Das große, dumme Gefühlstier

Menschen, die Hightech, Computer oder Kommunikationselektronik benutzen, erwecken oft den Anschein technikgestützter Vernünftigkeit. Dieser Anschein ist falsch.

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Von
  • Peter Glaser

Menschen, die Hightech, Computer oder Kommunikationselektronik benutzen, erwecken oft den Anschein technikgestützter Vernünftigkeit. Dieser Anschein ist falsch.

Eine Aura vom Klarheit und Rationalität umgibt die Geräte, mit denen wir uns durch die digitale Welt bewegen, ihre auf winzigsten Raum verdichtete Logik, ihre Verheißung von Effizienz. Ihr Design, das heutzutage mit Schnörkellosigkeit immer möglichst nahe an dieser Effizienz zu bleiben versucht, ist bereits eine Konzession an jenen außervernünftigen Bereich, den Marketingmenschen "Emotion" nennen. Wie muss ein Gadget sich anfühlen, um ganz vorne auf der Modernitätsskala zu rangieren? – "wertig".

Aber was, wenn die Gefühle über jenes nötige Maß an synthetisierter Sympathie hinausgehen, die nötig ist, um den Kauf eines Kommunikationsgeräts einzufädeln? Was, wenn Emotionen an das Gerät branden oder von ihm ausgelöst und angefacht werden wie eine Flut oder ein Brand? Wir leben in einer Zeit, in der man nicht mehr nur aufgehört hat, Briefe zu schreiben und stattdessen – viele, schnelle, fehlerhafte – E-Mails schickt, sondern in der mit immer mehr und immer leistungsfähigeren Telefonen immer weniger telefoniert wird.

Eigentlich ist diese wie für mich geschaffen. Ich telefoniere nicht gern. Ich leide an der Befürchtung, mein Gegenüber möglicherweise nicht richtig verstehen zu können und dadurch in alptraumhafte Missverständnisse verwickelt zu werden. Dessen ungeachtet habe ich sogar mal eine Weile als Telefonist gearbeitet, in der Verwaltung einer Forschungseinrichtung, die einen Forschungsreaktor betreute.

Einmal saß ich an dem kleinen Pult, von dem aus ich eingehende Anrufe an gewünschte Gesprächspersonen im Haus weitervermittelte, die Hand hielt den Hörer immer viel zu fest und drückte ihn viel zu fest ans Ohr, als mir während es klingelte klar wurde, dass ich vergessen hatte, wie die Firma hieß, in der ich arbeite. Ich hatte ein Buch gelesen und war darin so sehr versunken, dass ich nun nicht mehr wusste, wie ich mich am Telefon melden musste. Ich drückte den Anrufer aus der Leitung und ging aus dem Zimmer, die zwei Stockwerke hinunter ins Parterre und am Portier vorbei auf die Straße, wo ich von dem Messingschild am Haus ablesen konnte, wie das Institut hieß. Dann ging ich wieder hoch und nahm Anrufe entgegen.

Besonders bei fremdsprachigen Anrufern hatte ich innerhalb kürzester Zeit vor lauter Missverständlichkeitsvermeidungsanstrengungen ein nassgeschwitztes Hemd. Eine meiner Hauptsorgen war, in eine dieser Situationen zu geraten, in denen man klar vor Augen hat, dass man sich auf eine Katastrophe zubewegt, aber wie hypnotisiert und auf Schienen gesetzt zu nichts anderem in der Lage ist, als weiter darauf zuzufahren und aus erst einmal unerklärlichen Gründen nicht mehr ausweichen oder wenden kann. Dass man also beispielsweise am Telefon eine wichtige Information mitgeteilt bekommt, die man weitergeben soll, und man versteht diese Information aber nicht richtig, rein akustisch, oder gar sinngemäß und kann dann aber auch nicht mehr nachfragen, weil man die entscheidende Sekunde verpasst hat, bis zu der man hätte nachfragen können und dann nur noch so tun kann, als hätte man alles verstanden. Jeder kennt diesen Moment, ab dem es zu spät ist und der ein Ausbund an Unvernunft ist.

Dann legt der Anrufer auf, und dann verschwindet die Information, die sich bis nahe an die Verständlichkeit an mich herangearbeitet hatte. Der Vorfall löst sich in Nichts auf, wie rasch aufrauchender Flüssigsauerstoff, und ich beginne mich stattdessen mit möglichen Antworten für den Fall auszurüsten, dass jemand später nachfragen sollte. Wäre doch alles ganz einfach gewesen, wenn man nachgefragt hätte. Hat man aber nicht, denn der Mensch ist kein Smartphone, keine künstliche Intelligenz und in vielen Fällen nicht einmal eine natürliche. Der Mensch, mit seinen ganzen glanzvollen Maschinen, ist ein großes, dummes Gefühlstier. (bsc)