Konstantin Ziolkowski: "Ich musste mir alles selbst beibringen"
Ein tauber Junge vom Land unterrichtet sich selbst und wird ein gefeierter Forscherheld: Konstantin Ziolkowski ist der Vater der russischen Weltraumfahrt.
- Manfred Pietschmann
Ein tauber Junge vom Land unterrichtet sich selbst und wird ein gefeierter Forscherheld: Konstantin Ziolkowski ist der Vater der russischen Weltraumfahrt.
Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski wurde am 17. September 1857 als Sohn des Försters Eduard Ziolkowski in dem Dorf Ischewskoje in Zentralrussland geboren. 1867 erkrankt der zehnjährige Konstantin an Scharlach und wird nahezu taub. Er muss die Schule verlassen. Mit 16 geht er 1873 nach Moskau; Selbststudium der Physik, Chemie, Astronomie, Mechanik und Geometrie. 1879: Lehrerexamen. Ab 1880 Anstellung als Lehrer für Mathematik und Physik in Borowsk, Gouvernement Kaluga; nebenbei Forschung. Drei Jahre danach beschreibt Ziolkowski erstmals ein Raumschiff mit Rückstoßantrieb.
1903: Grundlegende Arbeit über die Theorie des Raketenflugs. 1921 gewährt die sowjetische Regierung Ziolkowski ein jährliches Gehalt von 500 Rubel; er widmet sich von nun an ausschließlich seiner Forschung. Acht Jahre später beschreibt er in seiner Arbeit "Kosmische Raketenzüge" den Zustand der Schwerelosigkeit im All exakt so, wie Astronauten ihn später erleben. Am 19. September stirbt Ziolkowski 78-jährig in Kaluga.
Technology Review: Danke, Herr Ziolkowski, dass Sie mich hier in Ihrer alten Werkstatt empfangen.
Konstantin Ziolkowski: Also...
TR: Oder sollte ich Labor sagen?
Ziolkowski: ...das ist doch...
TR: Herr Ziolkowski?
Ziolkowski: Wo steckt denn nur dieses verd...
TR: Ach, Sie suchen Ihr Hörrohr! Es liegt hinter dem Bücherstapel. Bitte schön.
Ziolkowski: Danke. Was sagten Sie?
TR: Dieser Raum: teils Labor, teils Werkstatt, teils Biblio-thek – faszinierend. Was sind Sie denn nun? Physiker, Chemiker, Luftfahrtingenieur? Oder einfach nur ein begnadeter Bastler?
Ziolkowski: Gibt es da einen Unterschied? Ich bin einfach immer meiner Neugier gefolgt – schon als Kind. Außerdem hat mich meine Beschäftigung mit der Raumfahrt auf zahlreiche Nebengeleise geführt – Astronomie, Mathematik, Biologie, Geophysik...
TR: Damit wären Sie einer der letzten, wenn nicht DER letzte Universalgelehrte – wie Newton oder Leibniz.
Ziolkowski: Danke, sehr freundlich. Aber wenn Sie fliegende Maschinen konstruieren wollen, müssen Sie sich zuerst mit dem Vogelflug beschäftigen. Oder nehmen Sie meine Erfindung des Rückstoßantriebs, der allein eine genügend große Geschwindigkeit erzeugt, um dem Schwerefeld der Erde zu entfliehen. Ohne eine genaue Erforschung der Thermodynamik von Verbrennungsprozessen wäre ich nicht weit gekommen.
TR: Warum haben Sie alles selbst gemacht? Steht nicht jeder Forscher auf den Schultern seiner Vorgänger?
Ziolkowski: Normalerweise schon. Aber ich lebe hier in der Provinz, 200 Kilometer von Moskau entfernt. Hier gab es nie eine wissenschaftliche Bibliothek. Ich musste mir alles selbst beibringen.
TR: Sie haben die kinetische Gastheorie entwickelt, das erste Metallflugzeug konstruiert, aerodynamische Studien in einem selbst gebauten Windkanal durch-gefĂĽhrt und die allgemeine Raketengleichung aufgestellt. Und all das ohne jede Kenntnis der Materie? Ach, kommen Sie...
Ziolkowski: Doch, das ist die Wahrheit. Meine ersten Arbeiten handelten von Entdeckungen, die andere längst gemacht hatten. Ich kannte sie einfach nicht.
TR: Unglaublich.
