Mit Netz und doppeltem Boden?
Künftigen 7er-Kunden gönnt BMW keine Wahlmöglichkeit mehr: Seit November 2001 werden alle Versionen des neuen Flaggschiffs mit einem Joystick ausgeliefert.
Per WAP-Browser und Force-Feedback-Joystick soll die erlesene Klientel von BMW im Auto künftig ihre Korrespondenz erledigen oder ihre Börsenkurse verfolgen können. Im Interview erläutern die Entwickler ihre Bemühungen.
Das Display ist in der Mittelkonsole angebracht und soll laut BMW kaum vom Verkehrsgeschehen ablenken.
Umstellen musste er sich allerdings dennoch: Sämtliche von BMW so
genannten 'Komfort-Funktionen' kontrolliert der Fahrer ĂĽber ein
LC-Display, das ein angenehm schnörkelloses Flash-Menü zeigt.
Unter diesem Dach erreicht der Nutzer beispielsweise das Autoradio, das
Bord-Diagnosesystem, die GPS-Navigation oder eben den WAP-Zugang zum
Internet. Dieses Konzept mit dem Namen iDrive soll den Fahrer
entlasten, da er nur noch fĂĽr 'fahrrelevante' Funktionen eigene
Knöpfchen, Rädchen und Hebelchen bedienen muss. Stolz weisen die
MĂĽnchener darauf hin, dass man die Zahl der Bedienelemente durch das
zentrale Interface gegenĂĽber dem letzten 7er (1994) mehr als halbiert
habe.
Ob Online-Dienste, Klimaanlage oder CD-Player: Alle Komfort-Funktionen steuert der Fahrer ĂĽber den Force-Feedback- Joystick in der Mittel-Armlehne.
In der Tat wirkt das Armaturenbrett der Nobelkarosse sehr aufgeräumt. Der
Fahrer steuert 'Sekundär-Funktionen' mit dem 'Controller' (siehe Abbildung).
Das ist ein Force-Feedback-
Internet light
Markus Krieg ist Produktmanager fĂĽr Telematik und Onlinedienste bei BMW.
Wer im 7er einen Internet-Zugang erwartet, wie er ihn von zu Hause gewohnt
ist, sucht ohnehin vergebens. Ăśber den WAP-Browser ist lediglich ein
BMW-eigenes Portal ('ConnectedDrive') erreichbar, das am heimischen PC
individuell angepasst werden kann. Das Display zeigt alle abrufbaren
Informationen wie Wetter, personalisierte Börsenkurse oder Nachrichten
auf Schlagzeilen verkĂĽrzt an, um den Fahrer nicht lange abzulenken.
E-Mails lassen sich derzeit nur mit vorgefertigten Einzeilern beantworten.
Hier ist allerdings eine Erweiterung in Planung. Das
Unified-Messaging-Konto ('user@bmw-online.de') wird von BMW-Partner
Vodafone Passo gestellt und soll alle gängigen Features wie
POP3/SMTP-Zugriff oder E-Mail-Weiterleitung beherrschen.
Nach Aussagen der MĂĽnchner Autobauer sollen mittelfristig alle Marken
und Modelle der BMW-Group mit diesem Zugang ausgestattet werden. Im
Gespräch erläutern Ulrich Selzer (Projektleiter 'ConnectedDrive')
und Markus Krieg (Produktmanager 'Onlinedienste') ihr neues Konzept:
heise mobil: Herr Krieg, werden besondere Voraussetzungen nötig sein, um den Internet-Zugang im 7er zu benutzen?
Krieg: Der Kunde braucht für den Zugang nur seine herkömmliche SIM-GSM-Karte des Mobilfunkanbieters. Die steckt er im Auto in das integrierte Telefon. Wenn er dann im Menü 'BMW-Online' anwählt, muss er Nutzernamen und Passwort eingeben, dann geht's los.
heise mobil: Mit dem Controller eine Adresse über die virtuelle Tastatur einzugeben, ist eine frickelige Angelegenheit. Glauben Sie nicht, dass diese Schnittstelle den Fahrer ganz schön ablenkt?
