Doppelherz-UMPC
In HTCs Shift X9500 werkeln Windows Mobile und Vista einträchtig nebeneinander her. Damit hat man neben einem schnellen PDA auch Zugriff auf echte X86-Hardware.
- Dr. JĂĽrgen Rink
Intel nennt die Kleingeräte MIDs (Mobile Internet Devices), von Microsoft stammt der Name UMPC (Ultramobile PC). Trotz der mächtigen Protagonisten gelang es bislang nicht, die Winzlinge in Szene zu setzen. Umso gespannter wartete die Branche auf den HTC Shift X9500: Der Winzling will die chronischen UMPC-Nachteile kurze Akkulaufzeit und für Windows Vista ungenügende Rechenleistung umgehen, indem zusätzlich zur x86-Hardware Embedded-Technik mit Windows Mobile 6 drinsteckt.
Mit dem HTC Shift X9500 hat man zwei Rechner in einem, sowohl einen UMPC mit Windows Vista als auch ein Windows-Mobile-Gerät. Das stabile, an den Kanten abgerundete Gehäuse hat die Größe eines Taschenbuchs und liegt angenehm in beiden Händen. Wegen seines Gewichts von 800 Gramm wird das einarmige Halten auf die Dauer unbequem. Das Display überzeugt mit einer enormen Helligkeit von 349 cd/m², wenig Farbverschiebung und einem an Notebooks gemessen ordentlichen Blickwinkel. Zusammen mit seiner matten Oberfläche ist das Gerät sommertauglich.
Der Touchscreen reagiert nicht nur auf den Stift, sondern auf jede Berührung. Wegen der kleinen Displayfläche von 15 cm × 9 cm stört das nicht, denn der Handballen liegt bequem auf dem Rand und trotzdem erreicht der Stift jede Ecke. Für die Bedienung steht auch ein winziges Touchpad an der rechten Seite bereit, die dazugehörigen beiden Tasten liegen auf der linken Seite. Den Cursor auf diese Art zu bewegen ist arg fummelig, eleganter gehts mit dem Stift.
Das Display-Gehäuse gleitet auf zwei Schienen nach hinten und legt eine Tastatur frei. Der Displayteil kann schräg hochgeklappt werden – fertig ist ein Laptop-ähnliches Gebilde für den Schreibtisch. Der kleinen Tastatur fehlt die obere Sondertastenreihe (sie ist als Dreifachbelegung in der Ziffernreihe integriert), und die 13 mm × 11 mm kleinen Tasten sind gerade einen Tick zu klein, um auf ihnen flott mit geringer Fehlerrate zu tippen. Für große Texte eignet sie sich damit nur für Menschen mit sehr schmalen Fingern, die anderen dürften immerhin nach etwas Übung den Mail-Verkehr meistern.
Windows Vista und ...
HTC hat Windows Vista Business in den Shift X9500 gepackt. Eine schlechte Wahl, denn wegen der lahmen Intel-A110-CPU mit 0,8 GHz und 512 KByte L2-Cache öffnen Anwendungen zögernd, lasten das System oft aus; Einstellungen nerven mit Wartezeiten. Der Lüfter läuft oft und hörbar. Dazu kommt die für Vista ungenügende Display-Auflösung von 800 × 480 Punkten, die dazu führt, dass wichtige Bedienelemente außerhalb des Blick- und Bedienbereichs liegen. HTC lindert zumindest diese Groteske mittels eines Knopfs an der rechten Display-Seite, der die Auflösung auf 1024 × 600 Punkte interpoliert. Zwar ist das Betriebssystem dann handhabbar, aber die Anzeige sieht grottenschlecht aus. Die Oberfläche von Origami 2.0 erleichtert immerhin die Bedienung in der niedrigeren Auflösung per Finger für Web, Video und Bild.
Den knappen Platz an den Seiten hat HTC für einen USB-, VGA- und Kopfhöreranschluss genutzt. Das interne Mikro nimmt verständlich auf, die beiden winzigen Lautsprecherchen tönen erstaunlich laut, wenn auch blechern. Die Kamera nimmt Fotos und Videos in akzeptabler Qualität auf, sofern man noch Anwendungen dafür installiert. Die WLAN-Datenrate (802.11 b/g) in 20 Meter Entfernung liegt mit 1,5 MByte/s rund 40 Prozent unter den gewohnten Werten. Das UMTS-Modem beherrscht HSDPA, die SIM-Karte passt hinter den Akku. Im Karton liegt ein Adapterkästchen für USB, das LAN, drei USB-Ports und einen Mini-USB-Anschluss hat.
Mit auf 100 cd/m² abgedunkeltem Panel und abgeschaltetem Funk (WLAN, Bluetooth, Mobilfunk) läuft der UMPC maximal 3,3 Stunden lang, mit Mobilfunk und voller Helligkeit überbrückt der Akku maximal 2,1 Stunden – zu kurz für ein mobiles Gerät.
... Windows Mobile
Dass der HTC trotz dieser vielen UMPC-Nachteile nicht gleich den Daumen nach unten kriegt, liegt an der Zusatz-Hardware, auf der das sogenannte SnapVUE läuft, ein optisch verändertes und stark abgespecktes, völlig eigenständiges Windows Mobile 6. Für SnapVUE steht Flash-Speicher bereit, ein Zugriff auf die Festplatte ist nicht möglich.
