Volkssport Schlangestehen
Anstehen gilt vielerorts als Symbol von Engpässen und Zeitverschwendung. In Japan ist es allerdings oft ein Zeichen von Effizienz.
- Martin Kölling
Anstehen gilt vielerorts als Symbol von Engpässen und Zeitverschwendung. In Japan ist es allerdings oft ein Zeichen von Effizienz.
Manche Leser werden sich fragen, was Schlangestehen mit einem Technik-Blog zu tun hat. Anstellen wird in Deutschland meiner Erfahrung nach gemeinhin als Äquivalent zum Autostau aufgefasst, als ein Phänomen eines Mangels an Personal. Sprich: Schlangestehen ist negativ besetzt und wird als Zeichen des Versagens urdeutscher Effizienzkriterien bewertet.
In Japan hingegen habe ich das Anstehen als einen wichtigen Bestandteil gut funktionierender Massenabfertigungstechniken kennen und schätzen gelernt – besonders im Vergleich zum generellen Geschubse in China oder dem üblichen Gedrängel auf deutschen Bahnsteigen. Überall stellen wir uns in Japan an, gesittet und geduldig. Auf den Bahnsteigen in Zweier- bis Dreierreihen, in Behörden (wie ich diese Woche beim Verlängern des Führerscheins) oder bei der Evakuierung nach einem Erdbeben.
Schauen wir einmal genauer auf das Beispiel Bahnhof, weil es sich so deutlich von Deutschland unterscheidet. In der Bundesrepublik gibt es einen Wagenstandanzeiger, der im Idealfall – wenn der Zug mal nicht umgekoppelt oder in umgekehrter Wagenfolge einrollt – grob die Haltezone der jeweiligen Wagen angibt, aber nicht deren genauen Haltepunkt. Die Fahrgäste verteilen sich daher mehr oder weniger gleichmäßig auf dem Gleisabschnitt – in der Hoffnung, der passenden Tür am nächsten zu stehen. Kommt der Zug, hetzen sie mit Kind und Kegel a) zu ihrem Wagen und b) zur passenden Tür.
In Japan hingegen sind bei Nah- und Fernverkehrszügen nicht nur die Haltepunkte der Wagen, sondern auch die Lage der Türen genau markiert. Es gibt daher keinen Grund zur Hektik: Wir stellen uns schlicht an den Markierungen an und besteigen dann meist mehr als weniger gesittet die Wagen. Ein Grund, der dies vereinfacht, ist sicherlich, dass die Standardisierung von Ein- und Ausstiegsorten einfacher ist. Denn es gibt kein wirkliches Netz, auf dem sich viele unterschiedliche Züge die Gleise teilen, sondern in der Regel nur Strecken, die von einer Linie befahren werden. Aber viel wichtiger ist, dass die Japaner das Schlangestehen zur Methode erhoben haben, um die riesigen Menschenmengen auf so wenig Platz effizient abfertigen zu können.
Zugfahrer werden daher darauf getrimmt, geradezu auf den Zentimeter genau den Zug anzuhalten. Ein "Passt schon" wie bei der Deutschen Bahn AG wird schlicht nicht akzeptiert. Mit diesem Drill zur Präzision konnte die Yamanote-Linie schon vor 90 Jahren im Drei-Minuten-Takt durch Tokio kreisen und täglich hunderttausende Passagiere bewegen.
Ein anderes Beispiel ist die oben erwähnte Verlängerung des Führerscheins, bei dem Schlangestehen und Arbeitsteilung zu einem rasanten Abfertigungstempo führen. Ankommen, den per Post zugeschickten Verlängerungsantrag, die Fahrerlaubnis und ein Passfoto an einem Schalter vorlegen, kurz warten, bezahlen, an der Augenkontrolle anstellen, Augentest durchlaufen, am Fotostand anstellen und ein Digitalfoto schießen lassen. Dann nach oben an einen Schalter gehen, wo ein Beamter die Antragsteller auf verschiedene Unterrichtsräume verteilt. Dort die in Japan obligatorische Auffrischung alter und Vorstellung neuer Verkehrsregeln sowie diverse Ermahnungen durchlaufen. Deutliche Hinweise hören, sich stets anzuschnallen, nicht betrunken zu fahren oder Kinder, Alte und Motorradfahrer unachtsam zu begegnen. Schließlich nach einer bis zu zweistündigen Schulung (je weniger Vergehen über die Jahre, desto kürzer) im Gänsemarsch ein Stockwerk weiter nach oben gehen, erneut anstellen, den fertigen Führerschein entgegennehmen und am SmartCard-Lesegerät eine Geheimnummer der Wahl einprogrammieren. Das war's.
Damit das Anstehen auch gut klappt, wird es schon im Kindergarten trainiert. Dort zeigt sich auch, dass das Schlangestehen keineswegs angeboren ist. Auch japanische Kinder lieben lautes Durcheinander, wenigstens bis die Kindergärtnerin die Trillerpfeife hervorholt. Und schon ordnet sich das chaotische Knäuel in ordentliche Reihen, in denen die einzelnen Glieder – Arme einmal zur Seite zur Nebenreihe, einmal nach vorn zur Schulter des Vordermanns ausgestreckt – sich selbsttätig in gleichmäßigen Abständen ausrichten. Die Kindergärtnerin braucht nun nur das erste Kind an der Hand zu ziehen und schon setzt sich die Kolonne wie elektronisch gekoppelte Automobile in angedeutetem Gleichschritt in Bewegung.
Der Rattenfänger von Hameln würde sich freuen über dieses manierliche Gefolge. Dabei geht es weniger um militärischen Drill, sondern auch bei den Kleinsten um das gleiche Prinzip wie bei den Großen – die Beherrschung großer Menschenmengen. In vielen Kindergärten ist eine Erzieherin nämlich für mehr als 30 Kinder zuständig. (bsc)