Digitale Heimat für globale Nachzügler

Facebook Home zielt nicht in erster Linie auf die Nutzer in westlichen Ländern ab. Es soll das soziale Netzwerk für kommende Smartphone-Nutzer der Dritten Welt zum Einfallstor ins Internet überhaupt machen.

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Von
  • David Talbot

Facebook Home zielt nicht in erster Linie auf die Nutzer in westlichen Ländern ab. Es soll das soziale Netzwerk für kommende Smartphone-Nutzer der Dritten Welt zum Einfallstor ins Internet überhaupt machen.

Der ganz große Streich war es nicht, den Facebook am 4. April verkündete. Kein eigenes Smartphone – aber ein App-Bündel namens Facebook Home, mit dem das Netzwerk Android-Displays kapern will. Home legt gewissermaßen eine eigene Schicht über die herkömmliche Startseite mit App-Symbolen: Auf der laufen dann permanent die neuesten Mitteilungen der Facebook-Freunde ein. Eingefleischte Smartphone-Nutzer beeindruckt dies nur mäßig. Doch um die geht es auch nicht: Home soll helfen, neue Nutzer vor allem in Entwicklungsländern zu ködern.

Einen Hinweis darauf gab Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bei der Präsentation von Home. „Nur ein Drittel der Weltbevölkerung ist heute im Internet. Wir sind eigentlich eher am Anfang als am Ende der Entwicklung“, sagte Zuckerberg. Die werde eine Generation hervorbringen, die über so viele digitale Mittel verfüge wie kaum eine zuvor. Und das wohl am liebsten mit Hilfe von Facebook.

In einigen Ländern der Dritten Welt hat die Popularität des Netzwerks zuletzt enorm zugenommen. In Indonesien etwa tummeln sich 80 Prozent aller Internet-Nutzer auch auf Facebook. Das ist der höchste Anteil überhaupt in Entwicklungsländern.

Andererseits nutzen dort bislang nur wenige Menschen Smartphones. Wenn sie vom klassischen Handy auf neue Geräte umsteigen, soll Facebook Home ihnen gleich eine vertraute, mobile Heimat bieten.

Die Yankee Group, ein Marktforschungsunternehmen aus Boston, hat das Potenzial bereits abgeschätzt: Die Anzahl der Smartphones werde sich von 1,5 Milliarden in diesem Jahr auf drei Milliarden im Jahr 2017 verdoppeln, prognostizieren die Analysten. Der Löwenanteil der Neunutzer wird dabei in der Dritten Welt liegen, und die meisten von ihnen werden günstige Android-Geräte nutzen. Das Apple-Ökosystem spielt dort keine Rolle, auch weil seine Nutzung zu teuer ist.

Mehr noch: Smartphones könnten für viele Menschen den ersten Online-Zugang überhaupt darstellen. Die möchte Zuckerberg gleich unter seine Fittiche nehmen.

Weltweite Verteilung von Facebook-Nutzern.

(Bild: Technology Review)

Diese Strategie hat Facebook schon länger vorbereitet. Bereits 2010 stellte der Dienst Facebook Zero, eine abgespeckte, reine Textversion des sozialen Netzwerks für Mobiltelefone vor. Die lässt sich auch mit einem Tarif ohne mobilen Internetzugang nutzen. Große Netzbetreiber bieten sie kostenlos oder gegen geringe Gebühren an.

Facebook Zero funktioniert als eine Art eingezäunter Garten für das mobile Internet - man muss es nicht verlassen, kann es aber, wenn man dafür bezahlt. Die Anbieter bekommen von Facebook für jedes Foto oder einen anderen Inhalt, den Nutzer aus dem Text-Facebook heraus anklicken, eine Provision. 50 Internet-Anbieter in 45 Ländern beteiligen sich bereits daran.

Facebook Home dürfte hier der nächste logische Schritte sein, um Menschen von dieser ersten Facebook-Erfahrung abzuholen, sagt Nathan Eagle, CEO des Bostoner Start-ups Jana, das in Entwicklungsländern Studien über die Nutzung der Mobiltelefonie macht. „Mit dem fallenden Preis für Android-Geräte wird das die nächste Stufe sein, die Verbraucher an sich zu binden. Facebook Zero hat die Grundlage dafür geschaffen.“

Diese Strategie jenseits des US-Markts passt gut zum Firmen-Motto des Netzwerks, nämlich die „Welt offener und stärker miteinander verbunden“ zu machen. Derzeit warten noch vier Milliarden Menschen darauf, ihre ersten Schritte ins Internet zu tun. Wenn Home ein Erfolg wird, könnte Facebook diese Schritte maßgeblich begleiten.

(nbo)