Das blaue Spiber-Wunder
Bakteriell hergestellte Spinnenseide könnte vor dem Durchbruch stehen. Eine japanische Firma will 2015 mit der Massenfertigung der Fasern beginnen.
- Martin Kölling
Bakteriell hergestellte Spinnenseide könnte vor dem Durchbruch stehen. Eine japanische Firma will 2015 mit der Massenfertigung der Fasern beginnen.
In Japan scheint eine neue Managergeneration heranzuwachsen: Sie verstecken sich nicht wie früher bescheiden, sondern suchen das Rampenlicht, um sich und ihr Produkt in Szene zu setzen. Ein Beispiel ist Kazuhide Sekiyama, CEO des Start-ups Spiber, das Fasern aus Spinnenseide (Spiber = Spider + Fiber) aus dem Labor herzustellen verspricht. Um Aufsehen zu erregen, ließ Sekiyama das von den Medien als möglichen Durchbruch der Spiberproduktion gefeierte Produkt in ein blaues Kleid weben. Dann stellte er es im hippen Hochhaus Roppongi Hills aus. Und zuletzt pries er auf TEDxTokyo, dem Tokioter Ableger des Techno-Talks TED, seine Erfindung. Kunstfasern, die nicht auf Öl basieren, das sei doch wunderbar. "Wir sind die einzigen weltweit, die farbiges Spinnenseidengarn herstellen können", sagte er und hielt eine Rolle davon in die Höhe.
Spinnenseide aus dem Labor ist wahrlich kein neuer Traum. Bereits im 19. Jahrhundert wurde ein Gewand aus den Wunderfasern gewonnen, die laut Wikipedia bezogen aufs Gewicht vier mal belastbarer als Stahl ist und deren Länge um das Dreifache gedehnt werden kann. Nur wollte das Geschäft nicht so recht abheben. Denn im Gegensatz zu Seidenraupen hat bis heute niemand Spinnen dazu ermutigen können, ihre Fäden in industrieller Großproduktion zu spinnen. Zum Glück haben wir ja noch Mikroorganismen und die Gentechnik. Richtig verändert, so die Idee, können die Zellwesen uns alles mögliche in großen Mengen produzieren, darunter auch das Fibroin, also jene Proteine, die die Spinnenseide ausmachen, und die dann wie Kunstfasern zu Fäden gesponnen werden.
Das Problem der Theorie war bisher, dass sie sich störrisch der Praxis widersetzte. Die japanische Spiber Inc. (nicht zu verwechseln mit einem gleichnamigen Unternehmen in Schweden, das sich dem gleichen Abenteuer verschrieben hat) will die Probleme durch Bioinformatik gelöst haben. Immer wieder veränderten die Forscher die Gene ein bisschen, setzten sie in die Mikroorganismen ein und erhöhten so Stück für Stück den Ertrag. Inzwischen setzt die Firma die sechste Gen-Generation ein. Der Ertrag hat sich um das 2500fache gesteigert, so dass Sekiyama sich erlauben kann, vom Beginn einer kommerziellen Produktion zu träumen.
Darüber hinaus will die Firma auch das Problem der Garnproduktion gelöst haben. Das Fibroin kann nicht geschmolzen, sondern muss gelöst werden. Bisher haben nur höchst toxische Fluorine die Struktur knacken können. Spiber nutzt eine nicht näher genannte andere Substanz, die weniger schädlich sein soll. Das daraus resultierende Produkt, das sich zu Fäden, Film, Schwämmen und Puder verarbeiten lässt, hat auch einen Namen: Qmonos, eine kreative Wortschöpfung aus dem japanischen "Kumo-no-su", auf Deutsch: Spinnennetz.
Ein Industriepartner ist dem Unternehmen auch schon ins Netz gegangen: der japanische Autozulieferer Kojima. Gemeinsamen bauen die Partner ein Versuchswerk, das wenigstens 100 Kilogramm Spinnenseide pro Monat liefern soll. Wenn das klappt, soll 2015 eine Pilotanlage folgen, die bereits im ersten Jahr zehn Tonnen des neuen Rohstoffs herstellen könnte. Dann wurden bald Träume wahr werden: Dünne, elegante schusssichere Westen zum Beispiel, eine wahre Killerapplikation. (bsc)