China verrät sich

Forscher glauben, dass sich aus den Zensurmaßnahmen im Reich der Mitte auf geheime strategische Entscheidungen schließen lässt.

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Von
  • Jens Lubbadeh

Um den Zusammenhang aufzudecken, hatten Wissenschaftler um Gary King von der Harvard University mehrere Millionen Postings von 1400 Social-Media-Seiten analysiert. Sie konzentrierten sich dabei auf 85 für Chinas Machthaber besonders sensible Begriffe. Darunter findet sich der Name des Künstlers und Dissidenten Ai Weiwei, aber auch Kombinationen wie „Google und China“ oder „Arbeiterstreik und Honda“. Verschärft sich bei Blogs mit diesen Begriffen die Zensur, ist das King zufolge ein Zeichen für einen nahenden staatlichen Eingriff. „Es gibt Beispiele, die glasklar zeigen, dass die chinesische Regierung kurz davor ist zu handeln“, betont King gegenüber der aktuellen Ausgabe von Technology Review (hier bestellbar).

Beispiel Bo Xilai: Der ehemalige Bürgermeister der Millionenstadt Chongqing und Kandidat für ein Spitzenamt in der Kommunistischen Partei geriet vergangenes Jahr in einen Strudel aus Korruptionsvorwürfen und Mordermittlungen. Sein Polizeichef hatte Bos Frau bezichtigt, einen britischen Geschäftsmann umgebracht zu haben. Fünf Tage bevor Bo den Polizeichef absägte, zeigte Kings Software eine rasch ansteigende Zensurkurve für Blogs an, die Bo Xilai zum Thema hatten. Der Trend hielt mehrere Tage an.

Ähnliche Muster hat es Kings Studie zufolge bereits mehrere Male vor großen politischen Entscheidungen gegeben. So nahm die Internetzensur zu, bevor Ai Weiwei 2011 festgenommen wurde. Der Forscher ist daher überzeugt: Das Werkzeug ist eine der bislang besten Methoden, größere strategische Schritte Pekings vorherzusagen, ohne dass sich ansonsten äußere Anzeichen ergeben.

Das Interesse einer US-Regierungsbehörde jedenfalls ist geweckt. Welche, will er nicht verraten. Aber die Gespräche liefen bereits. „Wenn ich mit der chinesischen Regierung verhandeln müsste, würde ich mir vorher unsere Kurven an die Wand hängen“, meint King.


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(jlu)