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Was in Japan längst alltäglich ist, nimmt auch hierzulande konkrete Formen an. 2D-Barcodes vernetzen Offline- und Onlinewelt und bilden den "Missing Link" zwischen Realität und Web.
- Klaas Wilhelm Bollhoefer
Was in Japan längst alltäglich ist, nimmt auch hierzulande konkrete Formen an. 2D-Barcodes vernetzen Offline- und Onlinewelt und bilden den "Missing Link" zwischen Realität und Web.
Das mobile Internet rückt im wahrsten Sinne des Wortes näher denn je. Und das nicht, weil Medien, Marktforscher und Marketing-Abteilungen es beinahe täglich betonen. Die Verbreitung breitbandiger mobiler Internetzugänge zu immer moderateren Preisen, die Leistungsfähigkeit der aktuellen Generation mobiler Endgeräte und Innovationen im Bereich der Mensch-Maschine-Schnittstelle wie das iPhone-User-Interface mit seinem "Multi Touch Sensing" oder Techniken, die Realwelt und mobiles Internet "clever" miteinander verknüpfen, liefern die Basis, Internetinhalte zu jeder Zeit und an jedem Ort anbieten zu können. Eine dieser technischen Neuerungen ist das "Mobile Tagging" mit 2D-Barcodes.
Bei 2D-Barcodes handelt es sich, im Gegensatz zu den eindimensionalen Strichcodes EAN-13, die jeder von der Supermarktkasse kennt, um als Fläche generierte Codemuster. Diese können mit einem entsprechenden Lesegerät ausgelesen und anschließend die gespeicherten Informationen dekodiert werden. Bei der Information kann es sich um Plain Text, eine URL oder ein beliebiges Textdatenformat handeln.
2D-Barcodes können ein höheres Datenvolumen als die "klassischen" Strichcodes speichern und sind zudem mit für den robusten Einsatz im Consumer-Bereich nötigen Fehlerschutzmechanismen versehen. Das eigentlich Interessante aber ist: In Zukunft wird es möglich sein, 2D-Barcodes mit einem Barcode-Reader auslesen zu können, den viele immer bei sich tragen: dem Handy.
Im Zeitalter des Web 2.0 beschreibt ein Tag ein vom Nutzer frei vergebenes Schlagwort, das mit einem Webobjekt der Wahl (Bild, Video, URL et cetera) verknüpft ist, etwa die Tags "Sommer, Mama, Strand, Italien" mit einem Foto des letzten Urlaubs. Die Schlagworte sind beliebig und gleichwertig, unabhängig von einer vorgegebenen Taxonomie, und erlauben damit die Anreicherung von Webobjekten mit wertvollen zusätzlichen Metadaten durch jeden Benutzer.
Solche und solche Tags
Im Unterschied dazu beschreibt der Begriff "Mobile Tagging" die Auszeichnung eines Gegenstands, etwa eines Plakats an der Bushaltestelle, mit einem 2D-Barcode und den Prozess des Auslesens der im Barcode enthaltenen Information.
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2D-Barcodes und Mobile Tagging entstanden im Consumer-Bereich in Japan. 2002 schlossen sich die japanischen Netzwerk-Provider NTT DoCoMo und J-Phone, Endgerätehersteller wie Panasonic, NEC und Sharp sowie die Serviceprovider Denso, Mediaseek und 3Gvision zusammen, um neue Lösungen für die zu diesem Zeitpunkt aktuell in die Endgeräte integrierten Kameras zu entwickeln.
Heute, fünf Jahre später, sind 2D-Barcodes (speziell die QR Codes = Quick Response Codes) in Japan etabliert. Mehr als 95 Prozent der mobilen Nutzer kennen QR Codes und mehr als 70 Prozent nutzen sie, um weiterführende Informationen mobil abzurufen. Das Land, in dem das mobile Internet das stationäre bereits weit hinter sich gelassen hat, ist wieder einmal Vorreiter im Bereich innovativer mobiler Lösungen.
