Web über den Wolken

Bisher stellt der mobile Nutzer seine Bindung zum Internet über GSM oder - entsprechende Technikliebe vorausgesetzt - GPRS her.

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Bisher stellt der mobile Nutzer seine Bindung zum Internet über GSM oder - entsprechende Technikliebe vorausgesetzt - GPRS her. Die Zukunft sieht mit UMTS ebenfalls nicht schlecht aus. Nur gibt es in 12 Kilometern Höhe über dem Atlantik weit und breit keine Funkzelle, die anschlussbedürftige Funker vermittelt. Ganz abgesehen davon, dass im Flugzeug umherfunken verboten ist. Die Alternative Satellitentelefon, die jetzt manchem in den Sinn kommen mag, kann man gleich wieder vergessen, weil sie erstens noch viel verbotener ist und zweitens eine direkte Sichtlinie zwischen Handset und Satellit benötigt, die in der Kabine nicht möglich ist.

Den Wunsch nach der uneingeschränkten Erreichbarkeit mag der tüchtige Geschäftsreisende trotzdem nicht aufgeben. Immerhin ist Zeit Geld und dieses will sich doch niemand entgehen lassen. Wie Analysten so schön sagen: "Die Kunden wollen Internet an Bord und sie werden die Fluglinie wechseln, um es zu bekommen". Hilfe kommt aus der Umlaufbahn: Satellitenverbindungen sind auch für Verkehrsflugzeuge erreichbar, mehr noch: Für moderne Flugleitsysteme sind sie essenziell. Eine Airline kann im Idealfall jederzeit die Positionen und den Status ihrer Flotte abfragen. Was liegt also näher, als über die bereits vorhandenen Sendeeinrichtungen auch Daten zu verschicken?

Eine simple Nachrichtenfunktion bietet die kanadische Satelliten-Firma Stratos an. Sie erlaubt den Versand kurzer Texte (um die hundert Zeichen) an einen E-Mail-Empfänger, ein Handy oder ein Faxgerät vom Sitz aus. Auf eventuelle Reaktionen muss man bis nach der Landung warten, denn der Empfang ist bei diesem System nicht vorgesehen. Dafür läuft es auf dem verbreiteten Flug-Entertainment-System MAS 2000e von Matsushita und benötigt auch keine zusätzlichen Flugzeugantennen. Maschinen, die ohnehin dieses System verwenden, können somit recht einfach um Kommunikation mit dem Boden bereichert werden. Eine Sendung schlägt mit rund zwei US-Dollar zu Buche, die einfach mit Kreditkarte beglichen werden können.

Mit hundert Zeichen kommt man bei gängigen HTML-Seiten nicht sonderlich weit, diese sind mit 20 Kilobyte aufwärts einfach zu groß. Das Kommunikationsunternehmen Tenzing aus Seattle hatte die Idee, einfach einen Webserver mit an Bord zu nehmen und nur Teile der Web-Inhalte sowie natürlich E-Mails über ein spezielles POP3-Konto abzugleichen.

Kürzlich wurde Airbus auf die Firma aufmerksam und bildete eine strategische Partnerschaft, bei der 30 Prozent von Tenzing an das Luftfahrtunternehmen gingen. Die Firma aus Seattle wird damit zum Airbus-Haus-und-Hoflieferanten für fliegende Internetlösungen.

Das Hauptproblem der Tenzing-Techniker ist die sehr geringe Übertragungsleistung ihrer Satellitenverbindung, die zwischen 9,6 kBit/s über Nordamerika und nur 2,4 kBit/s im Rest der Welt pendelt. Dafür kommt Tenzing wie die Konkurrenz bei Stratos mit bestehenden Flugzeugantennen aus.

Den Strohhalm zum Netz müssen sich alle Passagiere zudem teilen, was das Web wieder in weite Ferne zu rücken scheint. Damit keiner so richtig merkt, wie langsam das ist, arbeitet das System mit Caching. Solange der Jet am Boden steht, wird ein kleines Stückchen Internet auf den Server geladen oder aufgefrischt. Während der Reise können die Skysurfer dann auch nur auf diese Auswahl zugreifen, es besteht kein Echtzeitzugriff auf das Netz. Ausgewählte Websites wie Newsdienste und natürlich E-Mails gleicht der Server in Intervallen von höchstens 15 Minuten ab.

Abgehende Luftpost wird gesammelt, komprimiert und dann bei der nächsten Verbindung zum Boden gesandt. Dort entpackt das Tenzing-Bodennetzwerk die Post und versendet sie ins Internet. Vielschreiber seien jedoch gewarnt: Bei Flugbeginn erhält der Tenzing-Nutzer ein individuell für ihn zugeschnittenes Transferlimit.

