Digitales Davos in Nippon

Der Chef des japanischen Online-Basars Rakuten will ein Weltwirtschaftsforum für die New Economy gründen. Es könnte gelingen: Die Auftaktveranstaltung war gut besucht.

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Von
  • Martin Kölling

Der Chef des japanischen Online-Basars Rakuten will ein Weltwirtschaftsforum für die New Economy gründen. Es könnte gelingen: Die Auftaktveranstaltung war gut besucht.

Hiroshi Mikitani, der Chef der japanischen Online-Shopping-Mall Rakuten, hat am Dienstag dieser Woche den Mund mal wieder ganz schön voll genommen. "Wir wollen das Weltwirtschaftsforum der New Economy werden", sagte er bei der Eröffnung des "New Economy-Gipfels", den die von ihm gegründete japanische Vereinigung der New Economy (Jane) veranstaltet hat. Größenwahn? Mitnichten. Eine Reihe von Stars des Digitalzeitalters aus den USA sind seinem Ruf umgehend gefolgt.

Andy Rubin, der Android-Entwickler und Google-Vizepräsident, erzählte, wie Android sich von einem Betriebssystem für Digitalkameras zu einem für Handys entwickelt hat. Twitter-Gründer Jack Dorsey, Skype-Erfinder Niklas Zennström und Evernote-Chef Phil Libin plauderten ebenfalls aus dem Nähkästchen. Und Mikitani sorgte dafür, dass sie bestens betreut wurden, und so die Chancen auf eine erneute Teilnahme steigen.

So nutzte er seinen direkten Draht zu Ministerpräsident Shinzo Abe, den er als einer der Designer von Abes Reformstrategie genießt. Die VIPs aus der Internet-Welt hatten ein privates halbes Schäferstündchen mit dem Regierungschef. Die Teilnehmer zeigten sich beeindruckt. "Wann haben wir schon mal einen solchen Zugang?", sagte einer hinter vorgehaltener Hand.

Doch nicht nur die japanische Gastfreundschaft und Mikitanis Wesen lockten die Besucher an, sondern vor allem die Bedeutung Japans in der New Economy. Die Japaner selbst und auch viele Berichterstatter wie ich entwerfen zwar immer wieder das Bild eines Landes im Stillstand, im Reformstau oder von Industrien im Niedergang. Und das ist auch richtig, wie die Leidensgeschichte von Sony, Panasonic und Sharp zeigen. Aber es ist eben nur ein Teil der Geschichte. Im mobilen Internet war und ist das Land eine Großmacht – und vor allem einer der wichtigsten Märkte.

Alle Größen der neuen Wirtschaft kämen ohnehin regelmäßig nach Japan, sagte mir einer der Teilnehmer. Denn das Land sei Inspiration und Goldesel zugleich. "Und das sage ich nicht aus Höflichkeit", so der Amerikaner. Evernote-Mann Phil Libin erzählte, dass 20 Prozent der Kunden seines Notiz- und Merkdienstes, 30 Prozent seines Umsatzes und mehr als 50 Prozent seiner Partner aus Japan kämen.

Auch bei Android klingelt die Kasse am stärksten in Nippon, verriet Googles Rubin. "Japan ist das interessanteste Land für App-Entwickler in der Welt." Interessanter als die USA. Denn nirgendwo ist das Öko-System um Handys so weit entwickelt wie in Japan, der Heimat des ersten erfolgreichen mobilen Online-Dienstes i-Mode.

Inzwischen schlägt sich das auch in Japans Wirtschaft nieder. Eine Reihe von japanischen Firmen der New Economy exportiert ihre Geschäftsmodelle in alle Welt. Mikitanis Gegenentwurf zur zentralisierten Krake Amazon, die Online-Mall Rakuten, die kleineren Unternehmen im Internet zu Kunden verhelfen will, ist nur der bekannteste Spross. Andere sind die mobilen Spieleplattformen und -Netzwerke Gree und DeNA. Und nicht zu vergessen: Japans Geek-Kultur aus Manga, Anime und Cosplay ist auch ein weltweiter Hit, für den das Land noch nicht einmal die Werbetrommel rühren muss.

Allerdings identifizierten die Teilnehmer zwei Probleme, die bisher den Take-off der neuen Zeit in Japan verhindern. Eines ist Japans Innovationskultur, meint Joichi Ito, Chef des MIT Media Lab. Japans System sei sehr gut im analogen Zeitalter gewesen, wo man lange an den Produkten feilen konnte, zeige aber Schwächen in Phasen, wo abrupter Wandel und hohes Tempo der Betriebsmodus der Wirtschaft werde. Ein anderes Problem sei der Mangel an Start-ups. Noch immer ist die Festanstellung ihres Kindes bei einem Großkonzern das höchste Glück für die Eltern, noch immer ist, wer einmal wirtschaftlich gescheitert ist, gesellschaftlich wenig angesehen. "Wir brauchen eine funktionierende Kultur des Scheiterns", sagt Mikitani daher. "Das ist das wichtigste."

Die amerikanischen Teilnehmer hingegen betonen die positive Motivierung der Belegschaft der Japan AG. Japan müsse seine neuen Unternehmer wie Helden feiern, meinen sie. George Kellerman, Partner in dem Venture-Capital-Fonds "500 Start-ups" zeigte in seinem Schlusswort prägnant, wie so etwas gehen kann. "Alle, die ein Start-up gegründet haben oder für eines arbeiten, mögen bitte aufstehen", ruft er ins Publikum. Rund ein Drittel des Publikums erhebt sich. Der Rest möge diesen Menschen bitte applaudieren, ruft er dann, denn dies seien die neuen Unternehmer, die die Arbeitsplätze der Zukunft schaffen. Applaus! Dann lässt er den Rest sich erheben, mit dem Versprechen, diese Unternehmer moralisch zu unterstützen. Und am Ende applaudieren alle Teilnehmer sich selbst.

Zelebriert Start-ups, dieses Rezept habe er auch Abe genannt, meint Kellerman später zu mir. Das sei wichtiger als nur an Gesetzen zu schrauben. Abe müsse darüber sprechen, seine Minister müssten auch bei jeder Gelegenheit betonen, wie neue Unternehmen zum Beispiel die Altenpflege verbessern. "Denn wenn die Regierung darüber redet, reden die Medien und damit die Gesellschaft über das Thema", meint Kellerman. "Führungsstärke bedeutet, immer wieder die Vision zu wiederholen. Denn die Regierung hat das wichtigste politische Instrument in der Hand: Sie hat das Mikrofon."

Mal sehen, ob Abe dem Rat folgt. Auf der Eröffnungsparty am Montagabend schaute er jedenfalls als Überraschungsgast vorbei. Und die Teilnehmer des New Economy Summits begrüßte er mit einer Videoansprache. Seine Botschaft scheint klar: Japan braucht die Erneuerung. Und die Erneuerung wird kommen. Ich lasse mich überraschen, ob dies wirklich gelingt. (bsc)