Bazooka-Joe
Der Kameramarkt ist so stark bevölkert und umkämpft, dass die Hersteller immer stärker in extreme Nischen ausweichen. Ein Beispiel sind die neuen Super-Teleobjektive.
- Martin Kölling
Der Kameramarkt ist so stark bevölkert und umkämpft, dass die Hersteller immer stärker in extreme Nischen ausweichen. Ein Beispiel sind die neuen Super-Teleobjektive.
Als ich diese Woche meinen Freund, den Fotografen Albert Siegel, in Tokio traf, dachte ich erst, er hätte eine Panzerfaust dabei. Doch es handelte sich um ein weißes Monstrum von einem Objektiv, das er auf eine Pentax-Spiegelreflexkamera geschraubt hatte: das HD PENTAX-DA 560mm F5.6 ED AW. Dieser Brummer ist 52,2 Zentimeter lang und wiegt drei Kilo. Bei der Brennweite holt das Glas schon bei großen "Vollformat-Sensoren" entfernte Objekte der fotografischen Begierde nahe an den Bildfänger heran. Bei den Pentax-typischen APS-C-Sensoren, die kleiner sind als beispielsweise Leicas Sensor, ist dieser Tele-Effekt sogar noch stärker – umgerechnet auf einen Vollformat-Sensor steigt die Brennweite auf 860 Millimeter. Der Preis ist ähnlich happig wie das Gewicht: Rund 5000 Dollar verlangt Olympus in Japan.
Aber das ist ja noch gar nichts gegen Canons neuestes Spielzeug, dessen Bezeichnung schon fast so lang wie das Objektiv ist: der Telezoom Canon EF 200-400 F4 L IS USM 1.4x. EF beschreibt den Bajonettanschluss an der Kamera, 200-400 steht für eine Brennweite von 200 bis 400 Millimeter, F4 für die lichtstärkste Blende, L für die Profi-Serie der Kamera, IS für eine ins Objektiv eingebaute Bildstabilisierung, die wackelfreie Bilder garantieren soll, USM für den Autofocus-Motor. Und 1.4x für einen Brennweiten-Verlängerer, den man einschalten kann statt ihn separat zwischen Kamera und Objektiv zu schrauben. Damit kommt das Gerät auf einer Vollformat-Sensor-Kamera ebenso wie Pentax auf eine Brennweite von 560 Millimetern.
Mit einer Länge von nur 36,6 Zentimetern ist das Gerät zwar kürzer und kann zoomen, aber diese Qualitäten werden mit Aufschlägen bei Gewicht und Preis erkauft: Canons Tele ist nicht nur um 600 Gramm schwerer als das von Pentax, es kostet mit 11.800 Dollar auch mehr als doppelt so viel. Der passende Hartschalenkoffer schlägt eine weitere 700 Dollar tiefe Bresche ins Portemonnaie des Vogel- oder Sportfotografen.
Auch auf der anderen Seite der Brennweiten geht es voran. Mehrere Objektivhersteller werfen Superweitwinkel für verschiedenste Kameratypen auf den Markt. Für Fotografen ist der Eifer derzeit erfreulich: Die Wahlfreiheit steigt. Aber dies steht auch für einen recht besorgniserregenden Trend: Der Markt ist so dicht besiedelt und mit einer Flut neuer Kameras und Objektive so hart umkämpft, dass selbst im fotografischen Highend die einst so fetten Gewinnmargen zu schrumpfen beginnen. Von den Kompaktknipsen brauchen wir gar nicht mehr zu reden. Denen machen die Smartphones inzwischen den Garaus. Der traditionsreiche Kamerahersteller Olympus machte Ende März mit Kameras sogar satte Verluste anstatt wie zuvor versprochen einen zarten Gewinn einzufangen.
Die Folge des Trends spiegelt sich in diesen zwei Objektiven wider: Um sich von der Konkurrenz abzuheben – und so vielleicht Fotografen für das eigene System zu begeistern –, setzen viele Kamerahersteller auf immer extremere Designs. Denn mit denen können sie noch hohe Preise rechtfertigen. Mit Kameras selbst geht das immer weniger. Die verwandeln sich stattdessen rasant von einer Investition fürs Leben (wie im Falle einer alten Film-Leica) zur typischen Konsumelektronik, die nach ein paar Jahren schreit: "ersetze mich!!! Ich bin veraltet." Die Gewinnmargen der Kameras fallen daher. Und so ist es naheliegend, dass die Hersteller versuchen, ihre Profite über die Objektive zu retten.
Bislang geht das gut. Ich habe mir hier für meine Panasonic-Lumix GH3 auch einen Superweitwinkelzoom gekauft – mit einer Brennweite von 7 bis 14 Millimetern (entspricht 14 bis 28 Millimetern bei Vollformat-Kameras von Canon, Nikon oder Leica). Nicht gerade billig (Preis verrate ich nicht), aber immerzu ausverkauft. Ich musste einen Monat warten, bis Panasonic hier in Japan die leergefegten Regale wieder füllen konnte. Aber auch hier glaube ich, dass sich die Kamerahersteller früher oder später umgucken werden. Denn Panasonic unterbietet bei seinen Objektiv-Designs die der Rivalen oft deshalb in Größe und Gewicht, weil der Hersteller beim Glas spart. Stattdessen rechnet die Kamera die optischen Verzerrungen, Abdunklungen in den Bildecken und andere Schönheitsfehler der neuen Objektive mit ihren Rechenprozessoren heraus. Das Resultat kann sich sehen lassen. Aber letztlich schaufelt Panasonic damit das Grab der Hersteller nur noch tiefer. Denn so gerät mit den Objektiven auch der letzte Hort analoger Qualitätsarbeit und Profite in den Sog der margenvernichtenden Konsumelektronik. (bsc)