Wir bauen uns die Welt zurecht!
Am Bauwesen soll die Welt genesen. So etwa lässt sich eine Grundüberzeugung vieler Architekten in Worte fassen, nicht einfach nur Gebäude zu errichten, sondern eine bessere Erde gleich mit.
- Robert Thielicke
Am Bauwesen soll die Welt genesen. So etwa lässt sich eine Grundüberzeugung vieler Architekten in Worte fassen, nicht einfach nur Gebäude zu errichten, sondern eine bessere Erde gleich mit.
Architektur war schon immer die in Stein gegossene Vorstellung davon, wie eine Welt sein soll. An Brasilia, der weitläufigen, komplett symmetrisch angelegten Hauptstadt Brasiliens ist das ebenso zu beweisen wie an den gleichmacherischen Plattenbauten der DDR. Gleichzeitig zeigen die Beispiele: je umfassender die Idee, desto unwichtiger der Mensch darin. Die monumentale Übersichtlichkeit Brasilias wurde zu monumentalen Ungastlichkeit, das Gleichmacherische der DDR zur Unfreiheit.
Eigentlich hatte man gedacht, diese Zeiten seien zumindest in Demokratien vorbei. Nun aber scheint im Zuge von Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit wieder die Zeit fĂĽr architektonische GesellschaftsentwĂĽrfe zu sein. Und wieder zeigt sich: Geht es um die groĂźe Idee, geht es eigentlich nie um den Menschen.
Futuristisch treibt in ihren Vorstellungen etwa die "Ökopolis" über die Weltmeere, um dereinst Klimaflüchtlinge beispielsweise aus Bangladesch aufzunehmen. Dabei ist sicher, dass erstens diese Bewohner die letzten sein werden, die ein derart gigantisches Unterfangen bezahlen können. Und zweitens jene, die es sich leisten können, ihren Rest des Lebens wohl ungern in stahlgefassten Ghettos auf hoher See zubringen möchten. Ein Boot ist eben maximal für eine Kreuzfahrt ein spannender Aufenthaltsort. Da hilft auch nicht die palmenbestandene Grünfläche in der Mitte.
Alternativ wollen uns die Architekten in die Luft schicken. Organisch geformt als Symbol der Naturverbundenheit und selbstverständlich durch Wasserstoff aus Algenproduktion mit Energie versorgt, sollen Häuser und sogar ganze Bürokomplexe künftig fliegen, um auf der Erde keinen Fußabdruck zu hinterlassen. Was allerdings nicht fliegen kann, sind die Bewohner. Sie müssten sich mit Helikoptern abholen lassen, um mal schnell einen Kaffee trinken zu gehen. Wer will da wohnen?
Oder man denke nur an die unzähligen Hochhaus-Entwürfe, bei denen sich Architekten als Gartenbauer hervortaten und eine handvoll Bäume auf jeden Balkon pflanzten. Das ist zum einen eine erstaunlich platte Vorstellung eines grünen Hochhauses. Und zum anderen stellt sich die Frage, warum Bewohner ihren teuer bezahlten Sonnenbalkon mit einem Wald zustellen sollten. Um Gemüse anzubauen?
Womit wir beim Urban Farming wären, einem immerhin konsequent grünen Ansatz. Das Blätterwerk soll nicht nur ein Mäntelchen sein, sondern eine wirkliche Funktion besitzen: Gleich einem Gewächshaus soll das Gebäude für die Anwohner beispielsweise Tomaten oder Basilikum liefern. In den Studien sieht die Inneneinrichtung dann aus wie ein Dauergarten, herrliche Pflanzen hängen vor den Fenstern. Das ist schön, führt aber zu einem Problem: Pflanzen werfen Schatten. Und umso besser sie wachsen, um so mehr. Wer wirklich Tomaten ernten und davon leben will, wohnt praktisch im Dunkeln. Er muss zudem eine recht hohe Feuchtigkeit ertragen, sein Bett unter Umständen mit dem einen oder anderen Insekt teilen. Das kann man natürlich wollen. Aber warum soll man es wollen?
Kann es also sein, dass die Architektur nur so tut, als ginge es ihr mit den Visionen vom nachhaltigen Wohnen um den Menschen? Während es ihr In Wahrheit vor allem um sich selbst geht? (rot)