Stift und Finger

Seit das iPhone der Branche gezeigt hat, dass es die Handy-Bedienung durchaus ergonomisch sein kann, suchen die Hersteller verstärkt nach Lösungen, die den Umgang mit den mobilen Vielkönnern vereinfachen – zum Teil mit überraschenden Ergebnissen.

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Solange es nur darum geht, jemanden anzurufen, leistet die klassische Wähltastatur gute Dienste. Doch bereits beim Eingeben von Namen ins Telefonbuch oder beim Schreiben von SMS wünschen sich viele eine bequemere Eingabeform als die mindestens vierfach belegten Zifferntasten.

Schon die Suche nach der benötigten Anwendung gestaltet sich zunehmend schwierig, da der Umfang der Hauptmenüs immer mehr zunimmt. Um die Anzahl der Tastendrücke kleinzuhalten, die man zum Aufruf einer bestimmten Funktion benötigt, gruppieren viele Hersteller die Einträge thematisch geordnet in Untermenüs.

Mehr Übersicht schaffen größere, höherauflösende Displays, was jedoch mit Tastatur zu großen Handys führt. Einen anderen Lösungsansatz fanden die Hersteller erst mit der Gerätegattung der Smartphones. Anders als Handys mit ihrer herstellerspezifischen, proprietären Software stammen diese von Organizern wie dem Pocket PC oder dem Palm ab und nutzen deren – weiterentwickelte – Betriebssysteme. Viele PDAs besaßen keine separate Tastatur, man bediente sie per Eingabestift über einen Touchscreen.

Auf einem Touchscreen lassen sich je nach Bedarf verschiedene virtuelle Tastaturen darstellen, etwa Wähltasten oder ganze Qwertz-Tastaturen zum Schreiben von SMS, E-Mails und Notizen. Dazu brauchte es jedoch meist einen Stift, manche Nutzer feilten sich dazu sogar einen Fingernagel zurecht.

Einige Versuche gingen über den Touchscreen hinaus. So stellte beispielsweise schon 2002 die schwedische Firma Spectronic ein Handy mit großem Display ohne Tastatur vor, bei dem man Rufnummern und Texte über die berührungsempfindliche Längsseite des Gehäuses eingab. Auf dem Display erschienen Buchstaben und Zahlen in Dreier-Gruppen, von denen man eine über den wulstigen Rand auswählte und den gewünschten Buchstaben durch Verlagerung des Fingers in Richtung Front- oder Rückseite des Handys selektierte.

Verbreiteter sind derzeit separate kleine Qwertz-Tastaturen, wie sie Nokia bereits im ersten Communicator einsetzte. Die platzsparenderen Varianten mit winzigen Knöpfchentasten findet man seit dem Erfolg der Blackberry-E-Mail-Phones auch bei vielen Business-Modellen anderer Hersteller, etwa beim aktuellen Nokia E71. Mit etwas Übung lässt es sich mit zwei Daumen damit recht schnell tippen.

Für Multimedia-Handys eignen sich die Mini-Tastaturen weniger. Zum einen sollen sie sich wie jedes andere Mobiltelefon einsetzen lassen – eine Wähltastatur ist daher Pflicht –, zum anderen dienen sie auch als Musik- und Videoplayer. Dazu benötigen Musik-Handys Tasten für die Playersteuerung. Bei einfachen Modellen gibt es meist nur ein zusätzliches Funktionsmenü, bessere Handys besitzen dazu dezidierte Bedienelemente.

Nokias N95 ist ein Beispiel dafür, wie Hersteller beide Anforderungen vereinen. Das Multimedia-Smartphone hat eine doppelte Schiebetastatur: Schiebt man den hinteren Gehäuseteil nach unten, erhält man die Wähltasten, nach oben kommen dagegen Steuertasten für den Mediaplayer zum Vorschein. Noch raffinierter macht es Motorola beim Musik-Handy Rokr E8: Statt normaler Tasten hat es ein Sensortastenfeld, dessen Beschriftung und Funktion wechselt, je nachdem ob man die Telefonfunktion oder die Musikfunktion auswählt. Leider hat der Hersteller dieses Konzept jedoch nicht auf andere Funktionen wie den Webbrowser oder die Texteingabe ausgeweitet. Die gute Idee blieb im Ansatz stecken.

Die flexibelste Eingabeform ist immer noch die über einen Touchscreen. Damit lassen sich beliebige Bedienelemente und Schaltflächen darstellen, die man auch ohne Handbuchstudium intuitiv bedienen kann. Um Touchscreen-Telefone auch ohne Stift steuern zu können, sollten sie möglichst große Eingabeflächen besitzen, die sich bequem mit dem Finger treffen lassen. Zu kleine und zu eng gruppierte Symbole führen dagegen schnell zu Fehlbedienungen.

Entwickler und Hersteller haben schon lange über ein per Touchscreen bedienbares Handy nachgedacht. Siemens zeigte beispielsweise bereits auf der CeBIT 2003 ein – vergleichsweise winziges – Mobiltelefon mit kapazitivem Touchscreen als Prototyp, das sich nur per Finger bedienen ließ und einen Stift gar nicht erst erkannte. Beim Wählen einer Rufnummer wurde die jeweilige Ziffer vergrößert dargestellt, um die Treffsicherheit zu erhöhen. Anfang 2007 hat LG Electronics mit dem Prada-Handy KE850 dann ein Touchscreen-Modell mit einer auf Fingerbedienung abgestimmten Oberfläche und einem berührungsempfindlichen Bildschirm auf den Markt gebracht.

