Webserver mobil

Dass es lange Zeit keinen Webserver für Smartphones gab, lag eigentlich nur an fehlenden Einsatzgebieten - denn Ausstattung und Rechenleistung reichen bei den Hemdtaschenbewohnern für den Serverbetrieb aus.

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Dass es lange Zeit keinen Webserver für Smartphones gab, lag eigentlich nur an fehlenden Einsatzgebieten – denn Ausstattung und Rechenleistung reichen bei den Hemdtaschenbewohnern für den Serverbetrieb aus. Das Nokia Research Center hat nun interessante Anwendungsgebiete gefunden und einen Webserver mitsamt viel versprechenden Beispielapplikationen entwickelt.

Einen Webserver auf einem Mobiltelefon zu betreiben hat auf den ersten Blick nur den Reiz einer technischen Herausforderung, denn übliche, im kabelgebundenen Internet residierende Webserver gibt es ja schon massenhaft und für eine Vielzahl von Anwendungen. Geht man jedoch vom typischen Datenbestand von Mobiltelefonen aus, werden neue, Mobilfunk-spezifische Webserver-Anwendungen denkbar. Der Schlüssel dazu sind persönliche Handy-Daten und Handy-Funktionen wie eine eingebaute Kamera.

Das Nokia Research Center hat dafür den Apache Webserver auf Smartphones mit dem Symbian-Betriebssystem und der Oberfläche Series 60 portiert (2nd und 3rd Generation); das aus mehreren Elementen zusammengesetzte Paket heisst Raccoon. Für die Portierung wurde die Unix-Version von Apache eingesetzt, weil Symbian einen Posix-Layer mit Unix-Grundfunktionalität mitbringt.

Erste Gehversuche absolvierte Raccoon bereits im Jahr 2004 und nun läuft er stabil. Die derzeit erhältliche Version lässt sich dank vorgefertigter SIS-Archive und einigen kleinen Kniffen leicht einrichten. Angesichts der aktuellen Preise für mobile Datenverbindungen haben die Anwendungen für die meisten Handynutzer zwar nicht mehr als Experimentiercharakter, aber das Potenzial ist leicht erkennbar: Handy-Eigner können ihr Telefon als mobile Webcam einsetzen, die Adressdatenbank ihres Telefons per Mausklick mit Daten füttern, die sie bei Web-Streifzügen auf dem PC sammeln, oder auch den Browser mitsamt dem PC als Wählhilfe für das Handy nutzen.

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Termin-Check übers Internet: Hat man den Webserver Raccoon auf einem Smartphone installiert, kann man zum Beispiel den Terminkalender des Mobiltelefons mit einem beliebigen Webbrowser anzeigen. Vergrößern

Legt man Kalenderdaten passwortgeschützt als mobile Webseiten zum Abruf bereit, können sich etwa Mitarbeiter über die Terminplanung eines Außendienstlers informieren, ohne ihn bei Kundengesprächen zu stören. Auf ähnliche Weise kann man mit GPS-fähigen Handys den Aufenthaltsort preisgeben. Und anders als übliche Websites haben die mobilen Webseiten ihren Administrator immer in der Nähe. Eine Liste der bisher implementierten Funktionen finden Sie in der Tabelle.

Im Test ließ sich Raccoon auf einem Nokia N80 reibungslos nutzen; auf einem Nokia E70 lief der Server zwar, aber passwortgeschützte Abfragen klappten grundsätzlich nicht.

Nokia hat auch das Apache-Modul für die Steuerung über Python-Skripte portiert – so kann man anhand von Python Server Pages (PSP) leichter mit Apache experimentieren.

Raccoon bringt eine Hand voll Apache-Module mit (etwa für die Authentifizierung) und auch einige spezielle, eigens für Serie 60 entwickelte. Welche das sind, zeigt ein Blick in die Quelltexte. Die aktuelle Version 0.9.2 gibt es auf sourceforge.net und der Python-Interpreter gehört dazu. Wer Python auf seinem Serie-60-Handy bereits installiert hat, sollte sicherstellen, dass auch die PythonScriptShell dabei ist.

Zusätzlich muss man für Raccoon die Sicherheitsstufe für die Installation herabsetzen (System, Programm-Manager, Optionenmenü, Software-Installation, alle), denn die Software bringt nur ein selbstunterzeichnetes Zertifikat mit, was bei Grundeinstellungen die Installation verhindert. Weil bei Raccoon die Pfade fest vorgegeben sind, muss man das Paket in den Handy-Speicher installieren; der Betrieb von einer Speicherkarte aus scheitert.

Nach der Installation findet sich die Software im Ordner "Persönlich". Hat man den Server gestartet, lässt er sich zunächst nur über die lokale IP-Adresse des Handys etwa mit dem eingebauten Webbrowser ansprechen (127.0.0.1), denn Handys bekommen beim Einbuchen ins Internet üblicherweise nur eine Adresse aus einem privaten IP-Adressraum. Aus dem öffentlichen Internet kann man daher zunächst nicht darauf zugreifen, denn private IP-Adressen werden nicht ins öffentliche Internet geroutet.

