Eine Stadt zieht um

Eine der weltgrĂ¶ĂŸten Eisenerzminen entzieht Kiruna den Boden. Nun zeigt sich: Die Stadt im hohen Norden Schwedens muss weit schneller umziehen als bisher gedacht. Eine Reportage aus einer Region im Aufbruch.

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Von
  • Hanns-J. Neubert

Eine der weltgrĂ¶ĂŸten Eisenerzminen entzieht Kiruna den Boden. Nun zeigt sich: Die Stadt im hohen Norden Schwedens muss weit schneller umziehen als bisher gedacht. Eine Reportage aus einer Region im Aufbruch.

TĂ€glich kurz nach Mitternacht erschĂŒttert eine Detonation die Stadt. Dann sprengt das staatliche Bergbauunternehmen Luossavaara-Kirunavaara-Aktiebolag (LKAB) gerade 8500 Tonnen Eisenerz aus dem Untergrund heraus. An der OberflĂ€che verschiebt sich dadurch die Erde, Risse entstehen. Zuerst war es kaum zu merken, aber inzwischen kommen die Verwerfungen dem Stadtzentrum von Kiruna tĂ€glich ein kleines StĂŒck nĂ€her – und zwar schneller als noch vor wenigen Jahren gedacht. In etwa 20 Jahren wird diese Deformationszone nach aktuellen Messungen das Gebiet des Stadtzentrums zerstören. Noch vor zwei Jahren ging man von 25 bis 30 Jahren aus.

Die 23000-Einwohner-Stadt liegt 140 Kilometer nördlich des Polarkreises, unmittelbar am Rande der grĂ¶ĂŸten Eisenerzmine der Welt. Das Eisen-Flöz reicht vom nahe gelegenen Kirunavaara-Berg in einer vier Kilometer breiten, 80 Meter dicken Scheibe in einem Winkel von 60 Grad bis unter Kiruna – und soll immer weiter ausgebeutet werden. Kirunas Mittelpunkt muss also weichen, immerhin die HĂ€lfte der bebauten StadtflĂ€che.

Vor zwei Jahren beschloss die Stadtverwaltung, dass alles, was den Kern der Stadt ausmacht, drei Kilometer weiter östlich neu entstehen soll. Dazu gehören die zahlreichen InnenstadtgeschĂ€fte, Restaurants und CafĂ©s, aber auch öffentliche Einrichtungen wie BĂŒrgerhaus, Bibliothek, Schwimmbad, Schule, Krankenhaus, Bahnhof, Polizei- und Feuerwehrstationen. Auch die Bewohner der rund 3000 Wohnungen in den HochhĂ€usern am Rande der Innenstadt mĂŒssen umziehen. Nur die Villen- und Einzelhausgebiete am Nordostrand der Stadt bleiben verschont.

Es ist ein in Europa einmaliges Großunternehmen. Alle vom Zerfall bedrohten HĂ€user mĂŒssen abgerissen werden, denn man will keinen ZivilisationsmĂŒll hinterlassen, nicht einmal, wenn die Erde ihn verschluckt. Die Ausnahme sind GebĂ€ude, mit denen Kiruna seine Geschichte auch der Nachwelt erhalten will. Sie werden entweder demontiert und an neuer Stelle wieder zusammengesetzt oder in GĂ€nze per Spezialtransport nach Neu-Kiruna verfrachtet – so etwa einige der historischen ArbeiterhĂ€user aus Holz aus der GrĂŒnderzeit um 1900 und vor allem die markante Holzkirche von 1912 in Form eines Lappenzeltes.

FĂŒr das ebenfalls denkmalgeschĂŒtzte Rathaus ist es allerdings schon jetzt zu spĂ€t. Es liegt nur noch 250 Meter von der Bruchzone entfernt und wird in spĂ€testens drei Jahren zusammenfallen. Noch kann die beredte BĂŒrgermeisterin Kristina Zakrisson hier residieren. Aber sie weiß, dass jetzt alles schnell gehen muss. Gerade hat sie den Stadtplaner und Kulturgeografen Göran Cars von der Königlich Technischen Hochschule (KTH) in Stockholm engagiert, um die Mammutaufgabe des Umzugs zu organisieren. Ihr neuer Arbeitsplatz wird die Ostseite des neuen zentralen Markplatzes zieren – als eines der ersten GebĂ€ude. 2018 dann soll das gesamte neue Stadtzentrum in seinen GrundzĂŒgen stehen, sodass die Einwohner dort einkaufen und Restaurants ihre GĂ€ste bekochen können.

„Die Stadt soll aber vor allem auch attraktiv fĂŒr neue Bewohner werden, kommunikativ, interessant und lebenswert“, wĂŒnscht sich Zakrisson. „Wir planen das neue Kiruna als ‚grĂŒne‘ Stadt, auch wenn wir wegen des Klimas sicherlich keine Passivhausstandards erreichen können wie in Mitteleuropa.“ Sie spricht deshalb auch lieber von einer „Stadtumwandlung“ als von einem „Umzug“.

(vsz)