"Virtual Peers" sollen autistische Kinder unterrichten

Eine an der Northwestern University entwickelte Computertherapie könnte Eltern finanziell erheblich entlasten.

vorlesen Druckansicht 65 Kommentare lesen
Lesezeit: 2 Min.
Von
  • Peter MĂĽhlbauer

Autistische Kinder kommen mit Spielzeug und Computern häufig besser zurecht als mit anderen Menschen. In Großbritannien versucht man diesen Effekt zu nutzen, indem man sie mit einem Roboter an Kommunikation und Interaktion heranführen will. Jetzt haben Wissenschaftler an der Northwestern University einen "Virtual Peer" entwickelt, der das weitaus kostengünstiger erledigen soll.

Die auf einem Treffen der American Association for the Advancement of Science präsentierte Studie der Psychologin und Computerwissenschaftlerin Justine Cassell verglich das Spielverhalten von sechs autistischen Kindern. Einmal mit dem auf einem Bildschirm lebensgroß dargestellten Virtual Peer "Sam" und ein andermal mit gleichaltrigen Kindern. Dabei stellte sie fest, dass sich das Kommunikationsverhalten der Autisten im Umgang mit Sam verbesserte, was beim Spielen mit den lebenden Gleichaltrigen nicht zu beobachten war. Ein Grund könnte darin liegen, dass bei der Kommunikation mit Virtual Peers weniger Hemmnisse bestehen, weil deren Reaktionen für die Kinder weniger unberechenbar sind. Was auch daran liegt, dass die virtuellen Kinder sich nicht nerven oder langweilen lassen. Stattdessen kann ihr Verhalten ebenso wie ihr Aussehen individuell angepasst werden.

Die beiden Wissenschaftler halten Sam deshalb zwar nicht für die beste, aber doch für eine sinnvolle Therapiemöglichkeit. Die nicht nur gegenüber dem britischen Ansatz kostengünstigere Entwicklung scheint unter anderem auch deshalb relevant, weil eine im Journal of Family and Economic Issues erschienene und in der letzten Woche preisgekrönte andere Studie ergab, dass Familien mit autistischen Kindern sehr häufig unter großen finanziellen Schwierigkeiten leiden. Ein Effekt, der den Autoren zufolge bislang wenig berücksichtigt wurde, aber enorme Konsequenzen hat.

Viele der Therapien für autistische Kinder sind sehr zeitaufwendig und entsprechend teuer. Bei der Applied Behavior Analysis (ABA) beschäftigt sich ein Therapeut beispielsweise 30 bis 40 Stunden pro Woche mit nur einem Kind, weshalb die Therapie extrem viel Geld kosten kann – vor allem in den USA, wo Kunden gegenüber ihren durchwegs privaten Krankenversicherungen einen sehr schlechten Stand haben. Nicht zuletzt führte der Stress mit dem Kind auch zu höheren Therapie- und Medikamentenkosten für die Eltern selbst.

Ein anderer Faktor kann allerdings auch mit dem Virtual Peer nicht beseitigt werden: Die Kosten für die Gegenstände, welche hochaggressive Kinder zerstören. Für diese Gruppe scheint der Einsatz der virtuellen Gleichaltrigen auch wegen der potentiellen Verletzungsgefahren beim Zertrümmern eines Bildschirms ausgeschlossen. (pem)