Foresight-Prozess: Einblicke fĂĽr das Forschungsministerium in relevante Innovationen
Das Bundesforschungsministerium will über die sogenannten Foresight-Prozesse Fehlprognosen wie das "papierlose Büro" vermeiden und Forschungsförderung in die richtigen Bahnen lenken. Acht für die Zukunft wichtige Themengebiete wurden identifiziert.
- Christiane Schulzki-Haddouti
Rund 10 Milliarden stehen dem Bundesforschungsministerium (BMBF) in diesem Jahr im Haushalt zur Verfügung – mit dem Konjunkturprogramm sind es jährlich weitere 300 Millionen Euro. Doch wo fließen die Gelder hin? Auf welcher Grundlage entscheidet das Ministerium, welche Forschungsgebiete wichtig und weniger wichtig sind? Seit 1992 lässt das Ministerium in regelmäßigen Abständen über so genannte Foresight-Prozesse ermitteln, welche Entwicklungen in zehn bis fünfzehn Jahren relevant sein werden. Ziel sei es, "Fehlprognosen wie etwa das 'papierlose Büro' zu vermeiden", erklärte BMBF-Staatssekretär Frieder Meyer-Krahmer auf einer Abschlusskonferenz zum aktuellen Foresight-Prozess.
Die acht Themengebiete, die in Zukunft wichtig sein sollen, wurden von den Fraunhofer-Instituten für System- und Innovationsforschung (ISI) und für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in einer zweijährigen Studie erarbeitet, die mit vier Millionen Euro vom BMBF unterstützt wurde. Die Themen, die der Vorgänger-Prozess, den Futur in zahlreichen Workshops nicht nur Experten, sondern auch Laien in den Suchprozess eingebunden hat, ermittelt hatte, bezeichnete Meyer-Krahmer als "zu groß" und für die Forschungspolitik daher nur schwer handhabbar. Futur hatte ebenfalls rund 4 Millionen Euro gekostet und sich über einen Zeitraum von vier Jahren erstreckt. Daher wurde nun wieder ein klassischer Suchprozess in Form einer Studie gewählt.
Zur Identifizierung von Themen und Akteuren wurde, erklärte Projektleiterin Kerstin Cuhls vom Fruanhofer-Institut ISI, ein Methodenmix angewandt. Für den Start orientierten sie sich dabei an der Hightech-Strategie der Bundesregierung. Neben einer Bibliometrie zogen die Forscher Foresight-Studien aus anderen Ländern heran und prüften, ob ein Thema langfristig für die Forschung tragbar ist. Im weiteren Verlauf achteten sie darauf, wie an den Schnittstellen der Disziplinen neue Forschungsbereiche entstehen können.  Im Ergebnis benennt die Studie nun acht große Zukunftsfelder.
Das Zukunftsfeld Mensch-Technik-Kooperationen greift die zunehmende Technisierung des Menschen etwa durch intelligente Implantate und Prothesen auf.  Dabei betrachtet es nicht nur wissenschaftliche und technische, sondern auch gesellschaftliche und rechtliche Fragen. Thomas Christaller, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS, erklärte,  dass zunehmend komplexe Systeme Schnittstellen bräuchten, "die intuitiver und angepasster an die menschlichen Denkgewohnheiten" sein müssten.
Das Zukunftsfeld Produzieren-Konsumieren 2.0 umfasst die AnsprĂĽche an nachhaltige Produkte und Produktionsprozesse mit den WĂĽnschen an eine kundenfreundliche Fertigung sowie die hiermit verbundenen neuen Herstellungsverfahren und Dienste.
Ein weiterer Zukunftsbereich wird mit den Begriffen Komplexität, Modelle und Simulationen umschrieben. Hier geht es beispielsweise darum, wie Erkenntnisse aus materialwissenschaftlichen Simulationen in der regenerativen Medizin zur Anwendung kommen können.Â
Das Zukunftsthema Das Altern entschlüsseln will die biologischen, lebenslangen Prozesse des Alterns und der Gehirnentwicklung klären.
Die Zeitforschung beschäftigt sich mit der Zeitabfolge komplexer Prozesse, um Anwendungen schneller und effizienter gestalten zu können, aber auch mit der Dynamik etwa nichtliniearer Entwicklungen auf unterschiedlichen Zeitskalen. Hierzu gehört auch das Forschungsfeld der Zeitmessung.Â
Der Zukunftsbereich Infrastrukturen für die Lebensräume der Zukunft wiederum befasst sich mit dem künftigen Um- und Rückbau von Siedlungs- und Infrastrukturen in den Bereichen Verkehr, Wasser, Information und Kommunikation sowie Energie.
Der Energie sind zwei eigene Zukunftsfelder gewidmet. So sieht die Foresight-Studie im Bereich Mikro-Energie aus der Umgebung gewinnen (auch als "Energy Harvesting" bekannt, einen Hintergrund-Bericht zu dieser Technik bringt c't in Ausgabe 15/09) großes Potenzial. So sollen Geräte und Anwendungen autonom, dezentral oder mobil jenseits der herkömmlichen Energieversorgung ablaufen können, indem sie Mikro-Energien direkt aus der Umgebung nutzen können. Beispiele hierfür sind Drucksensoren in Autoreifen und die drahtlose Übertragung der Messwerte oder die dauerhafte Stromversorgung von Herzschrittmachern.
Eine abgestimmte Forschungsvielfalt für zukunftsfähige Energielandschaften ist das zweite Zukunftsfeld im Bereich Energie. Dabei geht es darum, in einem "Strategieabgleich" etwa in den Bereichen energieeffiziente Produktionstechnik und Bioproduktion Synergiepotenziale und Inkonsistenzen der gegenwärtigen Forschungslandschaft zu identifizieren.
Im weiteren Verlauf wird das BMBF Unternehmen, Forschungsförder- und europäische Einrichtungen bitten, die acht Zukunftsfelder zu bewerten. So soll etwa mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft ermittelt werden, ob die Einrichtung neuer Sonderforschungsbereiche erforderlich ist. Auf internationaler Ebene findet ein Austausch innerhalb eines Panels mit den OECD-Staaten sowie China, Indien und Brasilien statt.(Christiane Schulzki-Haddouti) / (jk)