Handy am Breitband

Zwei Mobilfunkbetreiber sind in Ă–sterreich mit einem funktionstĂĽchtigen UMTS-Netz online gegangen.

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  • Georg Holzer
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Zwei Mobilfunkbetreiber sind in Ă–sterreich mit einem funktionstĂĽchtigen UMTS-Netz online gegangen: Am 25. April schaltete Mobilkom (A1-Netz) sein Netz fĂĽr den Kunden frei, am 3. Mai folgte der aus Hongkong stammende Mischkonzern Hutchison Wampoa mit der Mobilfunktochter 3. In den Angebots-Portfolios der Unternehmen: jeweils ein UMTS-Handy und ein BĂĽndel an Multimedia-Diensten.

Mobilkom deckt zurzeit mit seinem UMTS-Netz nach eigenen Angaben mehr als 40 Prozent des Landes ab. Der Mitbewerber 3 bietet seine Dienste bisher nur in einigen Ballungszentren wie Wien, Graz oder auch Linz an. Verlassen 3-Kunden die versorgten Areale, können sie jedoch per Roaming im GSM-Netz von Mobilkom telefonieren und Dienste nutzen.

Beide UMTS-Netze arbeiten mit dem Kodierungsverfahren W-CDMA (Wideband Code Division Multiple Access), das fĂĽr DatenĂĽbertragungen von bis zu 2 MBit/s ausgelegt ist. Die jetzige Ausbaustufe sieht ein Maximum von 384 kBit/s vor, die in der Praxis aber noch nicht erreicht werden. Beim Surfen und Downloaden von Dateien transferieren beide Netze im besten Falle 256 kBit/s. Das liegt zwar unter den Erwartungen, ist aber ein deutlicher Sprung gegenĂĽber der maximalen Geschwindigkeit von 53,6 kBit/s einer GPRS-Ăśbertragung der Multislot-Klasse 10.

Auch an der Netzstabilität müssen die Provider noch arbeiten. Verbindungsabbrüche, Einwahlschwierigkeiten und Funklöcher in versorgten Arealen sind keine Seltenheit. Während die Übergabe von Gesprächen und Datendiensten zwischen UMTS-Basis-Stationen bei beiden Netzen keine Probleme bereitet, klappt die Übergabe von UMTS auf GSM überhaupt nicht. Gespräche und Datenleitungen reißen beim Verlassen von Gebieten mit UMTS-Versorgung unweigerlich ab. Eine Besserung der Lage dürfte so bald auch nicht zu erwarten sein. Jede Netzübergabe (Handover) muss extra definiert werden, was Zeit und Fine-Tuning in Anspruch nimmt. Bis die Handover-Verlässlichkeit eines GSM-Netzes erreicht sei, werde es noch dauern, räumt Mobilkom-CEO Boris Nemsic denn auch ein.

3 bietet seinen Kunden bisher nur das Dualmode-Handy e606 von NEC. Bei Mobilkom gibt es das Siemens U10, das baugleich mit dem UMTS-Handy Motorola A830 ist; das A830 wird unter anderem auf dem britischen Markt angeboten.

Das U10, das auch in drei GSM-Frequenzen funkt (900/1800/1900), ist für ein modernes Handy überdurchschnittlich groß. Es bringt stolze 184 Gramm auf die Waage, womit es selbst GSM-Großkaliber wie das mit etlichen Features vollgestopfte Smartphone Nokia 7650 um 30 Gramm übertrifft. Das Farbdisplay liefert mit 4096 Farben und 176 x 220 Pixeln ein scharfes Bild. Die in die Außenschale integrierte Kamera ist um 180 Grad schwenkbar und nimmt wahlweise mit einer Auflösung von 640 x 480 oder 160 x 120 Pixeln auf. Videos werden in 176 x 144 Pixeln aufgezeichnet.

Für die Speicherung von Dateien stehen 2 MByte zur Verfügung. Mit einer MMC-Speicherkarte kann der Anwender den Platz auf bis zu 128 MByte aufstocken. Zu den weiteren Features gehören JAVA, WAP 2.0, Organizer-Funktionen, der Kurzstreckenfunk Bluetooth, eine IrDA-Schnittstelle sowie ein eingebauter MP3-Player. Ferner sieht das U10 einen Datenaustausch via SyncML vor, sodass man über das Mobilfunknetz etwa auch Organizer-Daten im Internet synchronisieren kann.

