Der Kult geht weiter

Als einziger deutscher Hersteller ist Leica am Fotomarkt erfolgreich. Dabei wäre die digitale Revolution fast an dem Traditionsunternehmen vorbeigegangen.

vorlesen Druckansicht 3 Kommentare lesen
Lesezeit: 8 Min.
Von
  • Klaus Sieg

Als einziger deutscher Hersteller ist Leica am Fotomarkt erfolgreich. Dabei wäre die digitale Revolution fast an dem Traditionsunternehmen vorbeigegangen.

Mit keinem anderen Namen werden Leica-Kameras so häufig in Verbindung gebracht wie mit Henri Cartier-Bresson. Seine erste Leica hatte er 1932 in Marseille erstanden. Seitdem nutzte der legendäre Fotograf fast ausschließlich die handlichen Kleinbildkameras der M-Reihe. Nur mit ihnen und einem 50-mm-Standardobjektiv ausgerüstet, fotografierte er die meisten seiner weltberühmten Bilder – der kleine Junge mit den zwei großen Weinflaschen auf der Rue Mouffetard, der Sprung über eine Pfütze am Place de l'Europe oder Jean-Paul Sartre mit Pfeife am Ufer der Seine. Henri Cartier-Bresson starb vor acht Jahren. Der Kult um Leica-Kameras aber ist ungebrochen.

"Wo man sie einsetzen kann, erzielt sie unschlagbare Ergebnisse", sagt der Fotograf Bertram Solcher. Der Spezialist für Medizinfotografie spricht von Situationen, in denen es darum geht, Menschen unauffällig zu beobachten, von klassischer Reportagefotografie wie etwa bei seiner jüngsten Arbeit in einer Station für Geriatrie. Die Geräte der M-Reihe sind auch heute noch Sucherkameras mit wenig Automatikfunktionen. Sie sind klein und lösen leise aus. "Man kommt den Menschen nicht mit einem Brikett vor dem Kopf entgegen", sagt Bertram Solcher. Die extrem lichtstarken Objektive erzeugen kaum Vignettierung, also eine Abdunklung der Bildränder.

So viel Lob vom Kunden – da scheint es kaum erstaunlich, dass sich das hessische Unternehmen in diesem Jahr auf der Kölner Photokina selbstbewusst auf 5000 Quadratmetern präsentierte. Doch das war nicht immer so. Lange Zeit hatte der Kamerahersteller nichts zu feiern. Bis vor zwei Jahren musste er immer wieder Verluste melden, zum Teil in zweistelliger Millionenhöhe, viele Stellen wurden gestrichen. Der Konkurs schien kurz bevor zu stehen. Wie konnte das Traditionsunternehmen in eine solche Schieflage geraten? Und wie ist es ihm gelungen, aus dieser Krise zu seiner alten Stärke zurückzufinden?

Leica-Kameras stammen aus den Laboren der Wetzlarer Firma Leitz, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit ihren verzerrungsfreien Mikroskopen Weltruf erarbeitet hatte. 1925 präsentierte das Unternehmen mit dem Urtyp der Leica M die erste Kleinbildkamera der Welt. Sie war eine Erfindung des Mitarbeiters Oskar Barnack, der aus 35-mm-Kinofilmmaterial den Kleinbildfilm entwickelt hatte. Um dieses Filmformat herum konstruierte er einen Belichtungsapparat mit festem Verschlussablauf und fester Brennweite. Der Siegeszug der ersten Schnappschusskamera konnte beginnen.

Bis 1985 blieb Leitz im Familienbesitz. Dann kaufte der Schweizer Konzern Wild Heerbrugg AG die Familienanteile und gliederte 1988 den Fotobereich aus, zunächst als Leica Camera GmbH. Mit der Abspaltung erfolgte auch der Umzug, weg vom Standort in Wetzlar ins zehn Kilometer entfernte Solms.

Zum Sterben auf die grüne Wiese geschickt? So muss man es fast formulieren, in Anbetracht dessen, was der neuen Firma Leica Camera verloren ging. Bis dahin hatte das Unternehmen Leitz auf vielen Beinen gestanden, neben dem Bereich Foto gab es unter anderem jeweils einen für Messtechnik und Mikroskopie. Gerade aus der Zusammenarbeit mit diesen Abteilungen hatten sich viele fruchtbare Synergien ergeben, die nun wegfielen. Auch fehlte es fortan an Kapital. Der Gang an die Börse 1996 brachte keine Besserung.

Das alles geschah zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt – stand mit der Entwicklung der Digitalfotografie doch eine bis dahin ungeahnte Umwälzung bevor. Das, was eine Leica ausgemacht hatte, schien fast über Nacht nichts mehr wert. Anfangs setzten die Leica-Manager im wichtigen Kleinbildsegment weiterhin auf analoge Technik. 1996 stellte das Unternehmen zwar eine digitale Scannerkamera vor, sie war aber nur als Studiokamera für Profis geeignet. Erst 2006 brachte Leica Camera die erste digitale M auf den Markt. Wer zu spät kommt, den bestraft der Markt: Im Geschäftsjahr 2009/2010 sank der Umsatz auf einen Tiefstand von 134 Millionen Euro – bei einem Verlust von 8,5 Millionen Euro.

