Das virtuelle Kinderzimmer
Das Löschen des Internets ist – abgesehen bei meiner Oma – nicht mehr denkbar. Jetzt, zwei Generationen nach ihr, leben die Menschen nicht mehr mit, sondern schon im Internet, heißt es. Doch ist das ein gewünschtes Dasein für unser „Netzgemüse“?
- Sandra Hohlfeld
Das Löschen des Internets ist – abgesehen bei meiner Oma – nicht mehr denkbar. Jetzt, zwei Generationen nach ihr, leben die Menschen nicht mehr mit, sondern schon im Internet, heißt es. Doch ist das ein gewünschtes Dasein für unser „Netzgemüse“?
„Papa, ich kann nicht schlafen“, sagte der Zehnjährige von Freunden neulich und kam abends ins Wohnzimmer geschlichen. „Nimm das iPad mit hoch“, sagte Papa. Mit ins Bett zum Einschlafen?, fragte ich mich, wollte es aber voreilig nicht aussprechen.
Nach diesem Abend hinterfragte ich, welche Grenzen es fĂĽr die Technik und insbesondere fĂĽr das Internet im Kinderzimmer gibt.
Ich bin 26. Vor zehn Jahren kam bei uns zuhause der zweite Hausfernseher ins Schlafzimmer, der alte Kasten wanderte ins Kinderzimmer. Kurz darauf wurde die erste Spielkonsole angeschlossen. Mein Cousin besitzt einen Rechner, einen Laptop, eine Wii-Konsole und ein Nintento DS; neulich kaufte er sich auch noch einen Flachbild-TV. Damals waren gewisse Programme verboten und die Spielzeiten von den Eltern begrenzt. Nur gehalten haben sich wenige daran.
Ziemlich schnell wandern meine Gedanken zu Pornoseiten, Pädophilen im Netz und Gewaltspiele via Internet im stillen Kämmerlein. Abends im Bett. Keine schöne Vorstellung fürs Kinderzimmer. Ich hörte mich ein wenig um und stieß auf professionelle Hilfe, die vor Optimismus zum Internet nur so sprühte.
Tanja und Johnny Haeusler beschreiben in ihrem Erlebnisbericht „Netzgemüse: Aufzucht und Pflege der Generation Internet“ wie Kinder und Internet und alles daran Gekoppelte zu handhaben sind. Ein interessanter Vergleich der beiden ist: Das Internet sei wie eine neue Stadt zu betrachten – man kann Shoppen, sich Treffen, Spielen, Lernen oder man trifft sich zum Musikhören. Es gibt dort auch dunkle Ecken und Möglichkeiten, Gesetze zu brechen
Gut, wozu aber die virtuelle Welt, wenn sie nur das spiegelt, was es auch real gibt? Das Internet mindert Distanzen und es ist gĂĽnstig, zwei groĂźe und unbestrittene Vorteile. Ohne Internet geht es nicht mehr.
Wie soll man sich aber nun verhalten, in dieser neuen Stadt? Hat sie ihre eigenen Spielregeln? Beispiel „Cybermobbing“. Wie in der Realität werden dabei Menschen im Internet aggressiv diffamiert. Es galt als starke Gefahr, der Jugendliche im Netz ausgesetzt sind. Alles halb so wild, fanden in einer Studie Forscher der Pädagogischen Hochschule in Thurgau heraus. Dreimal weniger häufig als in der Realität werde online gemobbt. Und dann meistens von denen, die in der realen Welt auch als aggressiv und „Mobber“ auffällig sind. Cybermobbing sei eine Verlängerung herkömmlichen Mobbings in die neuen Kommunikationsräume.
Um sich davor zu schĂĽtzen, mĂĽsse man vorher ansetzen, argumentieren die Haeuslers:
„Um in der virtuellen Welt klarzukommen, muss das junge Gemüse in der nicht-virtuellen stark gemacht werden. Oder anders – Wenn Kinder und Jugendliche sich in der realen Welt behaupten können, wissen, fair zu handeln und ein gesundes Selbstvertrauen haben, könnten sie auch die virtuelle Welt bestreiten. In jedem Fall und noch mal deutlich: Ein Leben in der realen Welt ist die Basis!“
Reicht das wirklich aus?
Auch selbstbewusste Kinder hängen trotzdem gern Stunden und Nächte vor dem PC rum. Ich höre oft Geschichten, dass schon Zweijährige auf einem Tablet herumtatschen können. Ein Kollege erklärte mir, das lässt sich kaum vermeiden, wenn die Geräte zuhause genutzt werden. Tja, mit acht Jahren war ich auch der festen Überzeugung, Autofahren sei ein Klacks. Die richtigen Regeln dabei zu kennen, ist jedoch in letzterem Fall lebensnotwendig – und im Internet mindestens hilfreich.
„Das ewige online sein; die digitale Freiheit besteht auch darin, dass es einen Ausschaltknopf gibt“, sagen die Haeuslers. Letztendlich sprechen sie das grundlegende Problem an: Sich einzubringen ist – wie in jeder Demokratie – besser als sich rauszuhalten. Kinder müssen begleitet werden. Oft genug kommen sie allein besser zurecht, als wir denken. Ich erinnere mich an meinen ersten Gameboy und meine erste Computer Begegnung. War doch klar, wie das alles laufen musste! Als mein Cousin dann die Rechnung von damals 1000 Mark im Postkasten fand, lernte ich, dass man gewisse Vorsichtsmaßnahmen treffen muss, über die mich am Besten meine Eltern informieren konnten.
Für die digitalen Kinderzimmer gibt es schon einige sichere Techniken. Familienministerin Schröder stellte kürzlich den Kinderserver „fragFINN “ vor, der einen Zugang nur für von Pädagogen frei geschalteten Seiten erlaubt.
Wenn es dann doch zu bunt wird: In diesem Artikel stellen Eltern einige Tricks vor, wie sie ihre Kinder vom PC wegbekommen. Darin bestellt ein Vater einen Auftragsmörder und eine Mutter verschenkt ein iPhone mit Spezialvertrag – mal übertrieben und zum Schmunzeln, aber oft auch hilfreich.
Also, alles halb so wild – trotzdem denke ich oft: Das stundenlange Gameboy-Zocken konnte nicht mit dem Gefühl mithalten, wenn man vom Fußball oder einer Schneeballschlacht reinkam und mit roten Wangen auf dem Sofa chillte oder am Küchentisch zusammen Kakao trank. Das macht auch Eltern glücklich, obwohl das gesunde Mittelmaß nicht immer der leichteste Weg ist.
(jlu)