Krieg: Wir weisen ihn ja darauf hin, dass er die Eingabe nur tätigen sollte, wenn es die Fahrsituation erlaubt. Künftig wird es aber zusätzlich ein Auto-Login geben, das heißt, der Fahrer wird nicht bei jeder Nutzung des Dienstes sein Passwort eingeben müssen.
heise mobil: Ihr Zugang nutzt ausschlieĂźlich WAP. Ist das alles, wass man unter dem Stichwort 'Internet im Auto' von BMW erwarten darf?
Ulrich Selzer leitet bei BMW das Projekt ConnectedDrive.
Selzer: Unsere Kundenbefragungen haben ergeben, dass die Leute im
Auto eigentlich gar nicht frei surfen wollen. Sie wollen wissen: Wo ist die
nächste Tankstelle oder das nächste japanische Restaurant. Das
Stichwort lautet 'Location-Based Services'. Oder aber sie wollen
personalisierte Dienste wie die aktuellen Börsenkurse aus dem eigenen
Portfolio. Wir halten einen HTML-Browser im Auto - zumindest nach dem
heutigen Stand - nicht für nötig.
heise mobil: Glauben Sie nicht, dass das Navigieren mit dem iDrive-Controller durch diverse Flash-MenĂĽs den Fahrer stark vom Verkehrsgeschehen ablenkt?
Selzer: Gerade lassen wir von Testfahrern untersuchen, wie sehr der Online-Zugang vom Verkehrsgeschehen ablenkt. Wir sind bisher mit den Ergebnissen sehr zufrieden, weil wir festgestellt haben, dass unser iDrive-Bedienkonzept den Fahrer gegenüber herkömmlichen Bedienelementen sogar entlastet.
heise mobil: Fahrer, die bei Tempo 200 durch das MenĂĽ navigieren, sind also nicht abgelenkt?
Selzer: Doch, das ist natürlich schon so. Aber die bisherigen Tests zeigten, dass die Fahrer sehr bald auf das System eingespielt sind. Auch bei Fahrzeugen mit einem herkömmlichen Navigationssystem schaut der Fahrer niemals lange auf den Bildschirm. Aus Gründen der Ablenkung haben wir übrigens dem Konzept des Online-Zugangs via PDA den Rücken zugekehrt. Unser Display ist ergonomisch optimal genau im Blickfeld des Fahrers und Beifahrers angebracht, ohne dass er den Kopf neigen muss.
heise mobil: Aber wenn der Fahrer die ihm gebotenen Informationen ansieht, kostet ihn das doch zwangsläufig Konzentration.
Selzer: Sie müssen unterscheiden zwischen Push-Daten und Pull-Daten. Beim Push-Medium Fernsehen etwa passiert eben ständig etwas auf dem Schirm. Da kommen Sie gar nicht drum herum, ständig hinzugucken. Pull-Daten, wie wir sie ausschließlich anbieten, 'stehen' auf dem Display, bis Sie eine neue Abfrage starten. Aus diesem Grund gibt es beispielsweise auch keinen Börsenticker in Form eines ständig rotierenden Laufbandes auf dem 7er-Display.
heise mobil: Lässt sich der Zugang denn per Sprache steuern?
Krieg: Grundfunktionen des WAP-Browsers, wie 'Home' oder 'zurück' werden sich per Sprache anwählen lassen. Eine dynamische Spracherkennung ist leider heute qualitativ immer noch nicht auf dem Stand, dass wir ein solches System für einsetzbar hielten. Im 7er wird das folglich noch nicht angeboten. Bisher verlangen diese Systeme einfach zu viel Hardware-Performance. Heute lastet ein Spracherkennungssystem noch locker einen Pentium IV voll aus.
heise mobil: Wie beantworten die Fahrer dann ihre E-Mails?
