Digitale LĂĽcke
Elektronikhersteller bringen in immer kürzeren Abständen Smartphones und Computer auf den Markt. Nun fürchtet die fertigende Industrie, bei der Digitalisierung abgehängt zu werden.
- Robert Thielicke
Elektronikhersteller bringen in immer kürzeren Abständen Smartphones und Computer auf den Markt. Nun fürchtet die fertigende Industrie, bei der Digitalisierung abgehängt zu werden.
Samsung, Apple und Konsorten überholen sich mittlerweile selbst. In immer kürzeren Produktzyklen bringen sie neue Geräte auf den Markt. Auf dem Mobile World Congress vergangene Woche in Barcelona wurde klar, dass mittlerweile die Qualität leidet. Dort klagten Experten, dass die Kunden testen müssen, ob ein neues Gerät funktioniert – und dafür auch noch bezahlen sollen.
Nun schließt sich die fertigende Industrie der Klage an. Ihre Kritik ist allerdings weit grundlegender. Denn während normale Kunden zwar Ärger mit ihren neuen Geräten haben, ist das Problem in den meisten Fällen mit einem Software-Update zu beheben. Automobilhersteller oder Flugzeugbauer aber fürchten, ganz von der digitalen Entwicklung abgekoppelt zu werden. Bis ein Smartphone oder Tablet mit der Bordelektronik beispielsweise eines neuen Mercedes zusammenarbeitet, müssen aufwändige Tests zeigen, dass die Sicherheit gewährleistet ist. Sind die Versuche abgeschlossen, haben die Kunden schon das nächste Modell gekauft – mit neuen Steckern und dem nächsten Betriebssystem.
„Der Mehrwert einer neuen Handygeneration ist allerdings so gering, dass dafür niemand die Bordelektronik neu anfasst“, sagte mir der IT-Experte eines großen europäischen Konzerns auf der Computermesse CeBit. Das Problem ist umso größer, je vernetzter das Auto, das Flugzeug oder das Gebäudemanagement wird. Und es zieht sich bis hinein in die Produktionsmethoden. In der Industrie 4.0 will die Branche die Herstellung nahezu komplett digital steuern. Auf jedem zu fertigenden Teil soll die Information für die Bearbeitung etwa mittels eines Funkchips gespeichert sein. Schnittstellen mit dem Internet sollen Bestellungen etwa aus dem Einzelhandel direkt an die Maschinen weitergeben. Mittels Datenbrillen, 3D-Programme und Tablet-Computern sollen die Arbeiter erfahren, welche Schritte wie als nächstes ausgeführt werden sollen. Das große Ziel ist, effizienter zu arbeiten, weniger Rohstoffe zu verbrauchen – und vor allem Maßanfertigungen zum Preis der Massenproduktion zu ermöglichen.
Dafür allerdings sind Standards nötig, die möglichst Jahrzehnte gelten. Kein Unternehmen will alle zwei Jahre seinen Maschinenpark nur deshalb umrüsten, weil die neue Generation von Endgeräten eine andere Sprache spricht – die dann zwei Jahre später wieder überholt ist. Genau daran aber haben die Tablet- oder Smartphone-Hersteller derzeit wenig Interesse. Denn sie machen ihr Geschäft vor allem mit Privatkunden, die für ein schnelleres Smartphone oder einen neuen Kartendienst den Umstand akzeptieren, dass die Verbindungskabel zum Computer nicht mehr passen oder die Fotosammlung nicht mehr überspielbar ist.
Aber auch unter diesen Kunden wird das Zähneknirschen lauter. Wenn die Industrie nun neue IT-Standards einfordert, kann man sich nur wünschen, dass sie gehört wird. Denn jeder kann profitieren, wenn nicht alle ihr eigenes Süppchen kochen. Der Mobilfunkstandard GSM, die Schnittstelle USB, das Musikformat MP3 sind großartige Beispiele dafür, wie einheitliche Regeln die Nutzung digitaler Geräte vereinfacht und langfristig Innovationen ermöglicht. Dort müssen wir wieder hin. Mit der jetzigen Kurzatmigkeit kommen wir nicht weiter. (rot)