Hatte man die Entwicklung verschlafen? War das Management vermessen genug, davon auszugehen, dass sich die digitale Fotografie nicht durchsetzen würde? So wird es häufig erzählt. Aber Stefan Daniel, Leiter Produktmanagement Foto bei Leica Camera, widerspricht dieser Darstellung: "Wir hatten vorher einfach nicht die Kapitaldecke, um eine Digitalkamera auf dem Niveau der M zu entwickeln", erläutert er. Zudem habe es an technischen Möglichkeiten und Know-how gefehlt. Erst als wichtige Komponenten der Digitalkameras frei auf den Markt kamen, habe Leica aufschließen können.

In der Anfangsphase der digitalen Fotografie hatten die Pioniere die passenden Bildsensoren, Displays und die zugehörige Bildelektronik ausschließlich für ihre eigenen Geräte entwickelt. Dazu zählen zum Beispiel Hersteller wie Apple, Canon, Casio, Kodak oder Sony. Etwa seit der Jahrtausendwende gibt es jedoch auch unabhängige Hersteller. "Deren Produkte können wir nutzen und auf uns zuschneiden", sagt Stefan Daniel. Für die gerade vorgestellte neue M9 zum Beispiel entwickelte Leica gemeinsam mit dem belgischen Unternehmen Cmosis einen Kleinbildsensor mit 24 Megapixeln.

Heute steht Leica wieder gut da. Im abgelaufenen Jahr wurden 295 Millionen Euro umgesetzt. Der Wiederaufstieg gelang vor allem mit der M-Serie. "Die M9 ist so erfolgreich wie in den besten analogen Zeiten", freut sich Stefan Daniel. Fast ein Drittel der pro Jahr verkauften 15000 bis 20000 M-Kameras geht sogar als Leica M Monochrome über den Ladentisch, die ausschließlich Schwarz-Weiß-Aufnahmen machen kann. Sie ist mit einem speziellem Schwarz-Weiß-Sensor mit hoher Auflösung und Empfindlichkeit ausgestattet.

Während die digitale M das Flaggschiff ist, halfen auch andere Produkte mit, das Runder rumzureißen. Etwa die in Kooperation mit Panasonic entstandene digitale Kompaktkamera Leica X1. Deren Nachfolgemodell X2 ist seit einem guten halben Jahr auf dem Markt. Die anspruchsvolle Kamera mit Kleinbildsensor und 16,2 Megapixeln basiert auf einem modifizierten Gehäuse des M-Systems. Leica-Objektive wiederum haben maßgeblich zum Erfolg der digitalen Kameras der Lumix-Serie von Panasonic beigetragen. Außerdem gibt es seit zwei Jahren die S-Reihe. Die Mittelformat-Spiegelreflexkamera richtet sich an Profis, die sie als Alternative zur Hasselblad kaufen sollen.

Finanziell unterstützt wurde der digitale Neuanfang durch den Einstieg der ACM Projektentwicklung GmbH des Österreichers Andreas Kaufmann. Bereits 2004 hatte der Risikokapitalgeber das Leica-Aktienpaket der französischen Hermès-Gruppe erstanden. Vor vier Jahren wurde er Mehrheitseigner. Mittlerweile sind alle Kleinaktionäre abgefunden worden, und der US-Finanzinvestor Blackstone ist mit 44 Prozent der Anteile neu an Bord. Seit der Beteiligung Kaufmanns fließt frisches Geld, unter anderem auch in Forschung und Entwicklung: im vergangenen Jahr mit einer zweistelligen Millionensumme fast doppelt so viel wie im Jahr zuvor.

"Die Stimmung ist wieder gut, und es werden sogar neue Kollegen eingestellt", berichtet Edgar Zimmermann. Der 61-jährige freigestellte Betriebsratsvorsitzende war früher Qualitätsmanager bei Leica; er arbeitet seit über dreißig Jahren im Unternehmen. In den schlechten Jahren waren in Solms knapp 400 Arbeitnehmer angestellt, heute sind es wieder über 500. Am portugiesischen Standort, wo ausschließlich produziert wird, wächst die Zahl der Mitarbeiter ebenfalls. "Wichtig war, dass wir trotz Stellenabbau eine Mannschaft erhalten konnten, die sich auskennt", so Zimmermann. "Ohne die qualifizierten Mitarbeiter wäre der Wiederaufstieg nicht gelungen."

Als Symbol dafür, dass es wieder aufwärts geht, sieht der Arbeitnehmervertreter auch den bevorstehenden Umzug des Unternehmens. Schon 2013 soll Leica Camera in den neu gebauten Leitz-Park nach Wetzlar ziehen. Weg von der grünen Wiese – dorthin zurück, wo die Erfolgsgeschichte ihren Anfang nahm. (bsc)