Krieg: Unsere Klientel, gerade beim 7er, sind Leute, die zwar viele E-Mails erhalten, aber relativ wenig schreiben oder zumindest oftmals mit Standard-Einzeilern reagieren. Wir bieten solche Standardantworten an. Wenn sie später einmal E-Mails direkt diktieren können, werden sie das vielleicht auch tun. Nachgefragt ist das momentan nach unseren Nutzerstudien aber nicht.
heise mobil: Glauben Sie eigentlich wirklich, dass die Fahrer Ihrer Luxuskarossen 'always on' sein wollen?
Krieg: Unsere Kunden wollen IT im Fahrzeug, das wissen wir. Das macht ihnen das Leben leichter. Okay, beim 7er handelt es sich um eine spezielle Klientel. Unsere Kunden arbeiten im Durchschnitt zehn bis zwölf Stunden täglich. Für die ist Zeit kostbarer. Und wenn wir sie im Auto dabei unterstützen, ihren Tag besser zu organisieren, nehmen sie das dankbar an.
heise mobil: Im 7er haben Sie 'Shift by Wire' eingefĂĽhrt, also die mechanische Kopplung von Fahrer und Schaltung abgeschafft. Der Automatik-Hebel sitzt am Lenkrad. Halten Sie es denn fĂĽr sinnvoll, immer mehr sicherheitsrelevante Fahrzeugkomponenten ausschlieĂźlich vom Rechner steuern zu lassen?
Selzer: Ja, denn die Systeme sind mehrfach redundant ausgelegt. Sie stiften Nutzen und sorgen für zusätzliche Sicherheit.Wir haben klar getrennt zwischen den Entertainment-Funktionen, die am MOST-Bus ('Media-Oriented System Transport Bus', Anm. d. Red.) hängen, und den sicherheitsrelevanten Funktionen, die an einem komplett abgekoppelten Bus hängen. Das Gateway zwischen den beiden Strängen ist nur nach einer Seite offen. Sie können die Automotive-tauglichen Rechnersysteme ohnehin nicht mit PCs oder Ähnlichem vergleichen. Da stecken wesentlich mehr Sicherungsmechanismen, Redundanzfunktionen und Notfallstrategien drin, als man das von zu Hause mit seinem Windows gewohnt ist. Dass im Leben aber trotzdem nicht alles immer 100-prozentig sicher sein kann, dürfte klar sein.
heise mobil: Glauben Sie, dass jetzt das Ende dessen erreicht ist, was man dem Fahrer im Verkehrs-Alltag noch an MenĂĽs und Technik zumuten kann?
Krieg: Nein, wir bieten doch nur ein Mehr an Auswahl, keineswegs ein Mehr an Dingen, die der Fahrer gleichzeitig tun muss. Was jetzt im 7er realisiert ist, war quasi unsere Hausaufgabe, also die Dinge, nach denen viele Menschen heute ohnehin ständig fragen. Der große Schritt für den Kunden wird jetzt sein, dieses Angebot anzunehmen und es entsprechend zu nutzen. Und dann werden wir ihn fragen, was er außerdem gerne hätte.
heise mobil: Und was genau könnte das sein?
Krieg: Zum Beispiel die Frage nach bestimmten neuen internetbasierenden Diensten. Aber das Thema Vernetzung bietet bei den fahrzeugnahen Themen doch unendlich viele Möglichkeiten. Wenn das Auto weiß, wo es ist, können wir daraus sehr viel ableiten. Zum Beispiel könnte das Fahrzeug nachts wissen, wann eine Kurve kommt, und die Front entsprechend ausleuchten oder das Fahrwerk an die online eingespeiste Straßenbeschaffenheit anpassen. Es könnte seine gesammelten Daten auch mit dem Gegenverkehr austauschen, sodass der dann entsprechend reagieren kann. Wir sind dabei, solche Systeme zu entwickeln und zu erproben.