Brillenschlange 2.0

Die Google Glass ist da. Und sie ist nicht schön. Warum eigentlich?

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Von
  • Jens Lubbadeh

Die Google Glass ist da. Und sie ist nicht schön. Warum eigentlich?

Es gab mal eine Zeit im deutschen Journalismus, da galt es als schick, jedes Thema, das irgendwie mit Internet zu tun hatte, mit einer Ăśberschrift zu versehen, in der "2.0" vorkam. Besonders pfiffige Journalisten, die frĂĽher sicher Mathe Leistungskurs in der Schule hatten, trieben das Spiel weiter und schrieben auch mal 3.0 oder sogar 4.0.

Ziemlich schnell folgte darauf eine Zeit im deutschen Journalismus, in der es dann absolut verboten war, in einer Überschrift 2.0 (oder ähnliche Zahlenkombinationen) zu verwenden.

Eigentlich gilt dieses Verbot noch heute. Ich bin stolz, es hier mal gebrochen zu haben.

Warum Brillenschlange 2.0? Weil sie jetzt da ist, die sagenhafte Google-Brille, die uns die Welt mit völlig neuen Augen sehen lassen soll. Dass man damit selbst ziemlich alt aussieht, haben einem Sergey Brin und Larry Page aber leider nicht gesagt, auch wenn wir's vielleicht hätten ahnen sollen. Denn die beiden sind Nerds. Und Nerds, das wissen wir noch von den 1.0-Versionen aus den 80ern, glänzen bekanntlich nicht mit einem ausgeprägten Geschmacksempfinden. Eines der ikonographischen Features des Nerd sind - neben der ausgeprägten Blässe, den Pickeln, der schlechten Kleidung - die Brillen mit Gläsern so dick wie Colaflaschenböden.

Nun also schlagen sie zurĂĽck, die Nerd-Kinder von einst - mit einer Brille, wie sie die Welt noch nie gesehen hat...

... und vielleicht auch nicht sehen will.

In der neuen Ausgabe von Technology Review, liebe Leser, widmen wir uns der Google-Brille ausgiebig. Wir analysieren, was sie kann und was sie nicht kann. Aber, und darin unterscheiden wir uns von vielen anderen Kritikern, wir schauen auch, wie die Brille selbst aussieht. Denn das wird bei all den Rezensionen, die derzeit kursieren, gerne übersehen: Die Google-Brille ist auch eine Brille. Und wer (außer vielleicht Elton John) setzt sich gerne hässliche Brillen auf, wenn er es nicht muss?

Wenn das mal gut geht. Ich befürchte ja, dass sich die Google-Jungs mit der Brille verhoben haben. Ein Smartphone kann man in der Tasche verstecken. Eine Brille ist ständig sichtbar. Vom Designerischen her ist ein Brillencomputer also die ultimative Herausforderung. Und die soll ein Konzern meistern, der sich bislang fast ausschließlich mit Soft- und nicht mit Hardware beschäftigt hat? Die Google-Brille so zu designen, dass sich ein normaler Mensch damit nicht völlig albern vorkommt, hätte ich allenfalls einem Steve Jobs zugetraut. Und der hatte jahrzehntelange Erfahrung mit der massenkompatiblen Gestaltung von Hardware.

Jedenfalls sah ich neulich zum ersten Mal jemanden mit der Brille herumlaufen. Und es war schlimmer, als die ersten Bilder vermuten lieĂźen.

Jetzt bleiben nur zwei Möglichkeiten:

- Google schafft es, die Brille technisch so zum Knaller werden zu lassen, dass man das miese Aussehen in Kauf nimmt. Danach sieht es nicht aus, die Google Glass ist eher mau (siehe neues Heft)

- Oder Google schafft es, den Zeitgeist und die Massen so zu beeinflussen, dass Hässliches als schick wahrgenommen wird.

Letzteres halte ich für technisch lösbar. Der einfachste Weg: in der Google Glass gleich einen Algorithmus zu integrieren, der das Aussehen der Google Glass bei anderen Trägern in Echtzeit manipuliert und schönretuschiert.

Und wenn wir schon mal so anfangen, ist es zu den ersten Apps nicht mehr weit, die kĂĽnftig mittels Ihrer Google Brille auch Ihre Frau oder Ihren Mann aufhĂĽbschen. Die rosarote Brille 2.0 sozusagen. Juhuuuu! (jlu)