Vergessen Sie nicht zu vergessen

Werden wir die Google Glass dazu nutzen, unser gesamtes Leben zu archivieren? Hoffentlich nicht.

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Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Jens Lubbadeh

Werden wir die Google Glass dazu nutzen, unser gesamtes Leben zu archivieren? Hoffentlich nicht.

Noch ist sie gar nicht auf dem Markt, die Google Glass, und schon gibt es Leute, die sie ablehnen. Eine Bar in Seattle sorgte in Geek-Kreisen fĂĽr ein bisschen Aufsehen, als verkĂĽndet wurde, dass die Google Glass dort verboten sei. Barbesitzer Dave Meinert begrĂĽndete seine Entscheidung so: "Leute wollen hierherkommen und unerkannt bleiben. Und definitiv wollen sie nicht heimlich gefilmt und ins Internet hochgeladen werden."

Eine Meldung, die nachdenklich stimmt. Ja, mit der Google Glass wird der Schutz der Privatsphäre nochmals vor neue Herausforderungen gestellt. Mit den Smartphones erlebte das Papparazzitum bereits eine unleidliche Demokratisierung. Es bescherte uns Tsunamis an nervtötenden Videos von Stars in Jogginghosen vor Supermärkten, die dem Filmenden in der Regel Schläge androhen. Den Papparazzi wird man nun nicht mehr daran erkennen, dass er ein Smartphone vor sich hält. Mit der Google Glass wird die voyeuristische Heimlichkeit zurückkehren. Für Hollywood-Stars wird sie ein Alptraum sein. Aber möglicherweise auch für uns Normalos.

Was wird die Killer-App der Google Glass sein, fragte sich mein KollegeTom Simonite neulich. Klar, Navigation oder Augmented-Reality-Suchhilfen werden einen enormen Nutzwert bieten. Aber wenn ich mir im Urlaub immer wieder anschaue, was für Zeit, Energie und Materialaufwand Menschen – in der Regel Männer – darauf verwenden, den gesamten Urlaub in Pixel zu konservieren, mit der Folge, dass sie ihn dabei leider total verpassen, ist die Antwort für mich klar: Die Killer-App der Google Glass wird die Archivierung der Echtzeit sein. Der Urlaub auf Madeira, die Hochzeit von Thiemo, der Karneval in Köln, das dritte Glas Bier am 29.3.2014 um 22:34 Uhr – alles schön in Ego-Perspektive gefilmt mit der Kamerabrille und dann fein säuberlich. Das Besondere: Mit wenigen Klicks kann die Wunderbrille es wieder einspielen. Zum Beispiel, wenn man grade im Wartezimmer herumsitzt und sich langweilt. Oder in der U-Bahn. Sie haben sich auch immer gewundert über die stumpfsinnig in ihre Smartphone-Displays stierenden Mitmenschen? Dann warten Sie mal ab, wie es sich anfühlen wird, inmitten einer Herde bebrillter Träumer zu sitzen. Und wieder ist da die Heimlichkeit. Denn man wird nie wissen, ob das Gegenüber einem nun gerade zuhört oder nicht doch im Wortsinn in einem völlig anderen Film ist.

Und dieser Gedanke macht mich frösteln. Kürzlich habe ich eine Episode der sehenswerten Mini-Science-Fiction-Serie "Black Mirror" gesehen. In der Episode "The Entire History of You " wird eine Gesellschaft gezeigt, in der es normal ist, Menschen einen Speicherchip zu implantieren, der alles aufzeichnen kann, was sie durch die Augen sehen. Jeden Moment ihres Lebens. Ohne zuviel verraten zu wollen: Es ist ein Alptraum. Eheleute werden zu Richtern und präsentieren sich gegenseitig die Beweise auf Video. Jeder Fehler, der begangen, jeder Satz, der gesagt wird – er vergeht nicht mehr und kann jederzeit gegen einen verwendet werden.

Es ist heute schon ein Problem, dass Google nichts vergisst. Hoffen wir, dass wir nicht vergessen werden, wie wichtig es ist, zu vergessen – trotz Google Glass. (jlu)