Neue Ideen, die die Welt (nicht) braucht
Japanische Firmen sind bekannt dafĂĽr, nahezu moralfrei menschliche BedĂĽrfnisse zu befriedigen. Hier einige Beispiele der jĂĽngeren Vergangenheit fĂĽr gescheite(rte) Produkte gegen die Ăśbel der digitalen Zivilisation.
- Martin Kölling
Japanische Firmen sind bekannt dafĂĽr, nahezu moralfrei menschliche BedĂĽrfnisse zu befriedigen. Hier einige Beispiele der jĂĽngeren Vergangenheit fĂĽr gescheite(rte) Produkte gegen die Ăśbel der digitalen Zivilisation.
Das Erdbeben von 2011 hat in Japan eine Innovationswelle ausgelöst, die einfach nicht abebben will: LED-Notleuchten, Mini-Solarpanele zum Aufladen von Batterien oder Handys, Stromgeneratoren für den Hausgebrauch oder die Nutzung von Elektroautos (oder ihrer Akkus) als Energiespender sind nur einige Beispiele. Nun endlich gibt es auch die erste Digitalkamera, die völlig unabhängig vom Stromnetz funktioniert: Der Geekshop Superheadz bietet das Modell "Sun&Cloud" der nicht minder verrückten Geek-Produktschmiede Powershovel mit integrierter Solarzelle und Handkurbel zur Aufladung des Akkus feil. Optional erhältlich sind auch drei modische Täschchen.
Die Bildqualität des 3-Megapixel-Sensors ist wahrscheinlich lausig, aber dafür sind softwareseitig gleich 15 Fotomodi eingebaut. Rund 150 Euro verlangen die Japaner dafür. Zuviel für das Vergnügen, auch nach dem Supererdbeben oder dem Weltuntergang noch Bilder schießen zu können? Vielleicht nicht. Denn der LCD-Bildschirm auf der Rückseite des Geräts, das so quaderförmig wie eine alte Rollei daher kommt, sorgt dafür, dass wir uns die Welt auch dann noch fotografisch anschauen können, wenn kein Strom mehr fließt. Damit ist man der Held im Reich der nachapokalyptischen Höhlenbewohner. (Wobei mich beim Studium der Werbefotos der Verdacht beschleicht, dass es westlichen Einfluss bei dem Produkt gegeben haben könnte.)
Für den müden Firmenkrieger wiederum gibt es in Japan neuerdings "MyDome", ein Mini-Zelt, das der gestresste Mittagsschläfer über sein Haupt stülpen kann. Damit sollen nicht nur Umgebungslärm und -licht ausgeblendet, sondern zugleich die Atemluft befeuchtet werden. Der Schutz vor ausgetrockneten Schleimhäuten ist wichtig a) im Winter, wenn in Tokio die Föhnwetterlage herrscht, und b) im Sommer, wenn die Klimaanlagen für knochentrockne Raumluft sorgen. Der Stoff des Schlafdoms ist zudem aus atmungsaktiven Material hergestellt, sodass den Schläfer keine Erstickungsanfälle überkommen sollten. Kostenpunkt: etwa 25 Euro.
Als Verkaufsschlager für Kreative in Schaffenskrisen könnte sich wiederum das folgende Stress-Reduktionsinstrument herausstellen: das Sich-erfrischt-fühlen-Notizbuch (Sukatto-Note). Vergesst die Ratschläge, Wutausbrüche durch Tiefenatmung, Yoga oder andere ablenkende Mätzchen zu unterdrücken. Der Ärger muss raus, möglichst deutlich. Und genau dabei hilft dieses Notizbuch. Dessen Seiten wurden nämlich so designt, dass sie ein besonders befriedigend zerfetzen, wenn man sie zerreißt. Zudem sollen die Schnipsel sich auch nicht verhaken, so dass sie wunderbar wie Konfetti herunterregnen, nachdem man sie in die Luft geschmissen hat. Darauf muss man erst einmal kommen. Wer sich dann nicht besser fühlt, kann es ja immer noch mit Atmungstechniken versuchen.
Die stressabbauende Soundoptimierung von alltäglichen Produkten ist beileibe kein Einzelfall. Sicher kennen sie Luftpolsternoppenfolien, in die man zerbrechliche Waren einschlägt. Auch das ist eine japanische Erfindung. Der Hersteller hat allerdings auch bemerkt, dass viele Menschen Gefallen daran finden, die Luftblasen mit den Finger aufzupoppen. Was lag also näher, eine spezielle Luftpolsterfolie zu entwickeln, die akustisch besonders befriedigend aufplatzt. Sie wird als Geschenk in kleinen Päckchen verkauft.
Merke: Japan ist die perfekte BedĂĽrfnisbefriedigungsgesellschaft. Kaum ein Wunsch, kaum ein Spleen, der hier nicht kommerziell bedient werden wĂĽrde. Moralfrei, schmerzfrei, aber voller Menschenliebe. (bsc)