Das in Schwarzweiß gehaltene Interface nutzt nur 640 × 480 Punkte, deshalb bleibt ein schwarzer Rand links und rechts. Das OS enthält Anwendungen für verschiedene E-Mail-Accounts, auf Wunsch per VPN-Zugang, Kalender, Adressen und SMS. Die Online-Anbindung muss zwingend über Mobilfunk laufen, WLAN oder Bluetooth kennt SnapVUE nicht. Die Konfiguration des Mobilfunkzugangs und der Mail-Einstellungen geht auch Ungeübten leicht von der Hand.
SnapVUE läuft auf einem Qualcomm-MSM7200-Prozessor und greift auf 37 MByte Daten- und 43 MByte Programm-Speicher zu. Der Speicherinhalt bleibt auch bei leerem Akku erhalten. Per Knopf unten links am Display schaltet man blitzschnell zwischen Vista und SnapVUE hin und her, denn beide Systeme können gleichzeitig laufen. Wenn man das Vista-Mobilitätscenter so konfiguriert, dass Vista nach einigen Minuten den Suspend-Zustand einnimmt (Windows Mobile läuft weiter), dann kommt man in den Genuss einer sehr langen SnapVUE-Laufzeit von je nach Helligkeit und Mobilfunkanbindung 8 bis 14 Stunden. Weiterer Vorteil des Windows-Mobile-Abkömmlings: Die Hardware ist nicht wie bei Vista überfordert.
Der große Nachteil von SnapVUE ist das zu sehr kastrierte Windows Mobile. Die fehlende Anbindung zu anderen Rechnern und zum Vista im Shift selbst lässt keine Synchronisation zu: Die Kalender- und Adresseinträge von SnapVUE lassen sich nur über einen Exchange-Server synchronisieren – sofern vorhanden – nicht aber mit anderer Hardware. Nicht mal eine Übergabe der Daten zum eingebauten Vista ist möglich, obwohl eine (nicht ohne Tricks nutzbare) USB-Verbindung zwischen beiden existiert. Auch kann SnapVUE nicht telefonieren, sondern beherrscht nur Datenfunk, ferner fehlen Browser und Pocket Office. Windows-Mobile-Anwendungen lassen sich gar nicht erst installieren. WLAN und Bluetooth kennt es nicht. Mit einem derart rudimentären Windows Mobile reduziert HTC den Gebrauchswert des Shift X9500 erheblich – SnapVUE ist im Wesentlichen nur ein E-Mail-Client. Das Unternehmen hat damit eine gute Idee ad absurdum geführt.
Abhilfe gibt es bereits aus der Entwicklerszene. Mit einem sogenannten SHIFTpack.Liberate, das im Web leicht zu finden ist, kann in wenigen Schritten Windows Mobile 6 freigeschaltet werden. Ein Online-Video erklärt das ausführlich. Auch ein USB-Tool gehört dazu, das den Windows-Mobile-Teil mit Vista verbindet, vorausgesetzt, dort wurde vorher das von Microsoft kostenlos erhältliche Windows-Mobile-Gerätecenter installiert.
Nach diesem Tuning können Daten in Vista mit Windows Mobile genauso abgeglichen werden, als würde ein Smartphone per USB an einem externen Rechner hängen. Außerdem wurde SnapVUE um fast das komplette Windows Mobile 6.0 erweitert, inklusive Benutzerführung. Mit sogenannten ShiftPacks rüstet man in Windows Mobile die fehlenden Funktionen wie Pocket Office und Mobile Internet Explorer nach. Bislang bleibt die Online-Zwangsanbindung per Mobilfunk, obwohl für Vista ein an SDIO angebundener WLAN-Chip bereitsteht. Aber die Entwicklerszene ist sehr rührig, und WM-Anwendungen können nun als CAB-Dateien oder als ausführbare Dateien in SnapVUE eingebunden werden.
Fazit
An den Nachteilen der meisten anderen UMPCs krankt auch der Shift X9500: Er läuft zu langsam für Windows Vista, zeigt eine zu geringe Display-Auflösung und läuft zu kurz. Mit dem Trick, Windows Mobile und die passende Hardware parallel zum Vista-System mit einzubauen, umgeht HTC diese Mankos. Im sogenannten SnapVUE-Modus läuft der Kleine einen Tag lang und reagiert sofort statt träge. Auch wegen der innovativen Mechanik mit versteckter Tastatur und hochklappbarem Display ist HTC ein faszinierendes Stück Technik gelungen. Viele Software-Hilfen wie Einstellungsmenüs und Sondertasten erleichtern die Bedienung.
HTC haucht den Winzig-Laptops im Taschenbuchformat mit der Krücke Windows Mobile neues Leben ein, doch so richtig praktisch ist er zunächst nicht, denn die Krücke im Shift ist abgeschotteter als ein neben dem Shift liegendes Smartphone. Bevor der Kleine zum unverzichtbaren Begleiter heranwächst, muss das kastrierte und von Vista abgeschottete Windows Mobile 6 verbessert werden. Mit den im Web kursierenden Hilfen kann der Shift X9500 immerhin zu einem fast vollständigen Windows-Mobile-Gerät mit Schnittstellen zu Vista aufgebohrt werden. Besser wäre es gewesen, HTC hätte das von vornherein erledigt.
Das Gerät für nicht billige 1150 Euro eignet sich für Anwender, denen Smartphones zu klein sind, die unterwegs viel mailen und surfen und auch in einem kleinen Gerät einen vollständigen x86-Rechner brauchen. (jr)
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