Ihr wollt es doch!
Weltweit überwachen Regierungen ihre Bürger – und immer heißt es: Nicht so schlimm, freiwillig geben die Menschen via Internet noch viel mehr preis. Was für ein absurdes Argument.
- Robert Thielicke
Weltweit überwachen Regierungen ihre Bürger – und immer heißt es: Nicht so schlimm, freiwillig geben die Menschen via Internet noch viel mehr preis. Was für ein absurdes Argument.
Nun reiht sich auch der deutsche Bundesnachrichtendienst BND nahtlos in die internationale Liste der Abhör-Behörden ein. Einem aktuellen Bericht des „Spiegel“ zufolge will er mit 100 Millionen Euro seine Ăśberwachung des grenzĂĽbergreifenden Internetverkehrs ausweiten. 20 Prozent des Traffics zwischen Deutschland und dem Ausland soll sich kĂĽnftig abgreifen lassen. Wundern muss es keinen, schlieĂźlich hatte schon die Debatte um die Vorratsdatenspeicherung gezeigt, dass sich auch hierzulande die Regierung keineswegs davon abhalten lassen will, die Telekommunikation, den E-Mail-Verkehr oder die Internetaktivitäten der BĂĽrger mitzuschneiden. Wer sich daran stört, bekommt seit je her zu hören – und zwar in den USA ebenso wie in Deutschland: warum die Aufregung? Die Menschen geben doch freiwillig etwa via Facebook sehr viel mehr Persönliches preis als mit staatlichen Spähprogrammen jemals abgegrĂffen werden könnte.
Alles halb so schlimm? Mitnichten. SchlieĂźlich besteht ein groĂźer Unterschied zwischen Freiwilligkeit und Zwang. Was ich bei Facebook poste, entscheide ich. Was der Staat an Emails liest, entscheidet er. Beim einen kontrolliere ich, beim anderen werde ich kontrolliert. Nur weil ich auf Twitter mitteile, dass ich geheiratet habe, heiĂźt das noch lange nicht, dass der Verfassungsschutz meine Websuche nach einem Hochzeitsurlaub analysieren darf.
Natürlich speichert auch Google meine Suchanfragen, aber dieser Umstand war erstens nie ein großes Geheimnis. Und zweitens kann jeder, dem das nicht behagt, die Suchmaschine wechseln. Das Land aber, das ihn überwacht, kann niemand so einfach wechseln. Zudem bekommen Internet-Konzerne nur einen Ausschnitt aus dem Leben jedes Einzelnen zu sehen. Staatliche Überwachung aber fügt sämtliche Quellen zusammen – und tut damit, was der Datenschutz eigentlich streng verbietet. Und das mit potenziell gravierenden Konsequenzen. Durch Googles Sammelaktivitäten bekomme ich beispielsweise maßgeschneiderte Werbung. Wenn ich in der falschen Konsumentenkategorie einsortiert bin, bekomme ich eben die falsche Werbung. Wenn ich dagegen beim Verfassungsschutz in einer falschen Kategorie lande, bekomme ich einen Hausbesuch.
Alles nicht so schlimm? (rot)