William Gibson: Von der Matrix zu den Schlapphüten

Der amerikanische Science-Fiction-Autor und Cyberspace-Erfinder William Gibson stellte in Berlin sein jüngstes Werk "Spook Country" (deutsch: "Quellcode") vor

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Von
  • Ralf Bülow

Im Orwelljahr 1984 schuf er mit "Neuromancer" den Heimatroman zur Mikrocomputer-Revolution und mit "Cyberspace" das Codewort der Hackerkultur des späten 20. Jahrhunderts. Inzwischen ist William Gibson 59 Jahre alt und mit seinem jüngsten Werk auf Lesereise durch reale deutsche Großstädte. Am gestrigen Dienstagabend stellte er den Roman "Quellcode" in Berlin vor.

"Spook Country", so der Originaltitel (den man am besten mit "Im Land der Schlapphüte” übersetzt), beschreibt eine hitchcocksche Schnitzeljagd durch die Vereinigten Staaten des Jahres 2006, auf der Suche nach einem Container voller Dollarnoten. Mit von der Partie ist eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Künstlern, Spionen, GPS-Experten und Drogensüchtigen, die sich ihre Zeit mit klugen Gesprächen und Product Placements vertreiben. Denn "Marken sind Geschichten", wie Gibson beim Termin in Berlin bemerkte.

Die IT-Innovationen des Romans, der inhaltlich lose an den Vorläufer "Pattern Recognition" von 2003 anknüpft, reduzieren sich auf eine Digitalkunst namens "Locative Art", eine Weiterentwicklung der schon bekannten lokativen Medien. Für Gibsonologen gibt es darüber hinaus Dutzende von Anspielungen, und eine Figur namens Milgrim erinnert natürlich an den US-Psychologen Stanley Milgram, der in den 1960er Jahren mit virtuellen Folterversuchen Aufsehen erregte. Das Hotel, in dem zwei andere Protagonisten logieren, beherbergte einst den genial-verrückten Erfinder Nikola Tesla, ein Jugoslawe wie Marschall Tito, dessen Name gleichfalls im Buch erscheint.

In "Quellcode" schimmert erneut Gibson Interesse an afroamerikanischen Kulten durch, das auf den verstorbenen Volkskundlers Robert Tallant zurückgeht. Wie der Autor in Berlin berichtete, studierte er schon mit zwölf Jahren dessen Buch "Voodoo in New Orleans". Auch Gibsons Sprache wirkt ziemlich südstaatlich – er stammt aus South Carolina – und als er ein "Spook Country"-Kapitel vortrug, hörte sich die rhythmisierte Prosa des Textes ein wenig wie ein mittelenglisches Epos von Geoffrey Chaucer an.

Sein neuestes Buch zeigt Gibson weniger als Propheten als vielmehr Chronisten, und im Gespräch outete er sich als großen Fan von YouTube, das er "erstaunlich" und "unergründlich" nannte und mit der Bibliothek von Babel verglich, von der Jorge Louis Borges träumte. Seine Werke der Cyberpunk-Ära sah er – da kam der studierte Literaturwissenschaftler durch – als Gegenwartsromane und Kommentare zu Reaganomics.

Falls ihm der Streik im öffentlichen Dienst nicht einen Strich durch den Reiseplan macht, liest William Gibson am heutigen Mittwochabend abend in München und morgen bei der lit.COLOGNE in Köln. Wer es nicht zu den Terminen schaffen sollte, möge über ein Gibson-Wort vom Dienstagabend meditieren: "My work becomes increasingly post-intentional." (Ralf Bülow) / (vbr)