VAD Scansource bewegt sich mit Restrukturierung auf brĂĽchigem Eis

Durch die Brille von Scansource-CEO Mike Baur performt die europäische Dependance nicht wunschgemäß. Ein neues Management soll es richten – die regionalen, europaspezifischen Anforderungen dürften dabei auf der Strecke bleiben.

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Von
  • Wolfgang KĂĽhn
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Branchen-Experte Wolfgang Kühn kommentiert die jüngsten Umwälzungen bei Scansource

Die Ankündigung ließ nichts Gutes ahnen: "Umstrukturierung des Scansource Communications-Geschäftes in Europa…". Das war vor etwa sechs Wochen. Seitdem ist die Stimmung bei Scansource Communications in Köln komplett im Keller. Kein Wunder. Die Muttergesellschaft in den USA, genauer in Greenville, South Carolina, sinnt auf "profitables Wachstum" in Europa. Das ist verständlich, zumal im zurückliegenden Quartal nach Unternehmensangaben "die nordamerikanischen Niederlassungen…solide Quartalszahlen " vorgelegt hätten, während die "internationalen Ergebnisse enttäuschend" gewesen seien.

Das Ziel profitabler zu wirtschaften, ist durchaus richtig. Nur der Weg dahin zeigt einmal mehr das fehlende Gespür vieler US-Konzerne für Märkte außerhalb Nordamerikas. Man glaubt, und deren Beispiele gibt es viel zu viele, es genüge, eine Blaupause des Erfolgsrezeptes für den eigenen Markt auf alle anderen nationalen Märkte zu legen. Das aber geht in der Regel in die Hose; nicht nur in der ITK-Branche.

So hat Scansource-CEO Mike Baur nicht nur den in Europa regional erbrachten Support Service schon mal so hoppla hopp in den USA zentralisiert, sondern auf dem alten Kontinent "eine neue Führungsriege" installiert. Nicht genug damit. Im Rahmen der Restrukturierungsmaßnahmen und zur Reduzierung der Kosten um 3,1 Millionen Dollar, wird im europäischen Kommunikationsgeschäft Personal abgebaut.

Dieser mit eisernem Besen durchgeführte Kehraus in den europäischen Niederlassungen, trifft ganz besonders auch die deutsche Dependance in Köln. Obwohl sich das Unternehmen hierzulande trotz schwierigem Marktumfeld noch ganz ordentlich entwickelte und vor allem ein sehr enge und langjährige Kundenbeziehungen pflegte, rollten bereits im Juni vergangenen Jahres Köpfe. Zehn Mitarbeiter wurden – wenn sie nicht von selbst den Hut nahmen – entlassen.

Marianne Nickenig

(Bild: Algol)

Das war aber nur der Anfang. Im April dieses Jahres schlug das Imperium mit voller Wucht zu. 16 weitere Mitarbeiter mussten gehen. Mit ihnen auch Marianne Nickenig, ehemalige Managing Director, später Executive Director Sales & BDM Europe sowie Ehemann Guido Nickenig, Director University & Services. Beide wurden mit sofortiger Wirkung von ihren Ämtern enthoben. Die Verträge laufen im September 2013 aus. Dabei galt Marianne Nickenig seit 15 Jahren bei Kunden und Herstellern als verlässliche Geschäftspartnerin. Zudem hatte sie vor vier Jahren die Algol erfolgreich in die deutsche Scansource überführt.

Seither fragen sich die Übriggebliebenen beim VAD in der Kölner Heinrich-Pech-Straße 10-12: Wie soll es weiter gehen, wer sind die Nächsten? Die Motivation ist jedenfalls weg. Da helfen auch keine schneidigen Anfeuerungsrufe von jenseits des großen Teiches. Und dass auch Kunden und Hersteller die Welt nicht mehr verstehen, kann sich für das Konzern-Management sehr schnell zu einem Bumerang entwickeln.

Tatsächlich zeigt das Beispiel Scansource exemplarisch, wie wenig Ahnung man in den USA von den Marktgegebenheiten in Europa, in diesem Fall in Deutschland hat. Denn der Netzwerk-Spezialdistributor ist nur einer von sehr vielen Fällen. Da wird – branchenunabhängig – hemdsärmelig nach dem Prinzip verfahren: Was bei uns klappt, klappt auf der ganzen Welt. Dabei kommt es vor allem in der Spezialdistribution auf Verlässlichkeit, auf Service und absolute Kundenorientierung an. Nur so können sich die VADs auf Dauer in einem fragilen Markt wie der Distribution behaupten. Ihr Pfand ist das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Vertrieb, Support und Service auf der einen Seite und den Kunden auf der anderen Seite. Wird das gestört, kann auch ein VAD in Schieflage geraten. (map)