Was die Zensur verrät

Forscher entschlĂĽsseln, wie Pekings Internetzensur funktioniert und wie sich aus ihr geheime strategische Entscheidungen herauslesen lassen.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 2 Min.
Von
  • Tom Simonite

Forscher entschlĂĽsseln, wie Pekings Internetzensur funktioniert und wie sich aus ihr geheime strategische Entscheidungen herauslesen lassen.

Ein Skandal brachte im Februar letzten Jahres ganz China ins Wanken. Bo Xilai, ehemals Bürgermeister der Millionenstadt Chongqing und Kandidat für ein Spitzenamt in der Kommunistischen Partei, geriet in einen Strudel aus Korruptionsvorwürfen und Mordermittlungen. Sein Polizeichef hatte Bos Frau bezichtigt, einen britischen Geschäftsmann umgebracht zu haben. Sie wurde vergangenen August verurteilt, Bo selbst verlor alle seine Ämter, seine Gerichtsverhandlung läuft noch.

Gary King, ein Forscher an der Harvard University, glaubt, dass eine von ihm entwickelte Software, die die ZensurmaĂźnahmen der chinesischen Regierung in lokalen Social-Media-Angeboten ĂĽberwacht, eine Art FrĂĽhwarnsystem im Fall Bo war: Bevor der Spitzenkader seinen Polizeichef feuerte, deutete sich in den Analysedaten das wichtige politische Ereignis an.

Fünf Tage bevor Bo seinen Mitarbeiter absägte, zeigte Kings Software den Beginn einer rasch ansteigenden Zensurkurve für Blogs, die Bo Xilai zum Thema hatten. Der Anteil gesperrter Postings am Social-Media-Output wuchs, ein Trend, der mehrere Tage andauerte. King zufolge hatte es ähnliche Muster bereits mehrere Male vor großen politischen Nachrichten in dem Land gegeben. So nahm auch die Internetzensur zu, bevor der Künstler und Dissident Ai Weiwei im Jahr 2011 tatsächlich festgenommen wurde. „Es gibt Beispiele, die glasklar zeigen, dass die chinesische Regierung kurz davor ist zu handeln“, betont King. Er hält sein Werkzeug für eine der bislang besten Methoden, größere strategische Schritte Pekings vorherzusagen, ohne dass sich ansonsten äußere Anzeichen ergeben.

Die Onlinezensur scheint mittlerweile allerdings nicht nur unliebsame öffentliche Reaktionen zu unterbinden. Mit dem Werkzeug wollen die Machthaber auch gewünschte Nachrichten rascher verbreiten. So nahm die Zensur ab, als die chinesische Regierung kurz vor der überraschenden Bekanntgabe eines Friedensabkommens mit Vietnam im Juni 2011 stand, der einen heißen Disput über Ölrechte im Südchinesischen Meer entschärfte. „Hier findet eine Art PR statt“, bestätigt Jed Crandall, Computerwissenschaftler an der University of New Mexico, der ebenfalls die Zensurmaßnahmen in China untersucht hat. Indem sie gezielt Postings löschen, „verlangsamen sie die Online-Debatte, bis sich der Nachrichtenzyklus ändert“. Wende sich die Diskussion wieder positiveren Themen zu, „können die Leute reden, was sie wollen“. (grh)