Kranke Patente

Indien verweigert dem Pharmariesen Novartis ein Patent auf ein Blutkrebs-Mittel. Nachahmerpräparate zu einem 30stel des Preises sind damit ganz legal auf dem Markt – und Hilfsorganisationen jubeln. Dabei wäre den Ärmsten mit einer anderen Maßnahme mehr geholfen.

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Von
  • Robert Thielicke

Indien verweigert dem Pharmariesen Novartis ein Patent auf ein Blutkrebs-Mittel. Nachahmerpräparate zu einem 30stel des Preises sind damit ganz legal auf dem Markt – und Hilfsorganisationen jubeln. Dabei wäre den Ärmsten mit einer anderen Maßnahme mehr geholfen.

Kurzfristig hat nur der Pharmariese Novartis den Schaden. Nachdem Indiens Oberster Gerichtshof entschieden hatte, dass einer neuen Version des Blutkrebs-Medikaments Glivec kein Patentschutz zusteht, fiel der Aktienkurs des Schweizer Konzerns um fünf Prozent. Patienten in ärmeren Ländern, in die indische Generika-Hersteller ihre Produkte unter anderem liefern, können sich dagegen erst einmal freuen: Statt 3000 Euro kostet die Therapie nun zwischen 60 und 150 Euro.

Langfristig dürften aber auch sie unter der Entscheidung leiden. Denn mit 60 Euro lässt sich kein neuartiges Medikament entwickeln. Betroffene, die sich heute freuen, ein billiges Arzneimittel zu bekommen, werden morgen gar keines mehr erhalten. Schließlich muss alles, was der eine günstig als Nachahmerpräparat in den Regale stellt, von einem anderen zuvor teuer entwickelt werden. Natürlich ist fraglich, ob die 3000 Euro, die Novartis für eine Glivec-Behandlung verlangt hat, angemessen sind. Schließlich war der Wirkstoff schon lange auf dem Markt, der Pharmakonzern hatte nur eine neue chemische Zubereitung gefunden, damit er sich besser verabreichen lässt. Ob dahinter „Jahre der Entwicklung“ stecken, wie Novartis behauptet, lässt sich kaum nachprüfen – und darf zumindest bezweifelt werden.

Dass viele weiter entwickelte Medikamente – Indiens Patent-Feldzug betrifft ja beileibe nicht nur Glivec – nun aber gänzlich ohne Schutz dastehen und einfach kopiert werden können, wird keiner Seite gerecht. Weder den Patienten noch den Unternehmen – es sei denn, sie sind indische Generika-Hersteller.

Pharmakonzerne sind keineswegs so herzlos wie oft dargestellt. Wenn Hilfsorganisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ darüber jubeln, dass mit dem Urteil ärmere Länder endlich Zugang zu neuen Medikamenten bekommen, fällt unter den Tisch: Der Zugang existiert bereits. Viele große Firmen produzieren speziell gekennzeichnete Arzneien, die sie zu sehr niedrigen Preisen oder sogar umsonst an Bedürftige ausgeben. Im Fall von Glivec sollen so angeblich 95 Prozent der indischen Patienten versorgt werden. Natürlich sind das Almosen, die Kranke zu Bittsteller herabwürdigen. Ein anderes System ist daher tatsächlich nötig. Dafür aber das erprobte Innovationssystem an die Wand zu fahren, ist gefährlich.

Höchste Zeit also, um über Alternativen nachzudenken, die über die Diskussion um Glivec hinausreichen. Zum Beispiel Folgende: Novartis, Pfizer oder Bayer erhalten in Ländern mit geringer Wirtschaftskraft statt umfassendem Patentschutz für ihre Medikamente lediglich eine Vermarktungslizenz. Sie dürfen ihre Produkte also für einen gewissen Zeitraum exklusiv verkaufen, verpflichten sich im Gegenzug aber, das Mittel zu einem Preis abzugeben, der dem eines Nachahmerpräparats entspricht. Die Entwicklungskosten muss dann natürlich der Markt in den industrialisierten Ländern alleine erwirtschaften. Das aber war zum Einen auch früher nicht anders, und zum Anderen wäre es ein Akt der Solidarität. (rot)