In Japan klicken die Kameras anders
In der Digitalära rückt die Welt enger zusammen. Dadurch entdecken wir hin und wieder kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Nationen, die uns vorher gar nicht bewusst waren. Ein Beispiel: Die Nutzung von Geräten zur Bildaufnahme.
- Martin Kölling
In der Digitalära rückt die Welt enger zusammen. Dadurch entdecken wir hin und wieder kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Nationen, die uns vorher gar nicht bewusst waren. Ein Beispiel: Die Nutzung von Geräten zur Bildaufnahme.
Als Journalist in Nippon freut man sich immer wieder, ein Klischee bedienen zu können: Das des "Crazy Japan", eines Landes, das anders ist, leicht entrückt aus dieser Welt. Manga, Anime, Cosplay. Roboterklos, Androiden, verrückte Gadgets – sie sichern global das mediale Interesse an diesem Land. Und damit meinen hiesigen Kollegen und mir ein Auskommen. Dass wir damit keineswegs völlig daneben liegen, zeigen auch die Bemühungen der Regierung, ebendiese Untergrundkultur global zum Exportschlager zu machen. Selbst der Regierungschef Shinzo Abe hatte voriges Wochenende Mädels in Hotpants und Cosplay-Kostümen zu seiner Kirschblütenparty eingeladen, um die Gäste zu unterhalten. Und wir Journalisten spießen daher umso dankbarer jedes Indiz auf, das die These unterstützt, dass Japaner wirklich ein bisschen anders ticken als der Rest der Erdenbürger.
Das kann man beispielsweise an der digitalen Fotografie festmachen. Die Firma Casio, die neben ihren robusten Allwetteruhren auch Kameras produziert, hat diese Woche eine internationale Umfrage veröffentlicht. Darin untersuchte der Konzern, wie Eltern in China, Deutschland, Japan und den USA Familienfotos machen und nutzen. Wie repräsentativ so eine Umfrage ist, die in jedem der vier Länder online 200 Männer und Frauen zwischen 18 und 69 Jahren mit Kindern unter zwölf Jahren aushorcht, will ich hier nicht hinterfragen. Aber die Ergebnisse geben wenigstens eine Richtung vor. Die Anforderungen an die Hardware sind in allen Ländern recht ähnlich: Die Kompaktknipsen sollen so schnell wie möglich fokussieren und nacheinander auslösen können, damit die flüchtigen Momente festgehalten werden können. Aber bei der Nutzung der Kameras unterscheiden sich die Länder. Eine Insel für sich ist dabei – "wieder einmal" möchte man fast sagen – Japan.
In Deutschland, China und den USA werden die Kinder beispielsweise meist im Alltag geknipst, in Japan hingegen zu speziellen Anlässen, bei Besuchen im Zoo, dem Sportfest oder der Theateraufführung in Kindergarten oder Schule. In den drei erst genannten Ländern werden die Fotos in digitalen Alben gesammelt, in sozialen Netzwerken wie Facebook oder auf andere Fotoseiten online gestellt oder schlicht eingerahmt zuhause auf Kaminsimse oder Regale gestellt. Japaner hingegen speichern die Bilder ihrer Liebsten am liebsten im PC oder ähnlichen Geräten.
Ohne die genaue Altersverteilung der Ländergruppen zu kennen, sind die Ergebnisse natürlich mit einer hohen Fehlerquote behaftet. Denn auch in Japan unterscheidet sich der Umgang mit digitalen Geräten und Erinnerungen wahrscheinlich zwischen den Generationen gewaltig. Aber Casios Meinungsforscher sind sich ihrer Sache sicher genug, um zu urteilen, dass dies einen zurückhaltenderen Umgang der Japaner mit Bildern zeige. Aus meinem eigenen Erleben finde ich dies plausibel. Schnappschüsse, die das "wahre" Wesen zeigen, sind meines Erachtens weniger beliebt als gestellte Aufnahmen, in der alle Teilnehmer die Gelegenheit haben, sich in Pose zu werfen.
Warum das so ist? Ein Erklärungsansatz ist meiner Empfindung zufolge, dass Japaner ihr gesellschaftliches Erscheinungsbild und auch ihre Privatsphäre stärker schützen als Deutsche, Chinesen oder Amerikaner. Ich glaube, dass der Abstand zwischen dem gesellschaftlichen und dem privaten "Ich" geringer ist als in Japan. Besonders Tokio erscheint mir wie ein große Theaterbühne, auf der die Bewohner über den Tag verteilt immer wieder ihre Rollen wechseln, um den sozialen Zwängen und Normen der jeweiligen Umgebungen möglichst zu gefallen. Das ist natürlich in allen Kulturen so, aber in Japan ist der Abstand größer.
Verrückterweise führt eben dieser Hang zur Konformität zu diesen bunten Textil-, Musik-, Manga-, und Technikmoden, die Japans Ruf und Anziehungskraft als liebevoll-verrückte Nation hervorbringen, erklärte mir mal ein japanischer Chefredakteur eines japanischen Rockmusikmagazins. Für ihn ist der persönliche Kern der Japaner (idealtypisch gesprochen) weniger stark ausgeprägt als in anderen Kulturen. Dafür bewegen sie sich viel in mitunter kleinen Gruppen mit Personen gleichen Interesses, in denen sie sich zeitweise quasi gruppenkonform ausleben.
Da es eine Vielzahl dieser Subkulturgrüppchen gibt, blubbert die Szene lebhaft vor sich hin. Brave Schulmädchen verwandeln sich im Tokioter Jugendmodestadtteil Harajuku in schräge Mode-Pioniere (bevor sie wenig später zu braven Firmenangestellten und später Hausfrauen mutieren). Einige Geschäftsmänner verwandeln sich nach Dienstschluss in Akihabara in fotografische Schürzenjäger, die Mädchen in Kostümen fotografieren. Und die Unternehmen versuchen hektisch, jede dieser Subkulturen mit Produkten zu versehen. (Wobei ich allerdings mit dem japanischen Technikphilosophen Morinosuke Kawaguchi den Eindruck teile, dass mit der Verbreitung des Internets die Welt immer stärker japanisiert wird – was die Entstehung von Gruppenmoden angeht).
Zurück zu den Bildern: Der Umfrage zufolge tendieren Japaner öfter dazu, nur Fotos ihrer Kinder mit sich zu tragen, während Deutsche, Chinesen und Amerikaner öfter auch Fotos des Ehepartners oder der gesamten Familie mitschleppen. Der Prozentsatz der Familienfotos in Japan sei besonders niedrig, was darauf hindeute, dass japanische Eltern schüchterner seien als die in anderen Ländern oder der Familienkitt außerhalb Japans fester, mutmaßt Casio. Schließlich war der Anteil derjenigen, die gar keine Bilder mitnehmen, mit fast einem Drittel der befragten Japaner deutlich höher als der in den anderen Gruppen.
Auffälligkeiten gab es auch bei anderen Nationen. Chinesen tragen beispielsweise am wenigsten oft nur Fotos von ihrem Kind mit sich, aber dafür am häufigsten Bilder von Kind mit dem Partner oder der gesamten Familie. Deutsche und Amerikaner ähneln sich dieser Umfrage zufolge, wenigstens was die Verwendung von Familienfotos angeht. Doch ich denke mir: Ach wie schön, dass es im globalen Dorf noch immer Unterschiede gibt. (bsc)