dieses Phänomen zu schreiben. Bei Stationen der Monorail liegt der Boden 3,2 Meter unter dem Bahnsteig. Wer runterfällt, hat also keine Chance, wieder nach oben zu klettern, bevor der nächste Zug kommt. Glücklicherweise werden uns Fahrgästen wertvolle Überlebenstipps gegeben.

Wer den Fall ohne Genickbruch überstanden hat, sollte nicht versuchen, wegzulaufen, da er dann von der Bahn erwischt werden könnte, erklärt das Schild bildlich. Stattdessen soll man sich an die Betonwand kauern, die als Sicherheitszone gestaltet worden ist – oder sich aber auf den Boden legen. Da die Monorail nicht auf Schienen fährt, sondern auf einem schwebenden Laufband aus Beton, bleiben unter dem Zug 50 Zentimeter Platz. Genug Überlebensraum, solange man nicht aus Neugier den Kopf hebt, um nach dem herannahenden Zug Ausschau zu halten.

Sie sind wirklich überall, diese Schilder. An Fahrstuhltüren warnen oft Aufkleber, die kleine Krebse mit großen Scheren zeigen, davor, sich doch bitte nicht zwischen den Türen einzuklemmen. In der U-Bahn, in der ich gerade fahre, warnen andere Aufkleber davor, nicht den Finger in die Ritze zu stecken, die sich zwischen Tür und Zugwand befindet. Besonders nicht, wenn sich die Tür öffnet!

Es könnte ja jemand darauf kommen. Ach ja, in einigen Parks warnen Schilder mit großen Bärenpranken vor – na, richtig geraten? – sexueller Belästigung (obwohl die morgens in der Stoßzeit in den Zügen wahrscheinlich häufiger vorkommt als im Park). Immer wieder gern gesehen ist auch das Arsenal an Warn- und Gebotszeichen an Rolltreppen, die zudem kurz vor ihrem Ende ihre Benutzer freundlich verbal darauf hinweisen, dass die Fahrt gleich endet.

Auch in den Fabriken setzt sich die Schilderflut fort. In einem Werk von Toyota hängen allen Ernstes Poster im Treppenhaus, die erklären, wie man eine Treppe richtig zu gehen hat. Immer schön auf der richtigen Seite von dem aufgeklebten Mittelstreifen bleiben, damit man nicht mit dem Gegenverkehr zusammenstößt. Und eine Hand immer auf dem Geländer, um einen eventuellen Sturz aufzufangen.

Die Schildern spiegeln wieder, wie fürsorglich die Gemeinschaft einen behandelt. "Ombu"-Gesellschaft ist das Wort: Ombu beschreibt das Tragen eines Kindes auf dem Rücken. Und so, wie die Mutter das Kind auf diese Weise wohlig in den Schlaf wiegt, macht es die Gemeinschaft mit dem Individuum. Es ist daher kein Wunder, dass Japan eines der sichersten Länder der Welt ist – und Japaner im Ausland zu einer der gefährdetsten Arten überhaupt zählen.

Hin und wieder werden die Schilder ausländerfreundlich auch ins Englische übersetzt. Das wiederum hat das "Jinglish"-Spotting zu einem Volkssport unter Ausländern in Japan gemacht. Mein persönlicher Liebling bisher ist ein Warnschild in einer Fabrik, das sich auf Japanisch "Bitte nicht laufen" liest. Auf Englisch heißt es: "Do not rush when running!" (bsc)