Im praktischen Betrieb hinterließ das 799 Euro teure Gerät (Subventionspreis mit einjähriger Vertragsbindung) einen unausgegorenen Eindruck. Videotelefonie beherrscht es zum Beispiel überhaupt nicht, und der mitgelieferte Zweitakku ist auch dringend nötig - denn nach knapp einer Stunde Telefonie im UMTS-Netz geht dem Riesen unweigerlich die Energie aus. Die Übertragung von Videoclips lässt die Laufzeit nochmals kräftig schrumpfen. Auch braucht die Firmware offenbar noch einige Bug-Bereinigungen, da sich das Gerät während eines Gesprächs und beim Versand von MMS-Nachrichten öfters ohne ersichtlichen Grund ausschaltete. Beim Verlassen eines mit UMTS versorgten Gebietes muss der Anwender das Gerät aus- und wieder einschalten, um sich in ein GSM-Netz einzubuchen.

Das exklusiv für Hutchison gebaute Klapp-Handy NEC e606 ist mit einer Größe von 109 x 53 x 32 Millimetern um einiges filigraner und liegt mit 145 Gramm Gewicht bequemer in der Hand. Obwohl ebenfalls äußerst energiehungrig, hält es im GMS- und UMTS-Modus knapp um die Hälfte länger durch als sein Siemens-Kollege. 3 legt ebenfalls zwei Akkus bei. Dazu gibt es neben dem Standard-Ladegerät noch einen Tisch-Adapter für den Akku sowie ein Autoladegerät.

Das 65.536-Farbendisplay ist mit 132 x 162 Pixeln auch in heller Umgebung sehr gut lesbar. Für 576 Euro bekommt der Anwender ein Handy, das auch Videotelefonie meistert. Das Gerät hat dafür zwei Kameras eingebaut, die Bilder mit einer Auflösung von 352 x 288 Pixeln aufnehmen können. Der Speicherplatz für Telefonbuch, Videos, Organizer-Daten, Klingeltöne und Java-Applikationen beträgt 32 MByte und lässt sich nicht erweitern. Wer Audio abspielen will, muss dies im Windows-Media-Format tun, da NEC dem Gerät keinen MP3-Player spendiert hat. Auch wird mancher den IrDA-Port vermissen. Dafür gibt es wie beim U10 eine Bluetooth-Schnittstelle, die etwa über das integrierte Datenmodem eine Surfverbindung zu einem Pocket-PC oder Notebook aufbaut.

Das e606 ist außer für UMTS auch für den Funkbetrieb in GSM-Netzen (900 und 1800) ausgelegt. Allerdings müssen Anwender dort auf schnelle Datenübertragungen verzichten - denn das Gerät beherrscht weder den Datendienst GPRS noch HSCSD.

Beide UMTS-Netze bieten ein breites Spektrum an Videoclips an, die von Nachrichten über Sportberichte und Kino-Trailer bis hin zu Serviceangeboten reichen. Die Qualität der Videos ist bei beiden Anbietern gut. Die mit einer Bitrate von 64 kBit/s kodierten MPEG4-Filme erscheinen Display-füllend und laufen nahezu ruckelfrei ab. Während bei Mobilkom der Videostream nach nur wenigen Sekunden startet, muss bei 3 der Videoclip zuvor aufs Handy geladen werden. Der Download, der im Schnitt ungefähr 70 Prozent der Abspielzeit dauert, ist umständlicher, hat jedoch den Vorteil, dass man die Filmchen ohne extra Gebühren mehrmals betrachten kann. "Wir gehen da einen anderen Weg. Der Clip wurde bezahlt und gehört damit dem Kunden", erklärt 3-CEO Berthold Thoma.

Neben Videoclips zum Herunterladen können Kunden auch so genannte WAP-Push-Anwendungen abonnieren. Bei Mobilkom heißen sie Browser-Messages, 3 offeriert sie als Newsflash. Fällt zum Beispiel während eines Fußballspiels ein Tor, erhält der Mobilfunkkunde nur wenige Minuten später eine Nachricht und kann den Torschuss in einem Videoclip bewundern. Benachrichtigungen gibt es auch bei aktualisierten News-Angeboten, Börsenkursen und Netz-Neuigkeiten.

Videotelefonie ist aufgrund der Einschränkungen des Siemens U10 im Moment nur bei 3 möglich. Der Verbindungsaufbau funktioniert recht einfach und erfordert nur wenige Bedienschritte - die Bildqualität hingegen lässt einiges zu wünschen übrig. Das liegt an der auf 64 kBit/s beschränkten Upstream-Datenrate der Netze. In der kleinsten Bildgröße, die am Handy einstellbar ist, videotelefoniert man mit etwa zwölf Frames pro Sekunde, in der Maximal-Größe sieht man das Gegenüber mit nur vier Frames pro Sekunde über das Display hüpfen.

