Hirntraining fĂĽr Chemotherapie-Patienten

ComputergestĂĽtzte Trainingsverfahren sollen Menschen helfen, deren Hirnleistung durch eine intensive Krebsbehandlung tangiert wurde.

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Von
  • Susan Young

ComputergestĂĽtzte Trainingsverfahren sollen Menschen helfen, deren Hirnleistung durch eine intensive Krebsbehandlung tangiert wurde.

Krebsbehandlungen sind für Betroffene nicht nur sehr anstrengend, sondern können auch die Gehirnleistung beeinträchtigen. Forscher und Ärzte sprechen dabei vom sogenannten Chemonebel – kognitiven Problemen nach fortgesetzter Chemotherapie.

Eine US-Studie zeigt nun, dass computergestütztes Gehirntraining helfen könnte. In einer Untersuchung, die die klinische Neuropsychologin Shelli Kesler von der Stanford University durchführte, zeigte sich, dass ein mehrmonatiges Gedächtnissportprogramm ehemalige Chemo-Patienten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe geistig flexibler machte – sowohl bei der Denkschnelligkeit als auch bei sprachlichen Aufgaben.

Chemotherapie-Behandlungen sind für den gesamten Körper belastend.

(Bild: Steven Fruitsmaak / Wikipedia / cc-by-2.0)

Kesler zufolge zeigen Chemotherapiepatienten bestimmte Veränderungen von Hirnstruktur und -funktion, die denen bei diffusen Hirnverletzungen ähneln. Das habe häufig kognitive Langzeitfolgen.

Bei der Stanford-Untersuchung wurden Lernspiele des Start-ups Lumos Labs aus San Francisco verwendet, das laut eigenen Angaben derzeit weltweit rund 35 Millionen Kunden hat. Die Lumosity genannte Sammlung ist per Internet nutzbar.

Kesler und ihr Team untersuchten insgesamt 41 Brustkrebsüberlebende ab 40, bei denen die letzte Chemotherapie mindestens anderthalb Jahre zurücklag. Zunächst wurde die aktuelle Gedächtnisleistung über verschiedene Aufgaben getestet. Anschließend beschäftigte sich die Hälfte der Frauen vier Mal die Woche jeweils 20 bis 30 Minuten lang mit den verschiedenen Trainingsmodulen. Nach drei Monaten wurden sie erneut getestet. In immerhin drei von fünf Prüfkategorien zeigten sich gegenüber der Kontrollgruppe Verbesserungen. Noch nicht untersucht wurde, ob es hilfreich ist, den Gedächtnissport bereits während der Chemotherapie vorzunehmen.

Die Lumosity-Software ist per Web erreichbar.

Zach Hambrick, Psychologe an der Michigan State University in East Lansing, sieht den Nutzen des Versuchs, ist sich aber nicht sicher, ob ein solches Training auch langfristig helfen kann. "Die Studie ist gut gemacht, es wurde nicht nur ein Transfertest gemacht, sondern mehrere." Ein Problem sei aber die fehlende Aktivität innerhalb der Kontrollgruppe. "Es wäre besser gewesen, wenn ihnen andere anspruchsvolle kognitive Aufgaben statt dem Lumosity-Training übertragen worden wären – eine Art Placebo." Die Verbesserung bei der Trainingsgruppe müsse nicht unbedingt für eine Steigerung bei den grundlegenden kognitiven Prozessen stehen. "Es könnte auch ein Motivationsphänomen sein."

Die Lumosity-Plattform interessiert unterdessen auch andere Forscher. Rund zwei Dutzend Untersuchungen zur menschlichen Kognition laufen dort derzeit. Dabei wird die Wirksamkeit von Hirntrainingsprogrammen bei den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen getestet, vom Schulkind bis zum Schlaganfallpatienten. Lumos Labs erhofft sich, darüber die "weltgrößte Datenbank zur menschlichen Kognition" aufbauen zu können.

Hirnscan: Inwieweit das Training auch im Alltag hilft, muss noch erforscht werden.

(Bild: IntelFreePress / Flickr / cc-by-sa-2.0)

"Unsere Technologie sammelt viele Daten und erlaubt es Forschern ohne große Mühe, Experimente durchzuführen, um die geistige Leistungsfähigkeit zu testen", sagt Mike Scanlon, Mitbegründer der Firma. Die Ergebnisse aus Training und Tests würden gesammelt und ließen sich dann mit demographischen Informationen kombinieren, um beispielsweise zu prüfen, wie sich die Hirnleistung über das Lebensalter verändere.

Susan Landau, Neurowissenschaftlerin an der University of California, Berkeley, meint, dass es noch schwer sei, aus solchen Testergebnissen Verbesserungen für die Lebenswirklichkeit Betroffener abzulesen. Allerdings sei schon der Effekt allein durch die höhere Motivation positiv zu bewerten. "Wenn das Training hilft, dass sich Menschen besser fühlen und ihnen mehr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten gibt, ist das keineswegs unbedeutend." Letzteres könnte aber auch ein wichtiger Teil des Effektes sein, den Kesler und Kollegen in ihrer Studie beschreiben. (bsc)