Koexistenz im Reader-Zoo
Hörbücher und E-Reader haben nicht wie befürchtet zum Tod der Printbücher geführt. Stattdessen leben sie friedlich mit ihnen zusammen. Richtig so.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Hörbücher und E-Reader haben nicht wie befürchtet zum Tod der Printbücher geführt. Stattdessen leben sie friedlich mit ihnen zusammen. Richtig so.
Letzte Woche habe ich meinen Lesegeräte-Zoo um einen neuen Bewohner erweitert. Neben klassischen Büchern, meinem iPod für Hörbücher und meinem E-Reader nutze ich nun auch die Kindle-App für Tablets. So weit, so normal, sagen Sie. Stimmt – und genau das ist der Punkt. Das Ergebnis dieser Auffächerung, zu der es grob gesagt über die letzten zehn Jahre gekommen ist: Alle koexistieren sie friedlich miteinander anstatt sich wie befürchtet gegenseitig zu verdrängen.
Als die Hörbücher in den Nuller-Jahren zu einem neuen Siegeszug ansetzten, beklagte eine befreundete Bibliothekarin diese Entwicklung. Hörbücher waren für sie nicht gleichwertig mit Büchern. Sie hatte Bedenken, vor allem Kinder würden durch sie weniger lesen. Ich fand nicht, dass die Rechnung so einfach ist. Für mich war es immer eine Ergänzung zu den Büchern und vor allem dann ein ausgesprochener Genuss, wenn die Sprecher gut waren.
Das führte zu einer interessanten Parallelentwicklung bei meinen Lesegewohnheiten. So wie ich bei Lieblingsautoren neue Serien auf der Basis der bisherigen Qualität anfange, habe ich manches unbekannte Hörbuch nur deshalb gekauft, weil sie von der großartigen Davina Porter (eine britische Schauspielerin) gelesen wurden. Umgekehrt habe ich Hörbücher beiseitegelegt, wenn mich ein Autor, der gut schreiben aber nicht gut vorlesen kann, nie richtig in die Geschichte hineingezogen hat. Heute hat jede Bücherei und jeder Buchladen selbstverständlich eine Hörbuchabteilung.
Der zweite große Vorteil der Hörbücher: Sie machen nicht nur lange Zugfahrten angenehmer, sondern auch die oft monotonen Hausarbeiten wie Bügeln und Fahrradputzen erträglich. Der Wunsch, lieber mit einem guten Buch auf dem Sofa zu sitzen, geht dann wenigstens halb in Erfüllung. Nur eine Rechnung ist dabei nicht aufgegangen. So wie Fernsehen beim Bügeln manchmal zu sehr ablenkt, so ertappe ich mich manchmal auch bei spannenden Hörbüchern dabei, dass ich minutenlang mit dem Schwamm in der erhobenen Hand dastehe. Sei’s drum.
Auch bei den elektronischen Büchern bin ich nicht komplett umgestiegen. Mein fast drei Jahre alter Nook begleitet mich auf Reisen, für die ein Buch nicht ausreichend würde, mehrere aber zu schwer wären. Ich habe keinen Kindle, weil das deutsche Angebot damals noch nicht berühmt war (und bei den für mich ebenfalls wichtigen ungarischen Büchern nichtexistent). Ursprünglich wollte ich mit dem E-Reader die aus den Regalen quellende Bücherflut eindämmen. Heute mache ich es eher so: Bin ich mir nicht sicher, ob mir ein Buch gefallen wird, kaufe ich die elektronische Version. Die kann ich bei Nichtgefallen zwar nicht weiterverkaufen, aber den Aufwand will ich auch nicht immer betreiben. Bücher von Lieblingsautoren wiederum kaufe ich nach wie vor als gedruckte Bücher.
Für die neue Endzeit-Saga „Wool“ (auf Deutsch „Silo“) und seiner Fortsetzung „Shift“ (der deutsche Titel steht noch nicht fest) kam der Nook nun aber nicht in Frage. Die süchtig machenden Bücher von Hugh Howey waren nämlich nicht im ePub-Format, sondern nur im Kindle-Format verfügbar. So kam also die Kindle-App ins Spiel. Das hatte neben dem Lesegenuss einen weiteren sehr befriedigenden Effekt. Ich habe einen tollen Indie-Autor dabei unterstützt, über den – inzwischen sechs Jahre alten – "Kindle Direct Publishing"-Zweig von Amazon den Großteil der Einkünfte selbst behalten zu können. Auch das wird nicht der Tod der klassischen Verlagshäuser sein, sondern mehr Koexistenz hervorbringen. Hugh Howey hat unlängst einen sechsstelligen Buch-Deal mit dem US-Verlag Simon & Schuster abgeschlossen, der dabei auf die E-Buch-Rechte verzichtet hat. Weil die Leute immer noch gedruckte Bücher lesen wollen. (vsz)