In Europa steckt der Einsatz von 2D-Barcodes im Consumer-Bereich noch in den Kinderschuhen. Während im Business-2-Business-Bereich seit Langem auf 2D-Barcode gesetzt wird, kommt der Einsatz im B2C-Geschäft nur schleppend in Gang. Nach Bahn- und Flugtickets sowie dem rudimentären Einsatz im Handyticketing-Bereich kommt lange nichts. Langsam mehren sich aber die Anzeichen, dass Mobile Tagging auch in Europa den Durchbruch schaffen könnte. Ausgehend von der Schweiz und Großbritannien fallen einem mehr und mehr Barcodes in der Werbung, der Kunst oder im öffentlichen Raum auf.
Das 2D-Barcode-Universum
Es gibt weltweit an die 1000 verschiedene Barcodes, davon rund 100 2D-Codes in teilweise Dutzenden von Varianten. Jeder dieser Codes wurde fĂĽr einen bestimmten Einsatzzweck entwickelt und optimiert, meist aus dem Logistik-Bereich. Die Codes unterscheiden sich in erster Linie im darstellbaren Datenvolumen, der Art der Darstellung, der Anzahl der unterstĂĽtzten Barcode-Reader und natĂĽrlich der Verbreitung.
Die Webadresse www.heise.de/mobil als QR Code.
Der bekannteste 2D-Barcode in Deutschland ist derzeit sicherlich der Aztec-Code, den zum Beispiel die Deutsche Bahn für ihre Onlinetickets nutzt. Den Aztec-Code entwickelte Andy Longacre von Welch Allyn (USA) 1995. Im Mittelpunkt des Codes befindet sich ein Suchelement zur Erfassung durch den Reader, das aus mehreren ineinander verschachtelten Quadraten besteht. Die Symbolelemente, also die kodierte Textinformation, sind ebenfalls quadratisch. Derzeit lässt sich eine Datenmenge von über 3000 Zeichen verschlüsseln, gegebenenfalls aufgeteilt auf mehrere Symbole. Zum Vergleich: eine Seite in einem Magazin aus dem Heise Zeitschriften Verlag hat Platz für rund 6000 Zeichen. Die Rekonstruktion des Dateninhalts ist auch dann noch möglich, wenn bis zu 25 Prozent des Codes zerstört worden sind.
Ähnlich geartet, in Asien am weitesten verbreitet und in Deutschland derzeit stark im Kommen ist der QR Code. Der QR Code wurde 1994 bei Denso in Japan entwickelt. Er ist quadratisch und anhand seiner Suchelemente, ineinandergeschachtelter heller und dunkler Quadrate in drei Ecken, leicht zu erkennen. Der QR Code kann bis zu 7089 Ziffern, 4296 alphanumerische Zeichen oder 1817 japanische Schriftzeichen (Kanji/Kana) kodieren. Seit dem Jahr 2000 ist der QR Code ISO-standardisiert (ISO/IEC18004).
Ebenfalls standardisiert ist der Data-Matrix-Code, bereits in den späten 80ern von International Data Matrix (USA) entwickelt und in Deutschland unter anderem von der Deutschen Post für sein Online-Frankiersystem Stampit benutzt. Das Suchelement besteht aus einer waagerechten und einer senkrechten Begrenzungslinie. Im Data Matrix Code können 2334 ASCII-Zeichen (7 Bit), 1558 erweiterte ASCII-Zeichen (8 Bit) beziehungsweise 3116 Ziffern kodiert werden. Die Rekonstruktion des Dateninhalts ist selbst dann noch möglich, wenn bis zu 25 Prozent des Codes zerstört sind.
Handy als Barcode-Scanner
In der Schweiz weit verbreitet ist das proprietäre System "BeeTagg", ein 2D-Code, der in der Darstellung einer Bienenwabe gleicht. Bei BeeTagg handelt es sich um eine Entwicklung der Schweizer Connvision AG und nach deren Angaben um den ersten für das "Mobile Tagging" optimierten Code, da er die Anforderungen aus dem Consumer-Bereich an Look&Feel und Vermarktbarkeit am besten umgesetzt hat.
