Gene sind immer noch keine Erfindung

Der Supreme Court muss entscheiden, ob Myriad Genetics‘ Patente auf zwei Brustkrebsgene rechtens sind. Das Gericht sollte sie abschmettern und endlich eine Grundsatzentscheidung fĂ€llen.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Der Supreme Court muss entscheiden, ob Myriad Genetics‘ Patente auf zwei Brustkrebsgene rechtens sind. Das Gericht sollte sie abschmettern und endlich eine Grundsatzentscheidung fĂ€llen.

Am 15. April hat das Oberste Gericht der Vereinigten Staaten begonnen, sich mit der Patentierbarkeit von menschlichen Genen zu beschĂ€ftigen. Genauer gesagt geht es um die zwei Gene BRCA1 und BRCA2, die in mutierter Form das Risiko fĂŒr Brust- und Eierstockkrebs erheblich steigern. Das Biotech-Unternehmen Myriad Genetics hĂ€lt insgesamt sieben Patente in Bezug auf diese Gene: Wie ich in einem frĂŒheren Blog schon geschrieben habe, decken die erteilten Schutzrechte zum einen die Basensequenzen der Gene selbst (inklusive aller kĂŒnftig entdeckten Mutationen) und zum anderen diagnostische Nachweistests fĂŒr diese Mutationen.

Der juristische Streit ĂŒber die Patente schwelt der bereits seit Jahren, einen kurzen Abriss ĂŒber seine Stationen liefert der oben erwĂ€hnte Blog. Jetzt ist das Ganze also vor dem Obersten Gericht gelandet. Das wĂ€re eine Chance, endlich mal eine Grundsatzentscheidung ĂŒber die fehlende PatentierfĂ€higkeit von Genen zu fĂ€llen. Myriads Schutzrechte hĂ€tten nie erteilt werden dĂŒrfen, allen voran nicht auf die Gensequenzen. Das gilt auch fĂŒr alle anderen Genpatente, die inzwischen betreffen sie 41 Prozent der menschlichen DNA betreffen – sind höchst fragwĂŒrdig. Denn wenn Gene patentierbar sind, mĂŒsste es eine zur Transplantation entnommene Niere auch sein. Aber werfen wir einen rein technischen Blick auf einige von Myriads Forderungen:

Das Unternehmen hĂ€lt praktisch die Schutzrechte fĂŒr alle isolierten BRCA-Gene und ihre Untersuchung. BegrĂŒndung: Die extrahierte Version des Gens unterscheide sich stark von der natĂŒrlichen Version.

Das ist Augenwischerei. Beim Myriad-Test werden die BRCA-Gene aus der Patienten-DNA isoliert, die nicht kodierenden Bereiche entfernt, und die resultierende DNA-Sequenz untersucht. Diese ist kĂŒrzer als die Ursprungsversion, aber mitnichten eine neue Erfindung. Das US-Patentrecht spricht Naturstoffen eigentlich die Patentierbarkeit ab, doch bei Genen hat sie diesen grundsatz vor ein paar Jahrzehnten aus unerfindlichen GrĂŒnden aufgegeben.

Myriad argumentiert, diese resultierende Sequenz sei menschengemacht und komme in der Natur nicht vor. Damit sei seine Herstellung eine innovative Leistung.

Auch das stimmt nicht. Werden die BRCA-Gene in den Zellen abgelesen und eine RNA-Zwischenkopie erstellt, schneiden Enzyme daraus die nicht kodierenden Bereiche ebenfalls heraus. Selbst wenn man argumentiert, dass RNA nicht gleich DNA ist, wo ist der innovative Unterschied?

Die Patente decken auch die Analysemethode ab, sind die wenigstens innovativ?

Das wĂ€re der einzige patentierbare Aspekt. Doch nein, die verwendeten Techniken waren schon etabliert, man hat sie einfach auf die BRCA-Gene angewandt. Ein frĂŒheres Gerichtsurteil hat die Schutzrechte fĂŒr die Analysemethoden bereits fĂŒr ungĂŒltig erklĂ€rt.

Der Patentschutz ist wichtig, um die hohen Entwicklungskosten wieder reinzuholen.

Das allein ist kein Argument. Geld lÀsst sich mit dem Test auch ohne Patentschutz verdienen, wenn er grundlegend anders oder genauer ist als andere Tests. Das funktioniert bei vielen anderen Unternehmen ganz wunderbar.

Myriad hĂ€lt mit seinen Patenten da facto ein Monopol auf alle Untersuchungen – und Untersuchungsergebnisse – der BRCA-Gene. Wer eine zweite Meinung will, kann sich an kein anderes Unternehmen wenden. Doch damit nicht genug. Das Unternehmen sagt sogar, wenn Wissenschaftler diese Gene mit anderen Methoden zu Forschungszwecken untersuchen, dĂŒrfen sie den Probanden nicht mitteilen, wenn sie kritische VerĂ€nderungen finden.

Richtig abstrus wird es bei folgendem Patentaspekt: jegliche DNA-Sequenz aus 15 Basen (DNA-Bausteinen), die in den BRCA-Genen vorkommen, ist ebenfalls geschĂŒtzt. Wie die Wissenschaftler Jeffrey Rosenfeld und Christopher Mason kĂŒrzlich in der Washington Post schrieben, betrifft das 689 komplett andere Gene, mit denen sich Myriad Genetics ĂŒberhaupt nicht beschĂ€ftigt. Da verkommt Myriads Behauptung, ihre Patente hĂ€tten Innovationen in der Krebsforschung ermöglicht, endgĂŒltig zur Farce.

Ich will an dieser Stelle nicht das Fass aufmachen, ob das Patentsystem grundsĂ€tzlich geeignet ist, Innovationen zu begĂŒnstigen. Auch wenn es in einigen Bereichen zu funktionieren scheint, ist die Ansicht zumindest krĂ€ftig umstritten. 1955 wurde Jonas Salk, der Entwickler der Impfung gegen KinderlĂ€hmung gefragt, warum die Vakzine nicht patentiert hat. Seine Antwort war eine Frage: Kann man die Sonne patentieren? Sein Impfstoff sei nur eine inaktivierte Form des natĂŒrlichen Virus. Aber selbst wenn man Patente als sinnvoll betrachtet: Das System scheint definitiv kaputt zu sein, wenn es auch Sachen belohnt, die mitnichten neue Innovationen sind. Hoffentlich wird der Supreme Court diesen Fehler zumindest in Sachen Genpatenten berichtigen. (vsz)