Wie viel Maschine darf es sein?

Immer mehr immer unterschiedlichere digitale Geräte und Gadgets umgeben uns – der Trend geht zum Viert-Rechner. Oder ist da vielleicht etwas ganz anderes im Gange?

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Von
  • Peter Glaser

Immer mehr immer unterschiedlichere digitale Geräte und Gadgets umgeben uns – der Trend geht zum Viert-Rechner. Oder ist da vielleicht etwas ganz anderes im Gange?

Als in den 50er Jahren in Rechenzentren die ersten Bildschirmterminals eingeführt wurden, wehrten sich die altgedienten Programmierer dagegen. Sie waren es gewohnt, Code auf Papier zu entwerfen und ihn blindlings in eine Lochkartenstanze einzugeben. Sie fühlten sich von Bildschirmen bei ihrer Arbeit gestört.

Als Bildschirmmedium per se galt das Fernsehen. In den 70ern war es nicht mehr ungewöhnlich, dass jemand mehr als einen Fernseher besaß. Die Geräte wurden kleiner, billiger und es gab erste mobile Versionen. Der Mensch mit mehreren Bildschirmen wurde zum Symbol einer durch die elektronischen Medien immer zusammengezogeneren Welt. 1976 spielte David Bowie in dem Science-Fiction-Film "Der Mann, der vom Himmel fiel" einen Außerirdischen, dessen übermenschliche Auffassungsgabe daran zu erkennen war, dass er vor einer Wand aus eingeschalteten Fernsehern saß und alles gleichzeitig wahrnahm.

Dann begann die PC-Revolution und alles fing wieder von vorn an – mit einem Bildschirm (und einem Computer). Die Vorstellung, als Individuum mehrere Computer zu besitzen, war abwegig. Wenn man jemanden kennenlernte, der ebenfalls einen Computer hatte, klemmte man sich seinen unter den Arm, besuchte den anderen Exoten und bestaunte gemeinsam zwei Computer, die nebeneinander standen. Dann begannen die technischen Generationswechsel und es kam vor, dass ein alter und ein neuer Computer gleichzeitig in Betrieb waren. Der eine wurde dazu degradiert, Fraktale zu berechnen. Der andere war die Zukunft.

Dann, Anfang der 90er Jahre, ging die Welt online. Nach und nach fühlte es sich an, als habe man nicht mehr nur einen oder zwei Rechner zur Verfügung, sondern Abermillionen. Die Hardware wurde immer schlanker, billiger und leistungsfähiger. Mit den Mobiltelefonen – erst eher heimliche Verwandte des Computers –, stieß man noch in der Prä-Smartphone-Ära erstmals an Grenzen. Handys waren in der Zwischenzeit manchmal schon so klein, dass man Angst haben musste, sie unabsichtlich einzuatmen. Hätte man die Geräte noch weiter verkleinert, was technisch kein Problem wäre, dann wären sie unbedienbar geworden. Inzwischen legen die Smartphones wieder an (Display-)Fläche zu, denn nach wie vor ist der Mensch das Maß der Dinge. Tasten, die man mit einer Fingerspitze nicht mehr genau treffen kann, sind ein Unding. Andererseits schrumpfen die Tablets – ihrerseits bereits geschrumpfte Laptop-Bildschirme – zu neuen Kleinformaten Richtung Smartphones. Demnächst werden sie sich in der Mitte treffen.

Wir haben also einen Fächer an Gadgets und digitaler Gerätschaft für alle Gelegenheiten. Vor allem haben wir immer mehr Geräte, die alle kleine Computer sind und die wir aber oft nicht mehr als Computer wahrnehmen. Als sich vor zwanzig Jahren das Internet auszubreiten begann, gab es lange Diskussionen um einen zentralen Begriff: Konvergenz. Aus dem Computer sollte eine Art Hyperchamäleon werden, das sich mühelos in eine Schreibmaschine, ein Klavier und tausenderlei andere Dinge verwandeln konnte. Es gab diffuse Vorstellungen einer Black Box, die alles kann. Und es gab Gegenstimmen. Fortschritt bedeute immer eine Zunahme an Unterschieden. Wenn man auf dem Sofa liege und berieselt werden möchte, sei ein Fernseher ideal; wenn man am Netz teilnehmen wolle, ein Rechner; wenn man unterwegs sei, Laptop oder Smartphone.

Zu Hause ist die Konvergenz bei mir bereits fortgeschritten. Da ich fast alles Arbeits- und Unterhaltungsnötige im Rechner bequem an einem Ort versammelt habe, vernachlässige ich sogar meine alte, hervorragende Musikanlage. Obwohl sie eine merklich bessere Tonqualität liefert, gebe ich mich mit der schlichten Stereophonie am Rechner zufrieden – ohne CDs wechseln zu müssen. Für manche Techniken bedeutet die Digitalisierung, dass sie einfach verschwinden. Und manche würden gern verschwinden, können aber nicht, siehe winzige Mobiltelefone.

Der Trend geht nicht einfach nur zum Viert-Computer, sondern zu Maschinenwolken, die uns künftig umgeben werden. Damit ist nicht nur die Cloud gemeint, sondern es sind auch neue Umweltbedingungen in Gestalt von Sensornetzen ("Smart Dust") und anderer Formen von "Ambient Intelligence". Bei Bedarf sollen sich einzelne Maschinenpartikel zu größeren, je nach Problemlage leistungsfähigeren Einheiten zusammenschließen können und nach erledigter Arbeit wieder zu klugem Staub zerfallen. Wo ein Computer ist und wo keiner, wird dann ebenso schwer zu beantworten sein wie die Frage, mit wie vielen Maschinen man gerade umgeht. (bsc)