Virtuelle Populationen für Medikamententests

Die britische Firma Simcyp erhofft sich von seinem pharmakokinetischen Computerprogramm für Kinder aufgrund einer EU-Verordnung den Durchbruch für virtuelle Medikamententests.

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Von
  • Florian Rötzer

Medikamente werden für die Zulassung zunehmend auch an virtuellen Menschen getestet. Das zumindest erhofft sich die britische Firma Simcyp, die Computermodelle für die Aufnahme, Verteilung, den Metabolismus und die Ausscheidung von medizinischen Wirkstoffen für unterschiedliche Personengruppen (virtuelle Populationen) anbietet.

Den Durchbruch soll eine seit 2007 in Kraft getretene EU-Verordnung bringen, die strengere Tests für die Zulassung von Medikamenten für Kinder verlangt. Bislang wurden mehr als die Hälfte der Medikamente, die Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren verschrieben werden, zuvor nicht an diesen getestet, sodass es den Ärzten überlassen blieb, welche Medikamente sie ihnen in welcher Dosis verschreiben. Bei einer Überdosierung, wie sie nach jüngsten Untersuchungen gar nicht so selten vorkommt, kann dies gefährlich werden. Nun müssen alle Medikamente, die für Kinder zugelassen werden, auch durch entsprechende klinische Tests geprüft worden sein. Dafür wird das Patent, normalerweise 20 Jahre gültig, um ein halbes Jahr verlängert.

Simcyp macht sich Hoffnungen, dass mit den Computersimulationen die erforderlichen klinischen Tests wenn schon nicht ersetzt, so doch wesentlich billiger und schneller durchgeführt werden können. Man habe für Kinder ein physiologisch basiertes pharmakokinetisches Programm (PBPK) mit vielen demografischen und entwicklungsphysiologischen Daten respektive ontogenetischen Wegen des Medikamentenabbaus entwickelt. Das Unternehmen behauptet, berichtet die Times, dass man mit solchen Computermodellen die richtige Dosierung, die Aufnahme und mögliche Nebenwirkungen genau vorhersagen könne.

Nach Amin Rostami, Professor für Systematische Pharmakologie der University of Sheffield und Forschungsdirektor von Simcyp, können Computer aufgrund von Laboruntersuchungen die Interaktion zwischen Substanzen und Körpern replizieren. Da Kinder sich nicht selbst als Versuchspersonen melden können und Eltern aus Sicherheitsgründen zögerlich sein dürften, ihre Kinder an wirklichen Tests teilnehmen zu lassen, sei das Computermodell eine Möglichkeit, "ethische und praktische Probleme zu umgehen, die mit der Durchführung von klinischen Tests an jungen Versuchspersonen entstehen".

Allerdings könnten, meint Rostami, virtuelle Versuche klinische Tests nicht völlig ersetzen. Sie könnten aber doch die Zeit bis zur Entwicklung eines neuen Medikaments erheblich verkürzen, beispielsweise beim Entwerfen von klinischen Studien. Kein Wunder ist jedenfalls, dass zu den Kunden von Simcyp große Pharmakonzerne wie Pfizer, Astra-Zeneca, Eli Lilly oder Novo Nordisk gehören. (fr)