Pocket PC auf Sendung
Die halbherzigen Versuche, ein PDA-Betriebssystem um Mobilfunkfähigkeit zu erweitern, sind Vergangenheit: Microsoft hat mit der Pocket PC Phone Edition eine Plattform vorgestellt, die GPRS- und PDA-Funktionen aus einem Guss liefert.
- Dr. JĂĽrgen Rink
Die halbherzigen Versuche, ein PDA-Betriebssystem um Mobilfunkfähigkeit zu erweitern, sind Vergangenheit: Microsoft hat mit der Pocket PC Phone Edition eine Plattform vorgestellt, die GPRS- und PDA-Funktionen aus einem Guss liefert.
Während einige Smartphones mit Symbian OS und Palm OS schon jetzt überzeugen, sah es bei den Pocket PCs bislang trübe aus - vor allem deshalb, weil es beim Zusammenspiel von Mobilfunkeinheit und Pocket PC hakelte. Das will Microsoft ändern und hat deshalb sein GSM-fähiges PDA-Betriebssystem Pocket PC Phone Edition vorgestellt, das GPRS und Pocket PC zusammenbringt.
Unsere ersten Tests dieser Plattform mit dem xda von Viag Intercom und Jornada 928 WDA von HP verliefen zufrieden stellend. Neben den üblichen Pocket-PC-Anwendungen (PIM, Office, Multimedia, IE, Mail-Client) enthält die Phone Edition einen SIM-Manager, um die auf der SIM-Karte gespeicherten Nummern in die Pocket-PC-Adressdatenbank zu holen. Über die Anwendung Telefon in Einstellungen nimmt man alle die Konfigurationen vor, die ein Mobiltelefon üblicherweise hat, einschließlich Klingeltöne und PIN-Sicherheit.
Viel interessanter als bloßes Wählen ist die Integration der GSM-Funktionen in PDA-Anwendungen: Alle wählbaren Telefonnummern und E-Mail-Adressen listet der Pocket PC in den Kontakten als Hyperlinks auf. Ein Klick darauf und man kann sofort eine SMS oder E-Mail senden oder eine Nummer anrufen. Hat der Hersteller eine Faxsoftware installiert (sie gehört nicht zur Phone Edition), dann sind auch die Faxnummern mit der entsprechenden Anwendung verlinkt. Sofern der Gesprächspartner schon im PDA eingetragen ist, kann der mobile Nutzer während des Telefonats Notizen eingeben und Gesprächsmitschnitte aufnehmen, die mit dem Adresseintrag verknüpft sind. Nach der nächsten Synchronisation mit dem PC listet Outlook diese Anhänge im entsprechenden Adressenfeld auf.
Wie weit das Zusammenspiel von PDA und Mobiltelefon geht, zeigt exemplarisch der Media Player, wenn er Musik abspielt und der Pocket PC plötzlich einen Anruf empfängt: Der Media Player pausiert, solange es bimmelt und solange gesprochen wird. Die Feldstärke des genutzten Mobilfunknetzes zeigt übrigens die Task-Leiste an.
Wie schon die jetzt erhältlichen Pocket PCs hat auch die Phone Edition einen Internet Explorer zum Surfen und einen E-Mail-Client. Ob sich solche Smartphones durchsetzen, hängt neben dem Funktionsumfang auch entscheidend von der Hardware ab. Insbesondere das Design ist wichtig, denn es ist nicht jedermanns Sache, ein im Vergleich zu aktuellen Handys monströses Gerät in üblicher PDA-Größe ans Ohr zu halten.
Auch der getestete xda von Viag Intercom (zukünftig O2) mit seiner abgerundeten Form, der für einen Pocket PC überraschend handlich ist, fällt noch am Ohr auf. Besser, man nutzt die Freisprecheinrichtung, zumal man sonst nach jedem Gespräch das Display säubern muss, weil das Ohr darauf drückt. Leider ist der Headset-Anschluss unten angebracht, was für die meisten Nutzer unpraktisch sein dürfte.
Der xda hat IrDA und einen Slot für eine SD-Karte. Ihm fehlt die praktische Wipptaste für die Einhandbedienung an der Seite. Das Display ist äußerst hell, aber ein wenig kleiner als zum Beispiel die Anzeige in den Compaq iPAQs. Das Smartphone soll bald in die Viag-Intercom-Shops kommen.
Auf den Jornada 928 WDA von Hewlett-Packard muss man dagegen noch etwas länger warten. WDA steht übrigens für Wireless Digital Assistant. Der xda dürfte eines der handlichsten Pocket-PC-Geräte sein - der Jornada 928 ist dagegen das größte Smartphone, das wir bislang sahen. Er ist sogar etwas länger als der große Pocket PC iPAQ 3870 von Compaq.
Dafür hat er oberhalb des normalen PDA-Displays eine weitere, schmale Anzeige für Informationen rund um den drahtlosen Telefonverkehr. Dieses zweite Display zeigt die Nummer an sowie weitere Mobilfunkeinstellungen. HP nutzt den üppigen Platz im PDA für zwei Hauptakkus, von denen einer auswechselbar ist. Eine CF-Karte vom Typ I kommt in den Slot oben hinein, eine dickere Typ-II-Karte wie zum Beispiel das IBM MicroDrive passt aber nur, wenn ein Plastikschieber zusätzlich zum CF-Dummy entfernt wird. Trotz der Gerätegröße ist das Display nicht größer als das im xda und hat ebenfalls die üblichen 240 x 320 Bildpunkte.
Ein stabiler Deckel gehört zum Lieferumfang. Dieser kann während des Telefonierens geschlossen bleiben und das Display bleibt damit auch dann sauber, wenn das Gerät am Ohr klebt. Der Jornada 928 hat aber auch einen Anschluss für ein Headset.
Fazit
Die erste Funktionsüberprüfung der Pocket PC Phone Edition hat überzeugt - jetzt müssen nur noch die horrenden GPRS-Kosten fallen. Wenn die Akku-, Standby- und Gesprächslaufzeiten stimmen, dann können damit ausgestattete Geräte erfolgreich sein. Bei den bislang verfügbaren Prototypen machten Laufzeitmessungen allerdings noch keinen Sinn - wir warten deshalb gespannt auf die Seriengeräte. Die Lizenznehmer von Microsoft haben jedenfalls jetzt eine Plattform in der Hand, um im zukünftigen Smartphone-Markt ihre Geräte zu platzieren.
Doch die Konkurrenz ist stark: Nokia hat mit dem 9210 Communicator (Symbian OS/ Epoc) ein Erfolgsgerät mit der viel günstigeren HSCSD-Verbindung im Programm. Das kleine und handliche GPRS-Smartphone Treo mit Palm OS hat ebenfalls gute Chancen.
Das Hauptabsatzfeld der PDAs mit Pocket PC Phone Edition dürfte zunächst bei Firmen liegen, wo die Microsoft-PDAs schon jetzt immer öfter zu finden sind. Mit Preisen zum Teil weit oberhalb der 600-Euro-Marke haben es die Pocket PCs bei den Privatkunden sowieso schwer. Bei den Smartphones - ob Pocket PC Phone Edition oder eine andere Plattform - werden in Zukunft jedoch immer mehr die Mobilfunkbetreiber über Erfolg und Misserfolg entscheiden, indem sie solche Geräte wie schon die Handys kräftig subventionieren und mit Kartenverträgen verknüpfen. (jr)