Objektiver Unsinn
Der Bundesrat hat zugestimmt, die Suche nach einem Endlager kann beginnen. Nun werde ein objektiver Kriterienkatalog abgearbeitet, heiĂźt es. Den aber gibt es nicht.
- Robert Thielicke
Der Bundesrat hat zugestimmt, die Suche nach einem Endlager kann beginnen. Nun werde ein objektiver Kriterienkatalog abgearbeitet, heiĂźt es. Den aber gibt es nicht.
„Transparent“ soll die Suche nach einem Grab für hochradioaktiven Abfall sein – und vor allem „wissenschaftlich“. So jedenfalls lautet der gesetzliche Auftrag an die Politik. Das klingt zunächst gut und wäre es auch – würde dahinter nicht die klammheimliche Hoffnung stecken, dass die Wissenschaft das Problem für die Politik löst. Doch so objektiv wie die Formulierung nahelegt, kann der Prozess gar nicht ablaufen. So viele Forschungsarbeiten und Experten ihn auch begleiten, er wird nie zu einem eindeutigen Ergebnis führen. Schließlich beschäftigen sich Wissenschaftler nicht erst seit dem Endlagersuchgesetz mit der Endlagerung von Atommüll. Gäbe es hierzulande also den perfekten Standort, sie hätten ihn mit ziemlicher Sicherheit längst gefunden. Was sie stattdessen gefunden haben: Alle denkbaren Standorte haben neben Vorteilen eben auch Nachteile, die selbst durch intensivste Forschungen nicht geringer werden.
Salzstöcke beispielsweise sind zwar undurchlässig, widerstehen Wärme und verformen sich bei Belastung eher als dass Risse entstehen. Dafür aber schließen sie den Atommüll über kurz oder lang komplett ein, austretende Gase können einen extremen Druck erzeugen und die Kavernen explodieren lassen. Zudem ist Salz wasserlöslich. In Granit dagegen ist Wasser kein Problem, dafür aber können sich durch Erdbewegungen Risse auftun und das Lager undicht machen. Ton, noch eine Alternative, hält größerer Hitze kaum stand und besitzt weder die Stabilität von Granit noch die von Salz.
Die Liste ließe sich fortsetzen, für ein Fazit reicht es aber schon jetzt: Am Ende wird das Endlager immer das Ergebnis einer Abwägung sein. Welche Risiken nehmen wir in Kauf? Wollen wir uns die Möglichkeit sichern, den Müll irgendwann wieder aus der Erde holen zu können? Wenn ja, für wie lange? Und natürlich die bitterste Abwägung von allen: In welcher Region ist die Gefahr am geringsten, weil sie am dünnsten besiedelt ist? Wer hat die Lasten der Atomenergie bisher getragen, wer ist in Zukunft dran?
Ganz besonders die letzten Fragen zeigen: Die neuen Kriterien mögen noch so wissenschaftlich sein, die großen Kämpfe um das Endlager werden weitergehen. Wer sich hinter der Wissenschaft verschanzt, duckt sich vor dem eigentlichen Konflikt: dem zwischen Politik und Bürger. (rot)