Weitere bekannte Codes sind Semacode, Shotcode, Quickmark, Upcode oder Qode.
In vier einfachen Schritten in die "erweiterte Realität".
Mobile Tagging ist denkbar unaufwendig. Mit dem Barcode-Reader auf dem Handy macht man ein Foto des 2D-Barcodes und bekommt direkt die entschlĂĽsselte Information angezeigt. Ist dies eine URL, kann man die Seite ĂĽber eine mobile Internet-Verbindung direkt laden.
Um 2D-Barcodes mit dem Handy auslesen zu können, benötig man demnach zuallererst ein Barcode-Lesegerät. Je nach Betriebssystem und Handytyp gibt es unterschiedliche Reader, die mehr oder minder optimal geeignet sind. So ist auf Java-Systemen der i-nigma Reader aus Japan zu empfehlen, dort eine Standardanwendung mit mehr als 60 Millionen Installationen und über 75 Prozent Marktanteil. Auf Symbian-Systemen ist eher der Kaywa-Reader oder die Nokia-eigene Lösung (auf einigen aktuellen UMTS-Handys bereits vorinstalliert) zu empfehlen. Unter Windows Mobile ist der Quickmark-Reader am verbreitetsten, aber auch Kaywa läuft einwandfrei.
Der Trend geht naheliegenderweise in Richtung Multicodefähigkeit, das heißt, ein Reader kann unterschiedliche Codes lesen. Auch die Open Handset Alliance, eine Gruppe von mehr als 30 namhaften Unternehmen (darunter Google, Telefonica, T-Mobile, NTT DoCoMo, Packetvideo, Samsung, Motorola, HTC, LG, Intel, Nvidia) ist dabei, einen Barcode-Reader zu entwickeln, und zwar Zxing, eine Java-Anwendung unter anderem für das gemeinsam entwickelte Handy-OS Android. Zxing kann als Beta für viele Endgeräte bereits getestet werden. Auch für das iPhone von Apple gibt es einen QR-Code-Reader. Der sogenannte iMatrix-Reader muss aber als Applikation installiert sein, was derzeit erst mit der Entsperrung des iPhones möglich ist.
Um Barcodes selbst zu generieren, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Zum Testen reichen web-basierte Generatoren, zum Beispiel von Kaywa, Tagnition oder Snapmaze. Auf den Seiten gibt man die gewünschte Information ein (URL, Textmessage, vCard-Info et cetera) und generiert sich "on the fly" einen QR Code. Tagnition, Kaywa, MTdigital und andere Anbieter bieten zudem Dienstleistungen rund um das Mobile Tagging an und liefern professionelle End2end-Lösungen.
Im Großen und Ganzen können die Einsatzgebiete von 2D-Barcodes in Public Tagging, Commercial Tagging und Private Tagging unterteilt werden. Commercial Tagging ist sicherlich das naheliegendste Einsatzgebiet von 2D-Barcodes. Insbesondere in der Werbung, speziell dem Direct-Response-Marketing oder – so der neue Begriff – Proximity-Marketing lassen sich durch 2D-Barcodes Plakate, Anzeigen in Magazinen und Zeitungen, Flyer oder Postkarten ins mobile Internet "verlängern". Mobile Tagging kann, vorausgesetzt, die Kunden wissen mit dieser neuen Technik umzugehen, neue Impulse liefern und direkt am POI/POS interaktive (personalisierte) Mehrwerte bereitstellen.
Mobile Tagging im Einsatz
Auch Google testet gerade den Einsatz von QR Codes im Rahmen seiner Offline-Lösung "Google Print Ads". Public Tagging beschreibt den Einsatz von 2D-Barcodes im öffentlichen Raum oder im Bereich Kunst und Kultur. Beispiele sind Tag-City.net aus Frankfurt, das aktuelle Musikvideo "Integral" der Pet Shop Boys oder auch die Plakat-Kampagne zum Start des Films "28 Days Later" in Großbritannien. Private Tagging kann zum Beispiel auf Visitenkarten zum Einsatz kommen, um Kontaktdaten direkt als vCard anbieten zu können.
