Am Geistesgummi drĂĽcken
Null und Eins – das ist es, was heute zählt. Man sollte aber immer daran denken, dass ein Computer im Grunde genommen nicht einmal bis Zwei zählen kann. Das allerdings rasend schnell.
- Peter Glaser
Null und Eins – das ist es, was heute zählt. Man sollte aber immer daran denken, dass ein Computer im Grunde genommen nicht einmal bis Zwei zählen kann. Das allerdings rasend schnell.
Ich habe das Programmieren gelernt zu einer Zeit, in der einem gar nichts anderes übrigblieb. Man schaltete einen Computer ein und er erwartete Programmbefehle, so einfach war das. Manchmal programmiere ich immer noch ein bisschen, eine alte Angewohnheit. Mein Großvater hatte die Angewohnheit, bei Ferngesprächen ins Telefon zu schreien, auch als die Leitungen schon digital und die Verbindungen ganz klar waren. Ich habe die Angewohnheit, manchmal zu programmieren, Kleinigkeiten. Zu meinem Vergnügen.
Manche stellen sich Code immer noch als ein Mysterium vor, kryptisch wie Zwölftonmusik und streng logisch, also dem natürlichen Denken völlig zuwiderlaufend. Heute braucht man eigentlich keinen Gedanken mehr ans Programmieren zu verschwenden (oder man denkt an nichts anderes mehr). Man streicht nun mit dem Finger zärtlich über Benutzeroberflächen, ein sonderbarer Begriff übrigens, der mich immer als erstes an die Oberfläche des Benutzers denken lässt. Mensch und Maschine sind sich inzwischen denkbar nahe. Schön ist es an der Oberfläche, wozu soll ich in den Maschinenraum?
Es liegt mir fern zu fordern, dass jeder programmieren lernen soll. In ein paar Berufen, etwa im Journalismus, kann es nützlich sein. Früher dachte ich: Ein Computerbesitzer, der nicht programmiert, ist wie jemand, der sich ein Auto kauft und dann aber nicht damit fährt, sondern sich nur reinsetzt, um im Autoradio Musik zu hören. Heute weiß ich: Das wirklich Neue am Computer ist, dass er uns die Möglichkeit gibt, so viele Fehler in so kurzer Zeit zu machen wie niemals zuvor in der Geschichte.
Ich kann Leute verstehen, die Vorurteile gegen das Programmieren haben. Schon im Alten Testament steht: "Und der Satan stand wider Israel und reizte David, dass er Israel zählen ließe" (1. Chronik, 21). Sprachen, in denen vorwiegend in Zahlen (und in Imperativen) gesprochen wird, erwecken Unbehagen. Abgesehen von den hunderttausend Küssen am Ende von Briefen gehören Zahlen, vor allem große Zahlen, seit jeher zu den Insignien der Macht. Das höchste Zahl-Zeichen der alten Ägypter, die Million, stellt einen einfachen Mann dar, der kniet und die Hände über dem Kopf zusammenschlägt.
Computercode scheint manchem den beklemmenden Eindruck einer Welt zu vermitteln, in der alles zu einem einheitlichen Ziffernpulver zermahlen wird, atomisiert zu monotonem Bits. Null und Eins – das ist es, was heute zählt. Man sollte sich aber immer in Erinnerung halten, dass ein Computer im Grunde genommen nicht einmal bis Zwei zählen kann, das allerdings rasend schnell.
Für Marshall McLuhan ist die Sprache eine Ausweitung des Gesichtssinns, die Zahl eine Ausweitung des Tastsinns. Demgemäß hilft mir der Computer, einen Mangel an Tastempfinden zu beheben, indem er mich die Dinge, die ich nicht begreifen kann eben besehen lässt. Mir ist in der Schule arithmetisch nie so richtig klargeworden, was es beim Kreis mit Sinus und Cosinus auf sich hat (obwohl ich bei Prüfungen merkwürdiger Weise ordnungsgemäß damit operieren konnte – man muss Dinge nicht unbedingt verstehen, um sie richtig machen zu können). Erst Jahre später am Computer, wo ich an der Kreisformel wie an einem Stück Geistesgummi drücken und quetschen und mir immer wieder auf den Bildschirm zeichnen lassen konnte, was sich dadurch veränderte, ging mir der Knopf auf.
Wenn ein Mathematiker mir beim Programmieren zusehen könnte, würde es ihm wahrscheinlich die Schuhe ausziehen. Wie viele ambitionierte Code-Kneter, so bin auch ich ein Mathemusiker. Ich genieße es als einen Zugewinn an Selbstbewusstsein und kreativem Vergnügen, in kniffligen Formeln unbekümmert herumzumatschen, bis sie sehenswerte Ergebnisse liefern. Wenn ich irgendwo eine schöne Formel finde, freue ich mich wie über ein neues, wohlklingendes Instrument, auf dem ich Musik für die Augen spielen kann. Dann tauche ich wieder auf und schwimme dem Mauspfeil hinterher über meinen Desktop. (bsc)