Das Zeitalter der Geheimnislosigkeit

Viel ist gerade wieder vom Geheimnis die Rede, von Geheimdiensten, Misstrauen und Macht. Ein paar Betrachtungen am Rande.

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Von
  • Peter Glaser

Viel ist gerade wieder vom Geheimnis die Rede, von Geheimdiensten, Misstrauen und Macht. Ein paar Betrachtungen am Rande.

DIE DATEN-BURKA. Es gibt eine verblüffende Parallele zwischen Datenschützern und islamischen Konservativen. Während Fundamentalisten ihre Vorstellung von Geheimhaltung, die vor allem den Körper der Frau betreffen, materiell durch Kopftuch und Schleier manifestieren, ist die beide Geschlechter umfassende elektronische Verhüllung der Privatheit, die Daten-Burka, nicht sofort zu erkennen.

DIE GEHEIMNISINDUSTRIE. Information effizient zum Verschwinden zu bringen gehört zum bemerkenswerten Leistungsangebot der Geheimnisindustrie. Sie wächst seit Jahren unerkannt im Schatten jener Leitvorstellungen, die sich um den Begriff "Informationsgesellschaft" versammelt haben. Diese Geheimnisindustrie hat nur noch wenig zu tun mit verdeckten Operationen aus den Zeiten des Kalten Kriegs. Das Geheimnis ist komplex geworden. Es ist geschmeidig und extrem beweglich. Es fluktuiert, und diese Fluktuation scheint nach der Art der kommunizierenden Röhren zu funktionieren.

Lässt das Geheimnis an einer Stelle nach, gleicht sich die Abschwächung an anderer Stelle umgehend wieder aus. Hatte man früher außer Haus ein Telefongespräch zu führen, fand die Privatsphäre ihre provisorische Entsprechung in der Telefonzelle, einem geschlossenen Raum. In den 70er Jahren wurden die Zellen luftiger, mit Schwingtüren. Schließlich schwanden die Wände zu Kunststoffwangen, zwischen die man mit dem Kopf in ein Restprivatissimum eintauchen konnte. Heute zeigt das verbliebene freipräparierte Rückgrat der Telefonzelle, der Kommunikationspfosten aus gebürstetem Stahl, das Zeitalter der geheimnislosen Telefongespräche an.

EDWARD SNOWDEN stellt mit den von ihm enthüllten Sachverhalten die Frage neu, was in einem Staat im Geheimen geschehen darf und was nicht. Die Tatsache, dass die National Security Agency, in Zusammenarbeit mit den britischen Government Communications Headquarters hunderte Millionen internationale Telefonate und E-Mails abgreift und dann auch noch die EU-Vertretung in Washington verwanzt hat, veranlasste den luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn zu der Bemerkung, "die USA sollten lieber ihre Geheimdienste überwachen statt ihre Verbündeten". Gäbe es ein anderes Extrem, ein zu wenig an Geheimnis? Oder müssen wir der Macht unweigerlich einen gewissen Raum für das Staatsgeheimnis einräumen, weil es den Staat im Innersten zusammenhält?

DURCH FEHLSTEUERUNG lässt sich, wie wir gerade sehen, auch ein vermeintliches Maximum an Macht gegen die Wand fahren. Neben den Amerikanern hat das in den zurückliegenden Jahrzehnten übrigens kaum jemand so eindrucksvoll unter Beweis gestellt wie das englische Königshaus. Denn auch die Monarchie lebt aus dem Geheimnis, das sie umgibt und man darf diese Magie nicht durch zu viel Licht entzaubern. 1969 sahen 27 Millionen Engländer die BBC-Dokumentation "Royal Family". Gezeigt wurde erstmals eine Version der Windsors als normale Mittelklassefamilie, die sich bloß darin von anderen unterscheidet, dass sie in einem Palast wohnt. "Sie wissen, dass sie mit dem Film die Monarchie killen", ahnte der Wissenschaftsjournalist David Attenborough. "Die ganze Institution beruht auf Mystizismus und dem Stammeshäuptling in seiner Hütte. Wenn ein Mitglied des Stammes das Innere der Hütte sieht, kann es sein, dass der Stamm zerfällt."

1993 wurde ein abgehörtes Telefonat zwischen Camilla Parker-Bowles und Prinz Charles veröffentlicht, in dem der Prinz sich wünschte, als ihr Tampon wiedergeboren zu werden. Attenboroughs Befürchtungen haben sich bewahrheitet. Längst ist die Monarchie der zerstörerischen Wirkung von Transparenz ausgesetzt. So hatte die Queen sich seit Beginn ihrer Regentschaft darauf berufen, dass der Monarch traditionell von der Einkommenssteuer ausgenommen sei. (Alle Regenten vor ihr haben Einkommenssteuer bezahlt. Erst ihr Vater Georg VI entschied, dass es Zeit sei, eine neue Tradition zu beginnen.) Seit 1993 ist sie wieder einkommenssteuerpflichtig.

DAS LANGWEILIGE PARADIES. Die Idealvorstellung vollständiger Transparenz führt zu einer Paradiesvorstellung, in der die Löwen einträchtig neben den Lämmern liegen – einer Welt ohne Passionen und Herausforderungen. Geheimnisse verhindern die Gefahr solcher Entropie in der Kommunikation. Sie erhöhen ihre Dynamik. Wer kommunizieren kann, spürt meist instinktiv, wenn ihm etwas vorenthalten werden soll. Wie Gerüche, so lassen Geheimnisse sich an winzigsten Ausdrucksspuren wittern. Sie wecken die Aufmerksamkeit und schärfen das Interesse. Auch wenn der faktische Kern eines Geheimnisses über lange Zeit gewahrt bleibt – ob es sich um Deep Throat oder die Vatikanische Bibliothek handelt – hält schon die Vermutung eines Geheimnisses den lebhaften Zustrom von Interesse aufrecht, oft über Jahre oder Jahrhunderte.

DER WUNSCH, durch eine Welt der Geheimnisse zu navigieren, fĂĽhrt zu den entsprechenden Produkten. So hat die japanische Elektronikfirma Koshida schon vor zehn Jahren ein Display auf den Markt gebracht, das nur mit einer Spezialbrille nutzbar ist (und das nicht an Privatpersonen verkauft wird). Betrachtet man den Bildschirm mit bloĂźem Auge, kann man nichts darauf erkennen. (bsc)