Der professionalisierte Mensch

McKinsey lässt grüßen: Mit Schrittzählern, Bewegungsmessern und anderen Gadgets und Apps vermessen wir unser Leben immer mehr, um fitter, schlanker und/oder effizienter zu werden.

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Von
  • Martin Kölling

McKinsey lässt grüßen: Mit Schrittzählern, Bewegungsmessern und anderen Gadgets und Apps vermessen wir unser Leben immer mehr, um fitter, schlanker und/oder effizienter zu werden.

Bis vor kurzem habe ich geschlafen, ohne groß darüber nachzudenken. Aber mit dieser Seelenruhe ist seit voriger Woche Schluss. Denn die japanische Firma Omron hat ein Schlafmessgerät auf den Markt gebracht. Bei der "SleepDesign Lite" genannten Hardware handelt es sich um ein 8,3 mal 8,3 Zentimeter großes Gerät, das meinen Schlafrhythmus auszuwerten gelobt. Ich muss das Gerät nur neben mein Kopfkissen legen und schon zeichnet es dank eines Bewegungssensors meine nächtlichen Aktivitäten aus, übermittelt sie über das Smartphone an eine Datenbank, wo sie dann analysiert werden. Mein Handy oder mein PC zeigen mir dann an, wann ich eingeschlafen und aufgewacht bin. Ich kann sogar meine Aktivitäten und Mahlzeiten während des Tages vermerken. Darüber hinaus wird mir mein Schlaftypus als eines von neun Tiersymbolen angezeigt. Wie süß!

Die Idee ist nicht neu. Seitdem Bewegungsmesser in Smartphones eingebaut sind, gibt es Programme, die ähnliches versprechen. Aber Omron als Hersteller medizinischer Geräte muss sich höheren Ansprüchen stellen. Und so versprechen die Entwickler, uns Menschen gezielte Tipps zu geben, wie wir besser ein- und durchschlafen können. Aber das ist nur ein weiteres Teil des Puzzles zur totalen Vermessung von Mensch und Alltag, mit der wir unser Leben besser gestalten sollen. Die Beispiele für weitere Geräte sind Legion.

Ich habe mir in meiner nicht mehr ganz so jugendlichen Neugierde sogar ein "Nike Fuelband" angeschafft, das nicht nur meine Schritte, sondern auch meine Aktivität auswertet und in "Fuel" – "Brennstoff" – umrechnet. Freunde haben mir vorgeschwärmt, wie viel aktiver sie entweder durch das Nike-Gerät oder Produkte der Firma FitBit geworden sind, seit sie auf Schritt und Tritt vollvermessen und online mit sich selber und mit anderen "Freunden" der jeweiligen "Gemeinde" in Wettbewerb stehen.

Dazu kann ich natürlich auch Tempo und Routen meiner Dauerläufe oder Ausfahrten mit dem Smartphone aufzeichnen, auswerten und mit meinen Mitmenschen teilen. Es geht sogar inzwischen per GPS-Sportuhr. Andere Dienste helfen mir, meine Speisen zu erfassen und in Kalorien umzurechnen. Oder mein Laufverhalten zu analysieren und zu verbessern. Und, und, und – und plötzlich kann ich als Normalverbraucher allein das leisten, wofür ich früher eine Heerschar von Forschern, Spezialisten und Trainern hätte anstellen müssen: profimässig alle Bereiche meines Lebens verbessern. Denn ich habe täglich ein Arsenal an Daten in der Hand, für das früher Speziallabors und tagelanger Aufwand notwendig waren.

Ist dies ein Fluch oder Segen? Sicher sind diese Anwendungen hilfreich, uns unser Verhalten bewusst zu machen – und wenn gewünscht, zu verändern. Mir persönlich allerdings geht diese Rationalisierung unseres Lebens zu weit. Anstatt zu leben und mit der Welt zu interagieren und hin und wieder sinnfrei Dinge zu tun, scheinen wir uns a) immer mehr mit uns und unserem Bauchnabel zu beschäftigen, und b) immer mehr Idealen zu unterwerfen, die uns unsere Gesellschaften oder Freundeskreise vorgeben. Darüber hinaus befürchte ich, dass irgendwann einmal der Tag kommen wird, an dem die Selbstprofessionalisierung durch Selbstvermessung, -kontrolle und -verbesserung nicht mehr freiwillig ist, sondern Pflicht wird. Die Krankenkassen würden sich über die Daten sicher freuen. (bsc)