In Japan finden sich QR Codes überall im Einsatz: auf Plakaten, Verpackungen (zum Beispiel werden bei McDonald’s Nährwertinformationen im Internet bereitgestellt), auf Bucheinbänden, DVDs und sogar in Fernsehspots. Auch in der Schweiz ist Mobile Tagging seit Längerem im Einsatz. Dort findet man die BeeTaggs in Stadtmagazinen, auf Plakaten, Wegweisern und sogar Briefmarken der Schweizer Post. In Deutschland war die Zeitschrift "Spex – Magazin für Popkultur" die erste, die einen Barcode auf der Titelseite veröffentlichte. Titel: "Was sagt uns dieser Code?" Scannte man den Code, bekam man die Antwort "Erkenntnisschnittstelle" – was garantiert kein Aha-Erlebnis beim Leser hervorrief.
Ganz anders Springers "Welt kompakt", die im ersten Regelbetrieb von 2D-Barcodes in Deutschland titelten: "Welt kompakt ist ab heute Ihr Link ins mobile Internet." Genau darum geht es. Nicht nur, dass die Autoren das Verfahren als solches und die technischen Zugangsvoraussetzungen im Detail verständlich erklärten. Seit dem 9. November werden auch regelmäßig zahlreiche Artikel durch Verweise auf mobile Inhalte (Text, Bilderserien, MP3-Files und sogar Videoclips) ergänzt. Das erste Feedback in Zeitung und Blogosphäre war durchweg positiv, die ersten Nutzungszahlen erfüllten die Erwartungen.
Technisch setzt die Welt kompakt auf die Lösung der Schweizer Firma Kaywa, die auf individuelle Kundenbedürfnisse zugeschnittene End-2-End-Lösungen anbietet, ein Monitoring ermöglicht und über ein komfortables Web-Interface den redaktionellen Day-by-Day-Einsatz unterstützt. Auch BeeTaggs gewinnen in Deutschland Marktanteile, beispielsweise im Rahmen der neuen Plakatkampagne und den Onlineprofilen der Partnerbörse neu.de.
Ausblick
Wie bei vielen technischen Entwicklungen gibt es am Anfang viele konkurrierende Lösungen im Markt. Der QR Code scheint nach Asien nun auch in Europa die Nase vorn zu haben, insbesondere hinsichtlich der Zahl der unterstützenden Reader und erster öffentlichkeitswirksamer Einsätze. Aber auch proprietäre Lösungen wie der BeeTagg bieten interessante Ansätze und in einigen Aspekten Vorteile. Nicht zu vergessen: Die Open-Source-Lösung Zxing, hinter der letzten Endes das Schwergewicht Google steckt.
Um den 2D-Barcodes zum vielerorts prognostizierten Durchbruch zu verhelfen, sind noch einige Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Neben "Kleinbaustellen" wie der Optimierung der Reader in Funktionsweise, Erkennungsgenauigkeit und Performance, der Einigung im Markt auf einen Code-Standard (eher aus Verbrauchersicht interessant, da technisch durch Multi-Code-Reader lösbar) und der Vorinstallation von Barcode-Readern auf mobilen Endgeräten (warum nicht direkt in die Kamera integriert?) ist entscheidend, dass jeder Einzelne den Umgang mit 2D-Barcodes versteht und den Mehrwert einer solchen "Erweiterung der Realität" sinnvoll für sich zu nutzen weiß. (js)
Literatur
| [1] Achim Barczok, Pixelsalat mit Botschaft, Zweidimensionale Barcodes vereinfachen die mobile Dateneingabe, www.heise.de/mobil/artikel/89713 |
| [2] Andreas Wilkens, Microsoft hat einen Abnehmer fĂĽr seine bunten Barcodes gefunden, www.heise.de/newsticker/meldung/88279 |
| [3] Lutz Labs, Barcodes in vier Dimensionen, www.heise.de/mobil/newsticker/meldung/95923/ |