Fortschritt ausgebremst
Dank Angela Merkel sind schärfere Abgasrichtlinien für Autos vom Tisch. Dabei hätte man beides haben können: Gute Umwelt- und gute Industriepolitik.
- Robert Thielicke
Dank Angela Merkel sind schärfere Abgasrichtlinien für Autos vom Tisch. Dabei hätte man beides haben können: Gute Umwelt- und gute Industriepolitik.
Ein Ausstoß von 95 Gramm Kohlendioxid pro gefahrenem Kilometer wollte die EU bis 2020 für Neuwagen vorschreiben. Das war der Bundeskanzlerin zu heikel, denn die deutschen Hersteller sind weit von diesem Wert entfernt. BMW liegt bei 143 Gramm, Mercedes bei 153 Gramm und Porsche – wen wundert es – bei 202 Gramm. Sie hätten sich also anstrengen müssen. Das aber wollten sie nicht und schickten statt ihrer Ingenieure lieber ihre Lobbyisten ins Rennen. Dabei hätten 95 Gramm Kohlendioxid-Ausstoß keineswegs die Fiat-Pandaisierung des Volkes bedeutet.
Das zeigt ein Blick in die Statistik der Neuzulassungen des Kraftfahrtbundesamtes. Bereits heute fahren Autos auf Deutschlands Straßen, die den Grenzwert für 2020 einhalten – und dabei eine durchaus annehmbare Größe und Motorleistung aufweisen. Die Prius-Flotte von Toyota beispielsweise liegt bei 86 Gramm, weil ihr Hybridantrieb beim Bremsen Energie zurückgewinnt, in eine Batterie an Bord speist und als Antriebshilfe nutzt. Das Modell Prius Plus, immerhin ein Großraum-Van, kommt bei 99 PS immer noch auf 101 Gramm. Dass bis 2020 nicht noch sechs Gramm weniger möglich sind, dürfte kaum jemand bezweifeln.
Hier geht es nicht darum, Werbung für Toyota zu machen. Sondern zu zeigen, was technisch schon heute möglich ist - wenn man den Fortschritt nicht ausbremst wie es die deutschen Hersteller mit ihrer Blockadehaltung tun. Die niedrigen Kohlendioxid-Werte bei Hybridantrieben mögen kritisch zu sehen sein. Auf langen Strecken verflüchtigt sich etwa der Vorteil, weil kaum Energie durch Bremsen zurückgewonnen wird – der Motor aber durch das zusätzliche Batteriegewicht mehr leisten muss. Doch die meisten Strecken legen die Deutschen in Städten oder ihren Randgebieten zurück. Aber nicht nur deshalb ergibt der Hybridantrieb Sinn. Er ist eben auch der Einstieg in die Elektromobilität, die die Bundesregierung zumindest nach außen hin so massiv fördert. Deutsche Hersteller bieten zwar Hybrid-Modelle an, aber so zögerlich, das sie am Markt kaum eine Rolle spielen. Von den 21438 Hybrid-Modellen, die 2012 hierzulande neu zugelassen wurden, stammten von ihnen gerade einmal 3388. Eine Grenze von 95 Gramm Kohlendioxid würden den Markt merklich beleben – und die deutschen Autofirmen könnten zeigen, wie innovativ sie wirklich sind. Groß geworden sind sie schließlich nicht durch Blockade, sondern durch Erfindergeist. (rot)