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Der katholische Klerus wählt einen neuen Papst. Die Kirche im globalen Dorf hat andere Lenker gefunden – und andere Formen der Inbrunst: Wir beichten nun ohne Sünde.
- Peter Glaser
Der katholische Klerus wählt einen neuen Papst. Die Kirche im globalen Dorf hat andere Lenker gefunden – und andere Formen der Inbrunst: Wir beichten nun ohne Sünde.
Neulich hat einer meiner Freunde Zuckerberg und Zuckerhut verwechselt. Während ich mir vorzustellen versuchte, wie der weltbekannte Felsen in Rio de Janeiro sich in den größten nach oben gereckten "Gefällt mir"-Daumen der Welt verwandelt, kam mir auch das Gegenüber des Zuckerhuts in den Sinn – der Berg, auf dem diese 38 Meter hohe Christusstatue steht, die ihre Arme über der Stadt ausgebreitet hat. Ist Mark Zuckerberg nicht so etwas wie ein neuer Jesus, der die Hungrigen speist mit Kommunikation? Der ihnen die Möglichkeit gibt, mit allen zu teilen, worauf sie sonst allein zu Hause hocken würden? Immerhin hat der Mann innerhalb eines knappen Jahrzehnts eine Milliarde Menschen missioniert, die nun auch anderen ihre Lieblingszeitungsartikel, Lieblingsempörungen und Lieblingskatzenfotos anempfehlen und selbst "Like" klicken können.
Mark Zuckerberg wird in der Wikipedia-Liste der Atheisten geführt, und zwar in der Business-Rubrik. Sein Facebook-Status ist auch hier angegeben – "religious views: atheist". Zuckerberg steht hier neben anderen prominenten Glaubensfreien wie dem englischen Schriftsetzer John Baskerville, nach dem eine berühmte Schriftart benannt ist, dem amerikanischen Porno-Verleger Larry Flint ("Penthouse") oder dem britischen Erfinder Sir Clive Sinclair, der einen der ersten Homecomputer auf den Markt brachte, den Sinclair ZX-81.
Facebook ist Teil des sozialen Gegenwartsgewebes. Die Menschen nutzen das Angebot des digitalen blauen Riesen, eine Art stets präsente virtuelle WG in der Jackentasche mit sich führen oder als mobilen Altar auf dem Tisch vor sich aufklappen zu können. No Privacy, alles ist offen oder soll noch geöffnet werden. Es ist eine radikale Offenheit, wie es sie zuvor nur in den Beichtstühlen des Katholizismus gab, die nun durch algorithmische Wundertaten auch nach außen getragen werden soll, so jedenfalls der Wille der neuen atheistischen Religionsgründer vom Schlage Zuckerbergs. Ein Atheist veranlasst tausend Millionen Menschen nicht nur dazu, öffentlich alles nur denkbare zu bekennen – in kompakten Enzykliken wird derartiges Verhalten schlicht zur gängigen Praxis erklärt.
Bereits Anfang 2010 hatte Zuckerberg das Ende der Privatsphäre verkündet, sie sei eine Sache von gestern. Ein Wert, der keinen mehr interessiere. In der Facebook-Zentrale ist dieses Beicht-Design bereits Teil der Architektur. Es gibt keine Cubicles, wie man in Amerika die halbhohen Verschläge in Großraumbüros nennt, die einem zumindest einen Anschein von Privatsphäre geben sollen. Es gibt auch fast keine Wände und keine Büros mehr, nur eine offene Prärie aus Büromöbeln. Auch Oberhaupt Zuckerberg hat kein eigenes Büro.
Die Wände, die uns umgeben, werden durch das Netz immer durchlässiger und poröser, als würde sich das löchrige Gewebe, das ein Netz ja darstellt, nun auch auf die übrigen Teile der Welt übertragen. Was sich im Netz abspielt, fühlt sich inzwischen an wie Beichten ohne Sünde: Alle packen aus, alles öffnet sich. Der Hauptspaß in den sozialen Medien besteht darin, sich selbst in die Welt hinauszuschütten und von durstigen, aufmerksamen Augen getrunken zu werden. Nun scheint unsere Gesellschaft von einer unbändigen Lust an der Geheimnislosigkeit erfasst worden zu sein. Die jenseitigen Ziele der christlichen Religionen, die unsere Kultur zwei Jahrtausende lang geprägt haben, verblassen. Als Mittel der Welterklärung tendiert die digitale Technologie nun dazu, zur Religion zu werden – wie jede Ideologie, die universale Bedeutungen vermittelt und absolute Anpassung verlangt. Die Befolgung der richtigen Befehle wird geadelt durch Begriffe wie Coolness und Kompetenz.
Ein Hollywood-Drehbuchautor sagte einmal: "Was wir den Leuten geben, ist die christliche Botschaft – dass wir alle ehrlich sein, uns lieben und für die Schwachen kämpfen sollen." Die Produktion machtvoller Mythen hat sich aus dem religiösen in den wirtschaftlichen Bereich verlagert. Die Großkirchen werden von immer mehr Menschen als dekadent empfunden. Der gesellschaftliche Wandel der letzten Jahrzehnte hat eine tiefgreifende Änderung von Werten verursacht, und mit dem "Informatischwerden" der Welt tritt eine neue spirituelle Komponente hinzu. Der Computer ist zu einem multimedialen Totem geworden. Wie ein Hausaltar sitzt er auf den Schreibtischen der Welt und sendet seine schamanische Lockung aus. (bsc)