Für Anwender, die sich von ihrem Handy etwa zur nächstgelegenen Tankstelle oder einem Restaurant leiten lassen wollen, bieten beide UMTS-Netze die so genannten Location Based Services an. Bei 3 kann der Anwender den Lageplan auch in animierter Form angucken. Die Zell-basierte Ortung ist wie im GSM-Netz noch recht ungenau, die Unschärfe beträgt bis zu 200 Meter. Für Abhilfe werden erst Handy-Modelle mit eingebautem GPS-Modul sorgen.

Die Sprachqualität im UMTS-Netz ist ähnlich wie bei einer GSM-Verbindung. Gesprächspartner sind klar und deutlich zu vernehmen. Auch auf gewohnte GSM-Anwendungen wie SMS, WAP oder MMS muss der Anwender in den UMTS-Netzen nicht verzichten. Allerdings können 3-Kunden bisher nicht aus allen Netzen MMS- und SMS-Nachrichten empfangen beziehungsweise dorthin senden. Die nötigen Anpassungen an die Systeme der übrigen Mobilfunknetze sollen aber bis spätestens Herbst abgeschlossen sein, ist man sich bei 3 sicher.

Bei den Preisen gehen die Unternehmen unterschiedliche Wege. Mobilkom-Kunden bezahlen für UMTS keine zusätzliche Grundgebühr. Daten- und Sprachdienste kosten das Gleiche wie im GSM-Netz. Lediglich Video-Calls und -Streams will das Unternehmen nach einem gesonderten Tarif abrechnen. Dieser soll Ende Juli eingeführt werden - bis dahin bietet Mobilkom allen "UMTS-Pionieren", wie es seine 3G-Kunden nennt, die Dienste (auch GSM) kostenlos an. Ausgenommen sind lediglich Mehrwertnummern, Gespräche ins Ausland und Roaming-Kosten. Später soll der Abruf eines Video-Streifens ab 50 Cent kosten.

Der Mitbewerber 3 wiederum setzt auf Pakete, die ein gewisses Kontingent an nationalen und internationalen Gesprächsminuten, Kurznachrichten sowie Video-Downloads enthalten. Bei 3 belohnt man "Früheinsteiger" mit einem Bonus von 24 Euro auf die Grundgebühr. Außerdem sind alle WAP-Info-Dienste (ausgenommen Video-Downloads) bis Ende Juli kostenlos nutzbar.

Die dritte Mobilfunk-Generation ist in Österreich zwar gestartet, doch jedermanns Sache dürfte UMTS noch nicht sein. Videos am Handy angucken, schneller als mit ISDN mobil ins Internet -- all das ist zwar nun möglich, doch sowohl die Netze als auch die verfügbaren Endgeräte haben noch etliche Schwächen.

So erklärt sich auch, warum die Mitbewerber T-Mobile, One und tele.ring in Österreich bisher noch nicht gestartet sind. Sie wollen allesamt noch abwarten, bis es mehr und bessere Endgeräte am Markt gibt, und sehen unisono wenig Sinn in dem "Vorpreschen" der Konkurrenten. Mobilkom und 3 sind dagegen vom Erfolg ihres Vorgehens überzeugt - obwohl ihre Kundenzahlen nach eigenen Angaben erst im "dreistelligen Bereich" liegen. Mobilkom-CEO Boris Nemsic meint, gewisse Probleme beim Start eines Mobilfunknetzes müssen einfach in Kauf genommen werden: "Schließlich haben wir auch bei GSM nicht gewartet, bis es in jeder Garage funktioniert", sagte er unlängst in einem Interview. Berthold Thoma von 3 ist sogar optimistisch, bis Jahresende rund 90.000 Kunden vorweisen zu können.

Die deutschen Mobilfunkbetreiber verfolgen indes eine ähnliche Strategie wie ihre abwartenden Kollegen aus Österreich. O2 plant seine Netzöffnung im Herbst, will aber nichts überstürzen: "Die Kunden müssen zwischen genügend Handys wählen können, und die Systemtechnik muss einwandfrei funktionieren, und dies nicht nur im Labor", erklärt Unternehmenssprecher Roland Kuntze. Ähnlich auch der Standpunkt bei T-Mobile: Wir planen im dritten Quartal zu starten", sagt Pressereferent René Bresgen, "jedoch müssen Netze, Dienste und Endgeräte erst reibunglos arbeiten", alles andere bringe dem Kunde nichts. Vodafone und E-Plus wollen dann online gehen, wenn alles "den Erwartungen der Kunden entspricht" und ein Betrieb auch zu "verantworten" ist. (mur) (ll)