Wenn das Thermometer nicht reicht

In Tokio hat der Sommer so richtig begonnen. Auch Japaner schwitzen – und messen gleich einmal genau nach, wie unwohl sie sich fühlen.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Martin Kölling

In Tokio hat der Sommer so richtig begonnen. Auch Japaner schwitzen – und messen gleich einmal genau nach, wie unwohl sie sich fühlen.

Bis Anfang Juli hatte der Hochsommer einen Bogen um Tokio gemacht. Das Thermometer stieg nicht über 30 Grad. Nachts war es sogar so kühl, dass ich bei offenem Fenster das Gefühl hatte, dass sich der Raum abkühlt. Doch nun hat die Sommerhitze Japans Hauptstadt fest im Griff. 35 Grad betrug die Höchsttemperatur am Montag und Dienstag. Mein einziger Trost ist, dass nicht nur ich schwitze, sondern auch die Japaner. Aber Japan wäre nicht Japan, wenn das Schwitzen als Gradmesser für das Unwohlsein reichen würde. Im TV wurde ausführlich der Unbehaglichkeitsindex vorgestellt. Mit dem kann ich jetzt genau feststellen, wie unwohl ich mich fühlen darf.

Für den hier geläufigen Wert werden Temperatur und Luftfeuchtigkeit nach folgender Formel kombiniert: 0,81Td+0,01H(0,99Td-14,3)+46 – wobei Td für die Temperatur in Grad Celsius und H für die Luftfeuchtigkeit in Prozent steht. Bei 27 Grad Celsius Temperatur und einer Luftfeuchtigkeit von 55 Prozent kommt dann ein Wert von 75 Punkten heraus, lese ich. Steigt die Temperatur bei gleichbleibender Schwüle auf 29 Grad, erreicht der Index 80 Punkte. Und wie darf ich mich dann also fühlen? Bei Werten unter 55 Punkten kaaaalt, bis 60 kühl, bis 65 neutral, bis 70 gemütlich, bis 75 noch nicht heiß, bis 80 recht heiß, bis 85 schweißtreibend, über 85 unerträglich.

Es gibt auch noch andere Indizes, die gleiches aussagen. Da wäre der Humidex der gefühlten Temperatur, der sich anders als der japanische Index auf die Sommermonate zu beschränken scheint. Sich kalt zu fühlen ist in dem, den ich gesehen habe, nicht vorgesehen. Bei dem ist die Wohlfühlzone bis 29 gefühlte Grad Celsius angesiedelt. Ab gefühlten 35 Grad sollte man sich beim Sport bremsen, ab 40 Grad jegliche Anstrengungen vermeiden, ab 46 Grad einstellen. Und ab 54 Grad droht der Tod, gerne in Form des Hitzschlags. Bei einer Luftfeuchte von 70 Prozent beginnt die Todeszone bei 36 Grad, bei 40 Prozent erst bei 42 Grad. Der Grund ist, dass wir unsere Körper durch das Verdampfen von Schweiß kühlen. Und das Verdunsten fällt Wasser umso schwerer, je feuchter die Luft ist.

Thoms Discomfort Index macht das gleiche, allerdings mit unterschiedlichen Indexwerten. Unter 21 Punkten fühlt sich in diesem Maßstab niemand unwohl, zwischen 21 und 24 Punkten weniger als die Hälfte der Bevölkerung. Ab 30 Punkten stöhnen alle und ab 32 Punkten kreisen die Ambulanzen durch die Stadt und sammeln Hitzeleichen ein. Die Einschätzung bleibt die gleiche: Bei 70 Prozent Luftfeuchtigkeit wird's ab 36 Grad Celsius richtig gefährlich. Die japanische Firma Casio, bekannt für die robusten G-Shock-Uhren und Taschenrechner, hat einen Kalkulator ins Internet gestellt, in den man die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit eingibt und der darauf den Unbehaglichkeitswert auf die Zehntelstelle hinter dem Komma genau ausgibt. Es gibt auch diverse Apps für Apps oder iOS.

Natürlich sind die Werte nur Annäherungen. Kleidung, Wind und körperliche Verfassung verschieben die Skala im Einzelfall nach oben oder unten. In Japans Medien wird allerdings ein weiterer Faktor betont: das Alter. Denn Umfragen haben einen wichtigen Grund ausgemacht, warum die Zahl der Hitzetoten mit zunehmenden Alter steigt: Während junge Leute sich der Gefahr eines Hitzschlags bewusst sind, glauben nach einer Umfrage des Fernsehsenders "NHK" über die Hälfte der Rentner, dass sie nicht gefährdet seien, weil sie sich richtig verhalten würden. Viele glauben, sie trinken genug. Aber ein Forscher warnt, dass die Senioren oft Mythen aufsäßen, zum Beispiel, dass grüner Tee gegen Hitzschlag hilft. Erstens, so der Forscher, würde heißer Tee den Körper nicht ausreichend kühlen. Zweitens würden die Senioren oft nur am Tee nippen und daher zu wenig trinken. "NHK" empfiehlt mit großer Einblendung, wenigstens 1,2 Liter Flüssigkeit pro Tag aufzunehmen.

Und zum Abschluss noch ein Tipp zur AbkĂĽhlung bei sommerlicher Hitze aus meiner Rubrik "asiatischer Kulturvergleich": In Japan und China haben die Menschen zum SchweiĂź abtupfen kleine HandtĂĽcher dabei. Japaner benutzen allerdings trockene, Chinesen feuchte TĂĽcher. Aus eigener Erfahrung kann ich nur empfehlen, die feuchte Variante zu verwenden. Die erfrischt viel besser als ein trockenes Tuch. (bsc)