Hürdenlauf

Prinzipiell wäre es möglich, ein im Internet eingebuchtes Handy mit einem zweiten Handy anzusurfen, das eine Adresse aus dem gleichen privaten Adressraum hat. Das scheitert aber zumindest in den deutschen Mobilnetzen, weil Firewalls den internen IP-Verkehr zwischen den Handys unterbinden.

Für Zugriffe aus dem öffentlichen Internet setzt Nokia die Reverse-Proxy-Technik ein, bei der ein im Handy installierter Client (Connector) eine HTTP-Verbindung zu einem Reverse Proxy im öffentlichen Internet aufbaut; für diesen Zweck gibt es einen eigenen Menübefehl im Raccoon-Server. Zusätzlich läuft auf dem Reverse Proxy ein DynDNS-Service, über den man einem Raccoon-Server einen DNS-Namen zuweisen kann. Steht die Verbindung, leitet der Proxy HTTP-Anfragen an das Handy weiter. Der Quellcode für den Proxy ist veröffentlicht. Wer sich die Installation des Proxys auf einem eigenen, öffentlichen Server ersparen will, kann nach einer formlosen Anmeldung einen Test-Proxy von Nokia nutzen.

Innerhalb weniger Stunden erhält man die Zugangsdaten inklusive der öffentlichen Webadresse des Handys und kann dann mit einem beliebigen Webbrowser darauf zugreifen; die Anwendungen sind auf der Seite "Concept Demos" zusammengefasst. Persönliche Daten wie den Kalender oder das Adressbuch stellt der Server in der Grundeinstellung erst nach Authentifizierung anhand der Konfigurationsdatei users zur Verfügung. Die Datei findet sich neben anderen im Ordner C:\Data\Apache\conf und von Haus aus sind keine berechtigten User eingetragen.


Webserver-Anwendungen
BezeichnungAnwendung
NotepadNotiz in Weblog schreiben
MessageNachricht in Inbox schreiben
Instant MessageKurznachricht aufs Display senden
FotoBildaufnahme durch Handy-Nutzer
WebcamAbruf von Einzelbildern
KalenderEinsicht in Termindatenbank
AdressenEinsicht in Adressdatenbank
MitteilungenEinsicht in SMS-Datenbank
LogsEinsicht in Anrufregister
ContactBrowserPluginÜbertragung von Adressen vom PC zum Handy
Download ImagesBilder aus dem Speicher laden
WebDAVHandy-Speicher als lokales Laufwerk mounten

Stapellauf

Mit Bordmitteln lassen sich die Dateien aber nicht editieren, denn die vorinstallierte Textverarbeitung aus dem Office-Ordner akzeptiert nur Dateien mit .doc- und .txt-Endungen. Wir haben stattdessen das kostenlose Tool PyEdit eingesetzt, das zusätzlich die Bibliothek uitricks benötigt.

Wegen der Mäusetastaturen und Mini-Displays der Handys wird man zu dieser Lösung wohl nur in Notfällen greifen oder höchstens noch zum Einrichten von authorisierten Nutzern. Hat man nämlich diese Hürde überwunden, kann man das Apache-Verzeichnis per WebDAV auf einem PC mounten und die Konfiguration vom PC aus vornehmen. Es genügt ein Editor, der ASCII-Daten schreibt. Ohne Umweg übers Internet gehts natürlich auch, wenn man einen Windows-PC mit eingerichteter Nokia PC Suite per USB oder Bluetooth mit dem Handy koppelt.

Ein interessantes Lern- und Experimentierfeld findet man in der Datei httpd.conf, aus der ersichtlich wird, dass die Zugriffe auf Handy-Funktionen und Inhalte weitgehend über spezielle Apache-Module erfolgen. Interessant sind auch zahlreiche, zunächst auskommentierte Bereiche, die etwa eine Webcam-Steuerung mit unterschiedlichen Kameraparametern erlauben (Auflösung, Farbanzahl). Wer schon Erfahrung mit Apache hat, wird sich leicht zurechtfinden. So ist etwa der Pfad für den WebDAV-Zugriff nur in der Grundeinstellung auf das Apache-Verzeichnis eingeschränkt. Wer will, kann bestimmten Nutzern auch den Zugriff etwa auf die gesamte Speicherkarte gewähren.

Mit üblichen Web-Editoren lassen sich für Raccoon wie für herkömmliche Server innerhalb kurzer Zeit persönliche mobile Homepages aufsetzen. Freilich folgt man dabei der vom PC bekannten Herangehensweise; lediglich die Übertragung der Inhalte auf den Server unterscheidet sich. Wer zusätzlich zu den Demo-Applikationen den im Handy vorhandenen Inhalt in Webseiten einbetten will, muss das in Handarbeit erledigen. Man darf gespannt sein, ob Nokia eine automatisierte Umgebung für solche Zwecke auf die Beine stellen wird – oder ob Geeks den Finnen zuvorkommen.

Aussichten

Teure Datentarife stehen einer breiten Nutzung noch entgegen. Auch macht der Abruf der zumeist noch kleinen Datenmengen wegen der geringen Sendegeschwindigkeiten der aktuellen Geräte und Netze nicht so recht Spaß. HSUPA und günstigere Tarife könnten Raccoon aber eine spannende Zukunft bereiten; manchem Unternehmen dürfte der Mini-Server indes schon jetzt, trotz seines Experimentierstadiums, wertvolle Dienste leisten. (dz)