Das Ende des Besitzens
Der Software-Riese Adobe verschiebt seine professionellen Produkte in die Cloud. Wer für seine Foto- und Designarbeiten die "Apps" braucht, muss zahlen – Monat für Monat.
- Martin Kölling
Der Software-Riese Adobe verschiebt seine professionellen Produkte in die Cloud. Wer für seine Foto- und Designarbeiten die "Apps" braucht, muss zahlen – Monat für Monat.
Bei einer Nachricht aus der vergangenen Woche überkam mich wieder einmal das Gefühl, immer mehr zu einem Besitzlosen zu werden. Die Wohnung: gemietet. Das Auto: geleast (wenn ich denn eines hätte), Bücher: leihe ich mir in der Bibliothek oder stapele sie in Form von Nullen und Einsen im digitalen Bücherregal eines eBook-Readers. Selbiges mit Musik. Und nun auch noch das: Adobe will es mir schlichtweg unmöglich machen, Produkte wie Photoshop oder Illustrator als Einzelstück zu erwerben und fortan solange zu nutzen, wie ICH es will.
Stattdessen sollen künftig Neukunden und möglichst viele Altkunden den Online-Dienst Creative Cloud mieten, ohne den es bald nicht mehr gehen wird. Kostenpunkt für einen Vollzugang zu allen Programmen, wenn mich das Internet aus Japan nicht täuscht: 61,49 Euro pro Monat, so Sie denn ein Jahr buchen, einzelne Programme für 24,59 Euro. Für Kunden eines registrierten Programms gibt es Rabatte.
Ich sehe durchaus die Vorteile dieses Systems – für Adobe und auch für die Anwender. Adobe erschwert so Softwarepiraterie, denn die Software funktioniert grundsätzlich nur, wenn man hin und wieder online bei seinem Konto vorbeischaut und lässt sich nur bis zu 180 Tage offline nutzen. Die Kunden gewinnen Zugang zu allen Programmen, Speicherplatz in der Cloud – und vor allem eine Synchronisation von Einstellungen wie Schriften, Farbpaletten und so weiter. Das läuft auf all ihren Geräten und Programmen – oder bei Firmen auf allen Arbeitsplätzen. Das ist praktisch und für Profis wahrscheinlich das Geld wert. Sie müssen keine Updates mehr kaufen, sondern bekommen sie regelmäßig ohne Aufschlag geliefert. Und wer die Programme nur sporadisch nutzen will, kann sie mieten, wenn er sie braucht.
Toll, toll. Aber eines fehlt mir bei dem Angebot: noch eine Wahl zu haben. Und ich befürchte (und teilweise hoffe ich es aus ökologischen Gründen), dass dieses Beispiel, Nutzungsrechte zu vermieten anstatt Produkte zu verkaufen, Schule machen wird. So bietet mein App-Abo der japanischen Wirtschaftszeitung Nikkei mir auch den Dienst an, Artikel zu archivieren – in der Nikkei-Cloud. Will ich es bei mir speichern, muss ich einige Arbeitsschritte mehr bewältigen. Kündige ich das Abo, ist mein Archiv weg.
Gewiss, es gibt im Internet jede Menge Programme für lau oder wenig Geld, die teilweise das können, was Adobes Programme auch können. Es gibt auch Google News für die Umsonst-Nachricht. Dennoch hat das Internet uns neben all der Vielfalt auch globale Quasi-Monopole wie Adobe hervorgebracht, an denen professionelle Anwender einfach nicht vorbei kommen (oder wollen). Ebenso bei Zeitungen, die wie das "Wall Street Journal" oder mein Arbeitgeber, das "Handelsblatt", immer mehr Artikel hinter die Bezahlschranke verschieben. Und es verwundert mich nicht, dass die Quasi-Monopolisten ihre Marktposition ausnutzen.
Nun ist es allerdings im Leben so, dass die meisten Dinge zwei Seiten haben. Die gute Seite des Konzepts sehe ich vor allem beim Personentransport durch Car-Sharing. Oder auch in meinem Alltag. Es spart mir und der Umwelt Ressourcen. Ich kann meine Sammelwut ausleben, ohne meine Wohnung mit Bücherregalen, Aktenordnern und Kisten mit Recherchematerial, CD- und DVD-Sammlungen und Festplatten vollzustellen. Auch die Ansprüche an Computer könnten schrumpfen, weil deren Speicher in der Cloud und nicht mehr auf Erden (bei mir) sind. Kurz, mein Platzbedarf schwindet. Statt einer relativ großen Wohnung mit Parkplatz werde ich bald vielleicht sogar mit einer Mönchsklause glücklich, da sich mein materieller Besitz digital auflöst.
Nur hat das Konzept lebensphilosophisch für mich zwei Haken: 1. Billig ist es nicht. All die Mietdienste kosten und summieren sich inklusive Handys, Tablets und Computern noch immer zu stattlichen Summen auf, die auch erst einmal verdient werden wollen. 2. Die Abhängigkeit von Dritten und damit das Gefühl der Fremdbestimmung wächst. Ich persönlich habe noch keine Bilanz gezogen, ob sich die digitale Auflösung letztlich finanziell und gefühlsmäßig rechnet oder nicht. Bisher bin ich aus Bequemlichkeit mitgelaufen. Es ist ja so praktisch. (bsc)