Ziolkowski: Und doch war es so. Nachdem ich mit zehn Jahren aufgrund einer schweren Scharlacherkrankung mein Gehör so gut wie ganz verlor, musste ich die Schule verlassen. Mit 14 begann ich Luftschiffe zu basteln. Dann las ich die naturwissenschaftlichen Bücher meines Vaters. Aber seine Bibliothek war sehr klein.
TR: Daraufhin schickte Ihr Vater Sie mit 16 nach Moskau?
Ziolkowski: Ganz recht. Von meinen monatlich 15 Rubel gab ich fast alles für Bücher und Labormaterial aus. Ein Jahr später war meine Kleidung von Säure zerfressen. Aber ich beherrschte analytische Chemie und die höhere Mathematik. Nach drei Jahren holten meine Eltern mich zurück, weil ich völlig unterernährt war.
TR: Was war die Triebfeder fĂĽr Ihren Lerneifer, der Ihnen so viel abverlangte?
Ziolkowski: Ich träumte davon, zu den Planeten zu reisen, und grübelte über Methoden nach, die irdische Schwerkraft zu überwinden. Ich fragte mich zum Beispiel, ob es möglich ist, einen Zug so schnell um den Äquator fahren zu lassen, dass die Zentrifugalkraft die Erdanziehung aufhebt und die Fahrgäste schweben.
TR: Und? Ist es möglich?
Ziolkowski: Nein, natürlich nicht, der Luftwiderstand und diverse andere Einflüsse lassen das nicht zu. Aber wenn Sie den Zug in 100 Kilometer Höhe fahren lassen, sieht die Sache schon anders aus.
TR: Eine interessante Vorstellung. Inzwischen blicken Sie als purer Autodidakt auf eine lange Forscherkarriere von ĂĽber 50 Jahren zurĂĽck. Jetzt, im Jahr 1930, feiert die junge Republik Russland Sie als Mustergelehrten. Trotzdem sind Sie im westlichen Ausland so gut wie unbekannt. Wie kommt das?
Ziolkowski: Ich weiß nicht – die Sprachbarriere vielleicht? Ich habe immer nur in Russisch publiziert. Außerdem besuchte ich nie Kongresse. Ich konnte mich dort nicht verständigen.
TR: Warum nicht? Sie haben, so erzählt man, als Kind Ihren Schwestern und Ihrer Mutter die Worte von den Lippen abgelesen.
Ziolkowski: Das stimmt. Aber Lippenlesen klappt bei Forschern nicht.
TR: Wieso nicht? Weil sie Bärte tragen?
Ziolkowski: Genau! Das ist kein Witz! Das ist einer der Gründe dafür, dass ich immer ein Einzelgänger geblieben bin. Meine einzigen Quellen waren gedruckte Werke oder einige wenige Korrespondenzen mit russischen Kollegen.
TR: Das ist sehr schade. In Deutschland, wo ich herkomme, gibt es auch einen Raumfahrtpionier, sein Name ist Hermann Oberth. In seinen Publikationen zur Raketentechnik taucht Ihr Name nirgends auf. Vermutlich kennt er Sie gar nicht.
[b]Ziolkowski: Das war zunächst richtig. Doch nachdem einige meiner Kollegen Herrn Oberth auf meine Arbeiten aufmerksam gemacht hatten, schrieb er mir einen Brief und entschuldigte sich.
TR: Das war doch anständig von ihm.
Ziolkowski: Wie man es nimmt. In seinem neuesten Buch "Die Wege zur Raumschiffahrt" hat er meine Arbeiten wieder nicht zitiert. Der Amerikaner Robert Goddard ĂĽbrigens auch nicht.
TR: Vielleicht kann ich Sie ein wenig trösten, indem ich Ihnen etwas aus der Zukunft verrate.
Ziolkowski: Und das wäre?
TR: Im Jahr 1961 wird der erste Mensch in einer Weltraumkapsel die Erde umrunden. Dieser Mensch wird ein Russe sein, er heiĂźt Juri Gagarin. Sein Raumschiff, die "Wostok 1", wird von russischen Ingenieuren gebaut werden, auf Basis Ihrer Grundlagenforschung.
Ziolkowski: Ich wusste es! Meine Vision geht in ErfĂĽllung. Das Reisen im Weltraum ist keine bloĂźe Utopie. Wird man den Mond besiedeln? Zum Mars reisen? Reden Sie, Mann.
TR: Das ist auch zu meiner Zeit ungewiss. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Ziolkowski. (mpi)