Mit indischer Rakete per Anhalter ins All

Indiens Raumfahrtorganisation ISRO hat einen Erderkundungssatelliten gestartet. Mit an Bord der Rakete waren auch fĂĽnf Kleinstsatelliten von verschiedenen Studentenprojekten. Einer davon machte Ă–sterreich zur Weltraumnation.

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Der Start der Rakete in SĂĽdostindien

(Bild: ISRO)

Am Montag hat die indische Raumfahrtorganisation ISRO zum 23. Mal eine PSLV-Rakete gestartet. Hauptnutzlast waren der indisch-französische "SARAL", ein Satellit zur Erderkundung. Quasi als Anhalter waren außerdem fünf winzige Satelliten mit dabei, und zwar aus Österreich, Kanada, Dänemark und Großbritannien. Vier von ihnen sind Studentenprojekte einschlägiger Universitäten, die die günstige Mitfahrgelegenheit genutzt haben. Einer weist als zentralen Bestandteil ein Google-Nexus-Handy auf. Alle Objekte haben den Orbit erreicht.

TUGSAT-1 und UniBRITE sind Teil eines im Endausbau sechs Nano-Satelliten umfassenden Programms namens BRITE. Damit sollen Helligkeitsschwankungen sehr heller Sterne wie etwa aus dem Orion-Sternbild gemessen werden, woraus Rückschlüsse auf diese Sterne und im weiteren auch auf das Entstehen von Leben auf der Erde möglich sein dürften. Mit nur 20 Zentimetern Kantenlänge und rund 7 kg Masse sind die Würfel die kleinsten Satelliten, die je für die Astronomie eingesetzt wurden.

Von österreichischen und kanadischen Universitäten entwickelt, wurde UniBRITE an der University of Toronto gebaut, TUGSAT-1 an der TU Graz. Die Republik Österreich ist damit zum Startstaat nach Völkerrecht geworden. Es sollen noch jeweils ein österreichischer und ein kanadischer sowie zwei polnische Würfel Folgen. Jeweils zwei Geräte arbeiten zusammen, wobei einer blaues Licht und ein anderer rotes Licht messen. Alle 100 Minuten umkreisen sie sonnensychron in etwa 800 km Abstand die Erde. Messdaten werden im Vorbeiflug langsam zu Bodenstationen in Toronto, Wien, Graz und später auch in Polen gefunkt.

Der kanadische NEOSSat (Near Earth Object Surveillance Satellite) ist ebenfalls ein Low Earth Orbiter (LEO) und soll erdnahe Asteroiden, künstliche Satelliten sowie Weltraumschrott finden und katalogisieren. Der Satellit ist eine Kooperation der Canadian Space Agency mit der Militärforschungseinrichtung DRDC. Mit 65 Kilogramm Masse ist er ein Prototyp für eine neue Generation kompakter, kostengünstiger Überwachungstrabanten.

Das kanadische Militär hat den Sapphire mit 150 Kilogramm Masse beigepackt. Er ist Teil der nordamerikanischen Luftraumüberwachung NORAD und soll zudem Objekte im Erdorbit zwischen sechs und 40 Kilometern Höhe observieren.

Der kleinste der Kleinen

(Bild: space.aau.dk)

Der würfelförmige AAUSAT-3 ist mit nur zehn Zentimetern Kantenlänge (Cubesat mit 1U) der Benjamin unter den PSLV-Passagieren. Er wurde von Studenten der Aalborg-Universität ohne kommerzielle Bestandteile gebaut. Mit dem AAUSAT3 soll das Konzept eines modularen Satelliten unter Beweis gestellt werden, der keine zentrale Kontrolleinheit (OBC/CDH) aufweist. Der Ausfall eines Moduls soll die anderen nicht beeinträchtigen.

Eingebaut sind zwei Empfänger für Daten das Automatischen Identifikationssystems (AIS), das zur Identifikation von Wasserfahrzeugen dient. Einer der beiden Empfänger hat ein Software Defined Radio, der andere eine herkömmliche Empfangseinheit. Beide versuchen, AIS-Funksignale aus der Gegend von Grönland aufzuschnappen.

Der siebente im Bunde ist ein Cubesat mit 3U, misst also 30 mal 10 mal 10 Zentimeter. Er hat eine Masse von vier Kilogramm und heißt STRaND-1. Entwickelt wurde er in Großbritannien von der Universität Surrey und der Firma Surrey Satellite Technology. Weil ein handelsübliches Google-Nexus-Mobiltelefon eingebaut ist wird er auch als "der Welt erster Handysatellit" bezeichnet. Zunächst wird getestet, ob und wie das Handy im All funktioniert.

Die Einzelteile des "Handysatelliten"

(Bild: Surrey Satellite Technology Limited)

Sollte sich das Smartphone als tauglich erweisen, würde das neue Möglichkeiten für zukünftige Forschungsprojekte eröffnen. Kosten könnten um Größenordnungen gesenkt und Satelliten flexibler eingesetzt werden. STRaND-1 könnte nachträglich mit neuen Android-Apps bestückt werden. Wenn alles glatt geht, sollen mit solchen Apps auch Teile der Satellitensteuerung übernommen werden.

In einem Wettbewerb waren 2011 vier Apps auserkoren worden, die auf dem Google Nexus laufen werden. ITesa misst Magnetfelder, STRAND Data soll die Telemetrie des Satelliten auf das Handy-Display bringen, das von einer zusätzlichen Kamera abgelichtet wird, und die 360 App soll wiederum die Handykamera aktivieren. Die Fotos sollen online veröffentlicht werden.

Die vierte App heißt Scream in Space in Anlehnung an den Slogan "In Space no one can hear you scream". ("Im All kann dich niemand schreien hören.") Zeitgenossen mit ausreichend Tagesfreizeit haben zehn Sekunden lange Schrei-Videos aufgenommen und eingereicht. Zehn dieser Videos werden von dem Handy abgespielt werden, während das Handymikrofon versuchen wird, die Schreie wieder aufzuzeichnen.

Regierungsvertreter diverser beteiligter Staaten gaben sich am Montag entzĂĽckt ob der bahnbrechenden Errungenschaften ihrer jeweiligen Landsleute. (mho)