Das Ja im Nein

Mit einer spektakulären Aktion hat ExxonMobil Europe auf zwei Vorhaben verzichtet, in Deutschland Schiefergas zu fördern. Ist das umstrittene Fracking-Verfahren damit vom Tisch?

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Von
  • Manfred Pietschmann

Mit einer spektakulären Aktion hat ExxonMobil Europe auf zwei Vorhaben verzichtet, in Deutschland Schiefergas zu fördern. Ist das umstrittene Fracking-Verfahren damit vom Tisch?

Manfred Pietschmann, TR-Herausgeber, findet die Entscheidung von ExxonMobil ehrenwert, aber auch taktisch klug. Beides schlieĂźt sich nicht aus.

Das Gasfieber grassiert: Auf der ganzen Welt, vor allem in Amerika, Europa und Russland, finden Geologen neue Erdgaslagerstätten oder ziehen alte wieder ins Kalkül, deren Ausbeutung sich bisher nicht lohnte. Gigantische Reserven kommen da zusammen, die eines gemeinsam haben: Die Erdgasindustrie kommt schwer an sie heran, weil der begehrte Energieträger sich fein verteilt in festem Schiefergestein oder Kohleflözen verbirgt. Doch mit der sogenannten Frack-Technologie haben die Amerikaner begonnen, diesen Schatz zu heben und freuen sich bereits über glänzende Aussichten: In knapp zehn Jahren, hat die Internationale Energie-Agentur kürzlich errechnet, werden die USA dank Schiefergas und Schieferöl vom Energie-Importeur zum -Exporteur aufsteigen. Seit zwei Jahren greift auch in Europa das Fieber um sich. Landauf, landab beantragen Unternehmen der Erdgasindustrie die Erkundung solcher "unkonventionellen" Lagerstätten, darunter ExxonMobil Europe, Wintershall und Statoil, aber auch unbekannte Glücksritterfirmen aus den USA und Kanada. Zu verlockend ist die Aussicht, sich einen oder mehrere der Claims rechtzeitig zu sichern, koste es, was es wolle.

Da war es überraschend, dass ausgerechnet ExxonMobil Anfang November entschied, auf die Erkundung zweier niedersächsischer Standorte zu verzichten und die Arbeiten an einer weiteren Lagerstätte in Nordrhein-Westfalen vorerst ruhen zu lassen. Doch nicht allein die Tatsache, vor allem das Zustandekommen dieser Entscheidung war einmalig: Das Unternehmen unterwarf sich ohne Wenn und Aber der Empfehlung einer neutralen Expertenkommission, die es selbst initiiert hatte. Und nicht nur das: ExxonMobil hatte sich bereits bei der Gründung des Kreises vor zwei Jahren verpflichtet, die Ergebnisse der Kommission ohne Einschränkung umzusetzen.

Dabei hatte das Unternehmen nach eigenen Aussagen weder Einfluss auf die Zusammensetzung des Expertenteams genommen noch auf dessen Arbeit an seiner Risikostudie. So viel unternehmerische Verantwortung für das Gemeinwohl gab es in Deutschland noch nie. Nur ein bisschen davon hätte auch in anderen Auseinandersetzungen nützlich sein können, zum Beispiel im Streit um die Atomenergie.

Im Fokus der Risikostudie des Expertenkreises stand die Methode des "hydraulic fracturing" – jener Technologie, mit der ein unter hohem Druck ins Bohrloch gepresstes Wasser-Sand-Gemisch das unterirdische Gestein aufbricht. Durch die dabei entstehenden Risse – "fracs" – entweicht das Erdgas aus Gesteinsformationen, die eigentlich gasundurchlässig sind. Das größte Problem dabei sind die umweltschädlichen Additive, die dem Wasser zugesetzt werden. Anrainer der Lagerstätten, Umweltschützer und etliche Politiker in Deutschland kritisieren die Methode des Fracking scharf, weil sie befürchten, dass die umweltschädlichen Stoffe durch die Gesteinsrisse ins Grundwasser gelangen könnten.

Die Empfehlungen des achtköpfigen Gremiums, bestehend aus Wasserfachleuten, Geologen, Toxikologen und einem Experten für Anlagensicherheit, hätten eindeutiger nicht sein können. In ihrer öffentlichen Präsentation Ende April 2012 stellten die Wissenschaftler fest, dass über die Frack-Technologie viel zu wenig gesicherte Erkenntnisse vorliegen. Das Expertenteam empfahl deshalb ein einzelnes Demonstrationsvorhaben zu Forschungszwecken. Außerdem schloss es Fracking-Aktivitäten in Grundwasserschutzgebieten der Kategorie I und II sowie in der Nähe von Heilwasservorkommen kategorisch aus.

Die Grundwasserhürde bedeutet das endgültige Aus für die ExxonMobil-Standorte im niedersächsischen Bad Laer und in Holte bei Osnabrück. Und auch für die weiteren unkonventionellen Lagerstätten, für die das Unternehmen Erkundungen beantragt hat, soll ein ausführliches Grundwasser-Monitoring die Frage der grundsätzlichen Eignung klären. Das wird mindestens ein halbes Jahr dauern. Damit unterwirft sich ein wichtiger internationaler Player der Erdgasindustrie in bisher ungewohntem Ausmaß den Forderungen des Umweltschutzes.

Ob unter diesen Bedingungen überhaupt noch eine wirtschaftliche Ausbeutung von Schiefergas möglich ist, muss sich zeigen. Doch während sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt etwa die Kasseler Erdgasfirma Wintershall in Bezug auf Fracking-Vorhaben zurückhaltend gibt, bekräftigt ExxonMobil, dass der Aufschub grundsätzlich nichts an seiner Motivation ändert, in Deutschland mit dieser Methode Schiefergas zu fördern. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass Fracking in anderen Ländern mit erheblich weniger Auflagen verbunden ist, beispielsweise in den USA, der Heimat von ExxonMobil.

Letztlich ist das Unternehmen mit seiner Verzichtserklärung Anfang November nur knapp einem Fracking-Verbot von Nordrhein-Westfalen zuvorgekommen. Im Landtag stimmten die Fraktionen der SPD, der Grünen und der Piraten am 9. November mehrheitlich für den entsprechenden Antrag der Landesregierung. So gesehen könnte es sein, dass ExxonMobil gerade noch sein Ziel erreicht hat – den Imageschaden zu beheben, den es am Fracking-Standort Damme an-gerichtet hatte. Dort war die Firma 2010 wegen ihrer undurchsichtigen Hinterzimmerdiplomatie in die Schlagzeilen geraten. Dass ExxonMobil sich am Ende zur Initiative einer neutralen Expertenkommission genötigt sah, ist sicher auch der Allianz aus aufgebrachten Bürgern, Umweltschützern und Kommunalpolitikern in Damme zu verdanken, die jene Schlagzeilen erzeugten.

Inzwischen dürfte der Erdgasindustrie klar sein, dass die goldenen Zeiten der weitgehend auflagenfreien Förderung vorbei sind. Zwar gilt derzeit noch, dass eine Umweltverträglichkeitsprüfung erst ab einer Fördermenge von einer halben Million Kubikmetern pro Tag nötig ist. Aber Branchenkenner rechnen fest damit, dass der Gesetzgeber die Grenze mit Blick auf die schwächer fließenden Schiefergasquellen demnächst herabsetzen wird. (mpi)