Das bekannteste Mobiltelefon mit einem solchen Display ist Apples iPhone. Mit seiner schnellen und innovativen Bedienung setzte es einen neuen Trend. Anders als etwa das Prada-Handy reagiert es bei Eingaben auf dem kapazitiven Touchscreen praktisch verzögerungsfrei. Zudem erweiterte Apple die Handy-Bedienung um Fingergesten, bei denen man Menüs und andere Objekte wie Bilder und Webseiten durch Berühren und Verschieben mit dem Finger direkt manipulieren kann. Eine weitere Besonderheit des iPhones, die Multitouch-Funktion, erlaubt es sogar, die Darstellung von Bildern, Karten und WWW-Seiten zu vergrößern oder zu verkleinern, indem man zwei Finger auf den Touchscreen legt und diese auseinanderzieht respektive zusammenführt. Die Multitouch-Technik, bei der das Gerät mehrere Positionspunkte auf dem Bildschirm gleichzeitig auswertet, findet man bislang nur bei den Mobiltelefonen von Apple.

Der Hersteller erkauft sich die durchgängig intuitive Bedienung des iPhone jedoch durch Weglassen vieler Funktionen und Einstellungen, die in anderen Multimedia-Telefonen üblich sind. Während andere Fotohandys zum Beispiel diverse Belichtungsprogramme und Bildgrößen bieten, besitzt die Kamerafunktion des Apple-Telefons nur einen Auslöser. Zoom, Videoaufnahme, Panoramabilder oder Selbstauslöser – Fehlanzeige.

Ein großer Erfolg wurde das iPhone vor allem wegen seines einfach zu bedienenden Webbrowsers. Viele Handys zeigen zwar Webseiten an, doch nutzen sie ihre Besitzer wegen der umständlichen Bedienung erfahrungsgemäß nur selten. Browser-Hersteller wie Opera oder Nokia versuchen, die Darstellung großer Webseiten auf den kleinen Displays durch Umformatieren oder mittels Navigationshilfen wie Mini-Übersichten zu verbessern, doch erst das iPhone löste mit seinem intuitiven Multitouch-Zoom und der flüssigen Fingergestensteuerung einen regelrechten Mobilsurf-Boom aus.

Samsung konterte mit dem Touchscreen-Handy SGH-F700 Qbowl, das zwar mit UMTS und dem Internet-Beschleuniger HSDPA sowie einer Qwertz-Tastatur deutlich besser ausgestattet ist, doch konnte dessen Browser trotz Touchscreen es nicht mit dem des iPhone aufnehmen – die intuitive Bedienung und die übersichtliche Seitendarstellung gelang nicht.

Erst die Modelle Touch Diamond und Touch Pro von HTC, Samsung SGH-i900 Omnia und Sony Ericsson Xperia X1 versprechen mit dem Browser Opera Mobile 9.5, der wie der iPhone-Browser die interessanten Teile einer Webseite nach Antippen automatisch vergrößert und an das Display anpasst, das mobile Surfen zu erleichtern.

Während die Bedienoberfläche des iPhone durchgängig auf die Fingerbedienung hin optimiert wurden, setzen die Surf-Smartphones von HTC und Samsung auf Windows Mobile 6.1, das man eigentlich mit dem Eingabestift steuert. Microsoft selbst hat die aktuellen Bedien-Trends bislang verschlafen. Dabei hätte die veraltete Windows-Mobile-Oberfläche, an der sich im Vergleich zu einem zehn Jahre alten Pocket-PC nur wenig getan hat, eine grundlegende Überarbeitung bitter nötig. Stattdessen passen sie die Gerätehersteller nun mit Software-Aufsätzen für die Benutzung mit dem Finger an. Doch kommt keines der Windows-Smartphones ganz ohne Stift aus.

Die koreanischen Hersteller LG und Samsung haben schon länger Handy-Modelle mit per Finger bedienbarem Touchscreen im Programm. Den iPhone-Killer scheint es noch nicht zu geben. Umso gespannter darf man auf die Zukunft sein. Geräte mit dem Open-Source-Betriebssystem Android der von Google initiierten Open Handset Alliance, zu der außer Motorola, HTC und Samsung auch mehrere Chiphersteller und Software-Unternehmen gehören, sollen dem iPhone auch in puncto Bedienung Paroli bieten.

Die Oberfläche ist durchgängig für die Fingerbedienung ausgelegt und funktioniert mit dem auf Linux gründenden Betriebssystem ähnlich flüssig. T-Mobile hat das erste Android-Smartphone vor einigen Tagen in den USA auf den Markt gebracht (einen ersten Test lesen Sie in Ausgabe 24 der c't).

Auch Branchen-Primus Nokia hat mit dem 5800 XpressMusic sein lang erwartetes Touchscreen-Smartphone vorgestellt. Als Betriebssystem setzt der finnische Hersteller auf das vom Organizer-System Epoc abstammende Symbian OS, mit dem seit dem Communicator alle Nokia- Smartphones ausgestattet wurden. Die Bedienoberfläche S60 ließ sich bislang jedoch nicht per Touchscreen bedienen, sondern ausschließlich über Wähl- und Funktionstasten. Das auf Multimedia ausgeclegte Touchscreen-Handy soll sich weitgehend mit dem Finger steuern lassen, kommt jedoch nicht ganz ohne Eingabestift aus. Nokia will es noch 2008 in den Handel bringen. Die Erwartungen an den Marktführer, mit einem Symbian/S60-Touchscreen-Smartphone dem iPhone Konkurrenz zu machen, sind auf jeden Fall hoch. (rop) (ll)