Doch die Konkurrenz ist nicht weit. Beim Flugzeugbauer Boeing hat man mit "Connexion" bereits heute ein erprobtes Breitband-System anzubieten, welches reine Datenraten von 5 MBit/s in Richtung Flugzeug und 1,5 MBit/s von der Maschine zum Satelliten erreicht. Bei dem System, das bisher nur im Testbetrieb läuft, halten zwei ursprünglich für das Militär entwickelte Spezialantennen beständig den Kontakt zum Satelliten und erlauben einen Vollduplexbetrieb. Das funktioniert ohne lästige Nachführung der Antennen: Durch eine Phasenansteuerung kann das System die Abstrahlrichtung blitzschnell der aktuellen Fluglage anpassen.

Das alles ermöglicht eine Echtzeit-Internetnutzung, wie man sie von zu Hause oder der Firma gewohnt ist. Auch Boeing bedient sich eines Netzwerkes von Bodenstationen, die das weitere Routing ins Internet übernehmen. Obwohl die Firma selbst Satelliten herstellt, mietet sie die Übertragungskapazitäten bei anderen Betreibern an. Letztere gehören alle dem TV-Business an; deren Satelliten haben nämlich die nötige hohe Bandbreite.

Der angepeilte Kundenkreis der gut betuchten Geschäftsreisenden kann das Notebook wie im Büro in das Onboard-Ethernet einklinken und über einen Router loslegen. Auch gespeicherte Unterhaltung bezieht der Teilnehmer über das Netzwerk, wenn er denn Zeit für derart Profanes hat.

Obwohl sich das alles ganz prima anhört, hat die Boeing-Lösung auch Nachteile. Der Hersteller wollte zwar noch keine Preise nennen, doch scheint festzustehen, dass Connexion die Airlines teuer zu stehen kommt. Diese Kosten wird auch der Endkunde zu spüren bekommen: Von den Passagieren will man ähnlich hohe Minutenpreise wie Mobilfunkanbieter für ihre Handy-Gespräche.

Immerhin orientiert sich Boeing an normalen Mobiltelefonen und nicht den Satellitentelefonen an Bord, die knackige zehn Dollar die Minute kosten können. Auch mit der Flächendeckung hapert es noch etwas, denn außer den Vereinigten Staaten und dem Nordatlantik gehört noch kein Teil der Erde zum elitären Breitbandnetz. Der Luftfahrtkonzern steht jedoch in Verhandlungen mit Regierungen und Satellitenbetreibern, um den Service bald auf allen Hauptverkehrsstrecken anbieten zu können.

Dem Internet das Fliegen beibringen - das haben sich eine ganze Reihe von Airlines auf die Fahnen geschrieben. Selbstverständlich ist jeder der erste, beste und innovativste, doch mit konkreten Angeboten sieht es dann eher dünn aus, obwohl fast jede Transatlantik-Fluglinie dahin gehende Pläne verkünden kann. Es bedeutet eben einen nicht zu unterschätzenden Aufwand, hunderte von Sitzen mit Bildschirmen und LAN-Steckern zu versehen. Eine ganze Reihe von Luftverkehrsentscheidern hat sich für die günstige, aber weniger leistungsfähige Tenzing-Lösung entschieden, darunter Finnair, Virgin Atlantics, Cathay Pacifics, Singapore Airlines und Air Canada. Besonders hervorzuheben sind hier die Pläne der fliegenden Finnen, die bis 2002 ein drahtloses Netzwerk in ihren Fliegern installieren möchten. Nur die Genehmigungen hierfür stehen noch aus.

Dagegen unterstützen die drei großen amerikanischen Gesellschaften Delta Airlines, American Airlines und United Airlines die Breitbander bei Boeing. Die deutsche Lufthansa setzt ebenfalls voll auf Breitband und unterzeichnete unlängst auf der Luftfahrtmesse in Paris einen Connexion-Vertrag. Schon im Herbst 2000 rüsteten die Techniker der Lufthansa einen Airbus A 340 mit dem Connexion-System aus; sie konnten also schon erste Praxiserfahrungen sammeln.

Noch 2002 soll die erste Lufthansa-747 breitbandtauglich gemacht werden und Probeflüge absolvieren. Unter anderem wollen die beiden Partner die Nutzungsinteressen ihrer Fluggäste untersuchen, um dann im Folgejahr für den regulären Linienbetrieb gerüstet zu sein. Bis dahin ist dann auch das Satellitennetz ausreichend ausgebaut, um kurz nach dem Start in die Vereinigten Staaten lossurfen zu können, sofern alles nach Plan läuft. Wie die Finnair will auch die Lufthansa später eine drahtlose Lösung anbieten, damit Gäste sich selbst nicht durch Kabel behindern müssen, denn: ‘Im drahtlosen Verkehr liegt die Zukunft', wie die Presseabteilung der Lufthansa so schön sagt. (cgl)