Volksmobilfunk

Der Chiphersteller Qualcomm propagiert für den weiteren Ausbau der Mobilfunknetze den flächendeckenden Einsatz von kleinen Basisstationen in Privathaushalten. Sie sollen Netzbetreiber vom Aufbau zusätzlicher Sendemasten befreien, um den steigenden Datenverkehr zu bewältigen.

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Von
  • Tom Simonite

Der Chiphersteller Qualcomm propagiert für den weiteren Ausbau der Mobilfunknetze den flächendeckenden Einsatz von kleinen Basisstationen in Privathaushalten. Sie sollen Netzbetreiber vom Aufbau zusätzlicher Sendemasten befreien, um den steigenden Datenverkehr zu bewältigen.

Das mobile Internet wächst und wächst. Allein im amerikanischen AT&T-Netz ist der Datenverkehr in den vergangenen fünf Jahren auf das 250-fache angeschwollen. Sollen die Verbindungen nicht stocken, müssen Mobilfunkbetreiber ihre Netze zügig ausbauen. Könnte man nicht vielleicht die Nutzer konsequent am Ausbau beteiligen? Diesen Ansatz propagiert jetzt der Chiphersteller Qualcomm. Anstatt noch mehr Mobilfunkmasten zu errichten – die ohnehin nicht unumstritten sind –, sollen zahllose Haushalte kleine Sendestationen, so genannte Femtozellen, bei sich installieren. Die würden dann über einen Breitbandzugang die Verbindung ins Internet herstellen, durch das mobile Anrufe und Datendienste zum Empfänger geleitet werden. Diese Art von Netzausbau wäre womöglich effizienter als der traditionelle Weg, glaubt man bei Qualcomm.

Cheftechnologe Matt Grob hat vor einigen Tagen auf einer Veranstaltung in Kalifornien eine entsprechende Basisstation präsentiert. „Wir arbeiten schon flächendeckend mit Netzbetreibern an diesem Projekt“, so Grob. In der Nachbarschaft des Firmengeländes in San Diego hat Qualcomm 20 Prototypen der Basisstation installiert, um die Idee zu testen.

Ergebnis: Wer in der Gegend unterwegs ist, hat jetzt ein stärkeres Signal und kürzere Downloadzeiten als zuvor. Die Stationen, deren Reichweite bei 20, 30 Metern liegt, leiten die Daten weiter, wenn die Verbindung zum nächsten Mast zu schwach ist. „Als nächstes wollen wir einen größeren Test machen, zusammen mit einem Netzbetreiber und einem Hersteller für Mobilfunk-Infrastruktur“, kündigt Grob an.

Einige Netzbetreiber geben schon jetzt Femtozellen an Haushalte heraus, die einen schlechten Netzempfang haben – allerdings noch nicht, um damit ihr Netz im großen Stil zu erweitern. AT&T-Kunden können die Geräte für bestimmte Mobiltelefone konfigurieren, so dass sie nur mit diese kommunizieren. Verizon und Sprint hingegen erlauben diese Konfiguration nicht, sind also für alle Mobiltelefone offen, so dass die Geräte de facto schon jetzt als offene Femtozellen arbeiten – ohne dass die Nutzer dies wissen.

Qualcomm-Mann Grob macht sich dafür stark, diese Hilfslösung zum System weiterzuentwickeln. Gelten die derzeit verwendeten Stationen noch als Privatgeräte, sollen sie auch juristisch Teil der Infrastruktur werden. „Ich kann das Gerät nach wie vor selbst kaufen, aber seine Abdeckung und Kapazität sind für Passanten offen“, erläutert Grob. „Das ersetzt die bestehende Infrastruktur zwar nicht, erweitert sie aber erheblich.“

Schon eine überschaubare Anzahl von Haushalts-Basisstationen steigere die Netzabdeckung deutlich, sagt Grob. Gemeinsam mit AT&T hat Qualcomm eine Machbarkeitsstudie in einem weiteren Quartier in San Diego durchgeführt, in dem der Netzbetreiber einige Stationen verteilt hatte. Auch hier war das Signal stärker als üblich. Würden die Geräte für den offenen Gebrauch konfiguriert, könnten sie eine Art Zusatznetz bilden.

Dafür müssten die Netzbetreiber sich allerdings neben den Endkunden mit Providern und Kabelnetz-Betreibern abstimmen. Denn die Heimstationen sind über eine Breitband-Verbindung ans Internet angeschlossen, um die Mobilfunkdaten ins Netz weiterzuleiten. Um den Providern die Idee schmackhaft zu machen, könnten sie gewissermaßen Roaming-Gebühren für die Basisstationen bekommen. Das dürfte ein interessantes Zusatzgeschäft werden, glaubt Grob.

Nach Berechnungen von Qualcomm wäre ein solches Zusatznetz günstiger, als weitere Sendemasten aufzubauen. Die Provider müssten jedoch sicherstellen, dass die Breitbandanbindung der Basisstationen nicht dazu führt, dass Mobilfunknutzer das Netz des Providers über Gebühr belasten. Die Mobilfunkbetreiber denken bereits um: Fast alle der 67 im internationalen Smart Cell Forum zusammengeschlossenen Dienst gehen davon aus, dass Femtozellen für den künftigen Netzbausbau wesentlich sind.

Nach Einschätzung von Martin Garner, Analyst bei CCS Insight, müssten Mobilfunkbetreiber ihren Betrieb und ihr Geschäftsmodell für ein solches mobiles Volksnetz erheblich ändern. „Dass Verbraucher offene Funkzellen betreiben, widerspricht der traditionellen Telekommunikationskultur“, sagt Garner. „Den meisten Netzbetreibern ist der Anstieg des Datenverkehrs aber schmerzlich bewusst, sie wissen, dass sie andere Wege beschreiten müssen.“

(nbo)